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Woody Allen: Der "Stadtneurotiker" wird 70

Eigensinnig, zutiefst depressiv und sehr komisch: Woody Allen, einer der bekanntesten Filmemacher Amerikas, wird 70. Doch die Freude hält sich in Grenzen - am liebsten würde der "Stadtneurotiker" seinen Jubeltag ausfallen lassen.

Seit seiner Kindheit schneidet Woody Allen die Banane für sein Frühstücksmüsli in sieben Stücke. "Wenn ich es anders machen würde, hätte ich Angst, dass ich das Universum aus dem Gleichgewicht bringen würde", gesteht der "Stadtneurotiker". Er spielt eben nicht nur die Typen aus seinen Filmen, er lebt sie. Am 1. Dezember wird er 70 Jahre alt.

Der Gedanke daran lässt seine sowieso schon depressive Grundstimmung weiter sinken. Am liebsten würde er den Geburtstag ausfallen lassen, sagte er kürzlich der "Zeit". Von der Idee, durch seine Werke unsterblich zu werden, hält er erst recht nichts: "Neulich sagte jemand zu mir, dass ich in den Herzen meiner Landsleute weiterleben werde. Ich will aber in meinem Appartement weiterleben!"

"In seinem Kosmos ist Woody Allen allmächtig"

Von Altersweisheit auch keine Spur: "Ich würde alle meine Fehler noch einmal machen." Was andere für den größten Fehler seines Lebens halten, ist für ihn selbst allerdings "mit das Beste, was mir je widerfahren ist": die Ehe mit der ehemaligen Adoptivtochter Soon-Yi. Das Bekanntwerden des Liebesverhältnisses mit der 35 Jahre jüngeren Koreanerin hatte 1992 seine langjährige Beziehung mit der Schauspielerin Mia Farrow zerstört und seinem Ruf schwer geschadet.

Doch alle, die ihn näher kennen, bestätigen, was er selbst von sich behauptet: "Es hat mich nie im Geringsten interessiert, was die anderen sagen." Er tut die Dinge, die er für richtig hält. Im Beruf genießt er dabei Vorrechte, die in der von Zwängen geprägten amerikanischen Filmbranche beispiellos sind: Niemand redet ihm in seine Filme hinein, er bestimmt alles - vom Drehbuch bis zur Regie. "In seinem eigenen Kosmos ist er praktisch allmächtig", sagt Barbara Kopple, die eine Filmdokumentation über ihn gemacht hat.

Karrierestart als Witzeschreiber

In dieser Hinsicht sei der wirkliche Woody Allen auch das Gegenteil des ängstlichen Versagers, den er auf der Leinwand so überzeugend verkörpert: "Wenn Woody Allen die Kontrolle übernimmt, besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass er der Boss ist."

Allan Stewart Konigsberg, so sein richtiger Name, hat immer schon gewusst, was er wollte. Bereits als 16-jähriger Schüler lieferte er jeden Nachmittag 50 bis 60 Witze an Klatschkolumnisten. Zum Beispiel: "Vor zwei Wochen habe ich ein sehr gutes Beispiel von oraler Empfängnisverhütung erlebt. Ich habe ein Mädchen gefragt, ob sie mit mir ins Bett gehen will, und sie sagte nein." Mit 29 Jahren verdiente er 10.000 Dollar pro Auftritt und war der bekannteste Komiker Amerikas. Seine einflussreichsten Filme drehte er Ende der 70er: "Annie Hall" (1977) und "Manhattan" (1979).

Nun ist seine große Zeit schon lange vorbei. Mit den Komödien, die heute im Kino Erfolg haben, kann er nichts anfangen: "Ich bin immer wieder überrascht davon, wie platt und gewöhnlich vieles ist. Ehrlich gesagt, das meiste davon ist für mich nur Zeitverschwendung und einfach nicht komisch."

Christoph Driessen/DPA / DPA
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