Von der Henne bis zum Prometheus Goldene Zeiten für Trophäen-Sammler


Vom Bambi über die Goldene Henne bis zum Goldenen Prometheus: Die Zahl der Preisverleihungen ist inzwischen unübersichtlich. Auch wenn der Sinn mancher Verleihung nicht mehr nachzuvollziehen ist: 2008 dürfen wieder viele Schauspieler, Musiker und Künstler, aber auch immer mehr Journalisten auf Auszeichnungen hoffen.

Verlage und selbst lokale Radiosender haben längst ihre jeweils eigenen Preisverleihungen etabliert und laden dazu Stars und Sternchen ein. Die rotieren dann eifrig durch die Republik, holen die Trophäen ab, steigern so ihren Marktwert - und verhelfen den jeweiligen Galaabenden zu mehr oder weniger Glanz. Die Inflation an Preisverleihung habe 1984 mit Einführung des dualen Rundfunksystems in Deutschland begonnen, sagt Hans-Jürgen Bucher, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Trier, der Nachrichtenagentur AP.

"Medien schaffen Medienereignisse, um präsent zu sein"

Damals seien andere Programmformate und Anbieter auf dem Markt gekommen, die mit Preisverleihungen auf sich aufmerksam machen wollten. "Medien schaffen Medienereignisse, um präsent zu sein. Wenn sie Preisverleihungen mit Stars initiieren, wird darüber auch berichtet." Wie unwichtig und inhaltsleer der Preis an sich oftmals ist, wird daran deutlich, dass die Preis-Kategorien auch schon einmal danach festgelegt werden, welche Stargäste kommen. So etwa geschehen bei der Verleihung der Goldenen Kamera 2002, als Meg Ryan kurzfristig absagte. "Wenn sie nicht kommt, gibt es auch keine Kamera", erklärte Organisatorin Beate Wedekind. Für "Ersatz" hatte sie vorher noch schnell gesorgt. In der neu kreierten Sparte "Aktualität" wurde Veronica Ferres ausgezeichnet.

Journalisten Teil des Systems

Aber auch die Journalisten selbst sind nicht ganz unschuldig daran, dass es immer mehr Medienpreise gibt. "Gerade diejenigen, die das System eigentlich analysieren und kritisch hinterfragen sollten, sind selbst zu Stars geworden und werden häufig prämiert", sagt Bucher. Das fänden viele von ihnen natürlich gar nicht so unangenehm - auch weil häufig noch ein erkleckliches Preisgeld hinzukommt. Damit seien sie aber Teil des Problems, sagt Bucher und moniert den Starkult etwa um Sabine Christiansen oder Anne Will. Erst 2005 beispielsweise etablierte das Medienblatt "V.i.S.d.P." den Journalistenpreis Goldener Prometheus. Ausgezeichnet wurden hier aber nicht nur Journalisten wie Maybrit Illner, sondern auch Sport-Koryphäe Oliver Kahn.

Man schmückt sich gerne mit Promis

Damit unterscheidet sich eine solche Veranstaltung, zumindest von den anwesenden Stars, auch nicht mehr stark von anderen Galaabenden: Bei Veranstaltungen wie der Goldenen Kamera, Goldenen Henne oder Bambi gehe es nicht um entsprechende Leistungen, die prämiert würden, sagt Bucher. "Es geht einzig und allein um die prominenten Personen, die dabei sind. Diese Veranstaltungen sind Anlass, um die Prominenten zu versammeln und sich mit ihnen zu schmücken."

Selbst lokale Radiostationen haben ihre eigenen Verleihungen mittlerweile im Terminkalender. Es gibt undotierte Preise, etwa vom "Medium Magazin", das seinen "Journalisten des Jahres" auszeichnet. Aber mit einigen Auszeichnungen ist auch viel Geld verbunden: Der "Elisabeth-Selbert-Preis" für den "lebensbejahenden Einsatz für Frauen" war 2007 mit 10.000 Euro dotiert.

Lobbyarbeit mit selbstloser Medienförderung

Andere hoch dotierte Preise werden von der Industrie für Berichterstattung über das jeweils relevante Fachgebiet ausgelobt. Es ist Lobbyarbeit mit dem Anstrich der selbstlosen Medienförderung. Allerdings gibt es durchaus Preise, die auch unter Insidern über jede Kritik erhaben sind, weil die Preisträger nach objektiv nachvollziehbaren, strengen Kriterien ausgewählt werden. "Der aussagekräftigste Preis in Deutschland ist der Adolf-Grimme-Preis", sagt Bucher. Daneben gelte der Theodor-Wolff-Preis als Gütesiegel für Qualitätsjournalismus.

Aber es gebe auch kleine Preise für die Ursache zumindest ebenso wichtig sei wie Wirkung. Für guten Journalismus seien solche Preise wichtig. "Dadurch wird Vorbildhaftes sichtbar gemacht und in den Redaktionen diskutiert." Die Betroffenen sehen die Flut an Preisverleihungen aber auch kritisch. "Es ist auffallend, mit welcher Lust immer noch etwas Neues erfunden wird", sagt Iris Berben in einem AP-Interview. Ihr sei es wichtig, zu wissen, in welchem Umfeld sie sich bewege, wenn sie entscheide, ob sie einen Preis annehme. Insgesamt jedoch finde sie es schön, ausgezeichnet zu werden. Aber natürlich gebe es für sie verschiedene Wertigkeiten: "Ein Leo-Baeck-Preis oder der Preis der hebräischen Universität gehen mir sehr nahe. Denn dass ich die Auszeichnungen erhalten habe, hat mit meiner Haltung als Mensch zu tun."

Preise helfen kleinen Filmen bei der PR

Der Schauspieler Jürgen Vogel freut sich über jeden Preis. "Jahrelang haben wir uns in Deutschland beschwert, dass es keine Stars gibt. Das hat sich auch durch die Preisverleihungen geändert", erklärt er in einem AP-Gespräch. "Außerdem kommen mit Preisen ausgezeichnete Projekte leichter ins Kino. Gerade schwierigen Filmen helfen Preise." Eine Studie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, in der unter anderem Preisträger des Grimme-Preises befragt wurden, kam zu dem Ergebnis, dass die Ausgezeichneten mehr Anerkennung verspürten, jedoch nicht unmittelbar ein höheres Einkommen verzeichneten. Schauspieler gaben aber an, es sei mit einer Auszeichnung einfacher, Rollen zu bekommen.

Holger Mehlig/AP


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