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Vierter Teil der "Mission: Impossible"-Serie: Neue Helden verzweifelt gesucht

Zum vierten Mal tritt Tom Cruise in "Mission: Impossible" als Superagent an. Dabei ist sein Ethan Hunt längst überflüssig. Brauchen wir überhaupt noch Helden?

Von Sophie Albers

Was haben die Talkshows des deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens und Hollywoods Helden gemeinsam? Es gibt zu viele davon. Unter anderem deshalb hinterlässt der klassisch gut gemachte vierte "Mission: Impossible"-Film "Phantom Protokoll" wohl so ein seltsames Gefühl der Leere. Noch so ein Film mit atemberaubenden, physisch unmöglichen Stunts, lustigen Sprüchen, jeden noch so heftigen Crash überlebenden Bösewichten, und einem Mann, der in allem so ungebrochen gut ist, dass man ihm keinerlei Gefühl zutraut und auch nicht entgegenbringt. Letzteres liegt natürlich auch an Teflon-Cruise. Doch zurück zum Helden, der zur Filmgeschichte gehört wie die Butter aufs Brot.

Sehnsucht nach dem Helden

David, Achill, Siegfried, Robin Hood, Supermann. Das Heldending war einst wunderbar einfach, wie in den Western, in denen der Gute den weißen und der Böse den schwarzen Hut trägt. Doch heute, im post-romantischen, post-zynischen, post-schwarz-weißen Entertainment-Jahrzehnt sind die Stetsons hässlich grau geworden: Könige schießen ihr Volk zusammen, Soldaten töten um des Töten Willens, Volkshelden stopfen sich die eigenen Taschen voll, und Superhelden sind sterblich: Das Publikum hat zu viel gesehen, gehört, gefühlt, zu viele Sterne aufsteigen und sofort wieder abstürzen sehen, um dem Heldenruhm einfach so Glauben zu schenken. Die Helden schaffen sich immer wieder selbst ab, weil sie sich als falsche Helden entpuppen. Dabei ist die Sehnsucht nach ihnen doch so groß.

Hollywood hat auf den Glaubwürdigkeitsverlust der reinen Helden mit dem Antihelden geantwortet. Gebrochene Kreaturen, die auch mal eine Idee, ihre Liebe oder ihr Land verraten, wenn es sein muss, doch so integer sind, dass wir ihnen alles verzeihen. Wir haben mit den Stallones und Schwarzeneggers geblutet und geschwitzt, wenn sie als Ein-Mann-Armee ihr Recht über das jedes anderen Menschen stellen. Dann kam 9/11. Wir haben den moralisch flexiblen Jack Bauer verehrt, der foltert und mit abgesägten Köpfen Aussagen erzwingt, um die Welt zu retten. Dann kam Abu Ghraib. Nach diesen Brüchen in den Grundfesten passen in unser Kopfkino gerade noch verwirrte, verratene Helden wie Jason Bourne und der neue James Bond. Heldische Eigenschaften sorgen für Misstrauen statt Bewunderung. Und das sogar beim Helden selbst.

Abgenutzt, belanglos, entwertet

Vielleicht deshalb sucht sich das Publikum seine Helden nun lieber selbst und verpasst ihnen gleich ein brutales Verfallsdatum, damit man sie gar nicht erst ernst nehmen muss: Castingshows suchen nach Helden aus dem Volk, die gegen die Goliaths der immer wieder verbalverätzenden Jurys antreten. Und sie sind in dem Augenblick vergessen, da sie den Riesen getötet haben, der danach - anders als sie selbst - sofort wieder aufsteht.

Doch was taugt ein Held in Zeiten, da jeder Held sein kann? Der Begriff scheint abgenutzt, belanglos und entwertet. Und das obwohl wir Helden dringend als Spiegel unseres Selbstbildes brauchen. Wie schon Peter "Spider-Man" Parkers Tante May sagte: "Wir brauchen diese mutigen Menschen, die bereit sind, Opfer zu bringen, die ein Vorbild sind für uns alle". Helden zeigen uns die Grenzen des menschlichen Verhaltens - im Guten wie im Schlechten. Ohne diese Grenzen ist der Mensch verloren. Das weiß jedes Kind.

Keinen anderen, aber einen neuen Helden

Wir brauchen keine WEITEREN, sondern NEUE Helden. Wie die aussehen werden, hängt allein von uns ab, denn "was ein Held ist, wird durch das soziale Koordinatensystem bestimmt, das die Tat bewertet und auf diesem Weg Heldentum definiert", sagt der Psychologe Christian Schneider vom Sigmund-Freud-Institut Frankfurt. Dieselbe Handlung, die einen zum Helden werden lässt, kann ihn in einem anderen Koordinatensystem zum Verbrecher oder Narren machen.

Auf seiner Suche nach neuen Helden hat das Kino schon viele Verbrecher und Narren geboren, aber es sucht weiter, wenn auch ein wenig ratlos, wie die Filme des kommenden Jahres zeigen: Mit dem zweiten Teil der "Expendables", in dem die versammelte Anti-Heldenmannschaft von Stallone bis Willis antritt, wird die beruhigende, weil nostalgische Flucht in die Vergangenheit angetreten. Den Blick nach vorn sollen wohl ehemalige Superhelden wagen, deren Heldengeburt deshalb neu erzählt werden muss, wie in "The amazing Spider-Man". Passender scheint da die Verfassung des Helden im nächsten "Batman": älter, verbittert, depressiv.

Wie auch immer der neue Held aussehen wird, "Spider-Mans" Onkel Ben hat ihm einst die entscheidenden Worte mit auf den Weg gegeben: "Mit großer Macht kommt große Verantwortung".

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