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Prinzessin Insomnia und ihr Nachtmahr: Wenn einem Walter Moers ins Hirn fährt

Prinzessin Dylia ist seit 16 Tagen ohne Schlaf. Sie verliert sich in der fantastischen Welt ihrer Gedanken. Bis eines Nachts ein Nachtmahr kommt und sie in den Wahnsinn treiben will.  Gibt’s nicht? Doch! In Zamonien. Unser Hörbuchtipp.


Darum geht es

Es gibt Hörbücher, bei denen Bilder hilfreich wären.  Eine Sachbuch über Flugzeuge etwa, oder eines über kosmische Phänomene oder den neuen Roman von Walter Moers "Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr".  Genau genommen ist das Buch ja gar nicht von Moers. Er ist lediglich der Übersetzer des zamonischen Großdichters Hildegunst von Mythenmetz. 

Geschichten aus Zamonien hat Moers bereits öfter "übersetzt", doch diese hier, die Fans seien hiermit gewarnt,  ist anders. Ganz anders.  Sie spielt nicht im vertrauten Zamonien, sondern im Kopf der Prinzessin Dylia.

Die junge Frau  kann nicht schlafen, nicht nur schlecht oder nur mal einen Tag nicht, sondern wochenlang nicht.  Die Familie hat bereits alles getan, um sie in den Schlaf zu bringen. Kein Rezept blieb unversucht,  war es auch noch so fantastisch. Ergebnis war meist ein kollektiver Tiefschlaf der gesamten Schlossbewohner.

Prinzessin Dylia, die sich selbst in Insomnia umbenannt hat,  wandert also nachts allein durch das Schloss. Und da niemand bei Bewusstsein ist, mit dem sie reden könnte, denkt sie für sich vor sich hin. Viel und sehr intensiv.   Eines Nachts sitzt ein Gnom auf dem Bett der Prinzessin. Er stellt sich als Nachtmahr vor, ein Gnom, der Alpträume überbringt.  Normalerweise sieht der Träumer ihn nicht, doch wenn er ihn sieht, dann wird der Nachtmahr zur Realität und verschwindet erst dann, wenn er sein Opfer in den Wahnsinn getrieben hat und sich schlussendlich umbringt.  Insgesamt also keine guten Aussichten für die Prinzessin.  Doch sie will den Kampf aufnehmen.  Sie will sicher sein, dass es den Wahnsinn überhaupt gibt. Der Nachtmahr bietet ihr eine Reise in ihr eigenes Gehirn an, zur Stadt Amygdala, in deren Zentrum das sagenhafte Herz der Nacht liegt. Prinzessin Insomnia willigt ein, ohne den wahren Grund des Angebots zu ahnen.

Die fantastischen Wesen, den die beiden auf ihrer Hirnfahrt begegnen, beschreibt Moers zwar genau, doch es fehlen die  Illustrationen des Buches, um sich beim Hören noch besser in die bevölkerte Welt von Hirn, Gedanken, Ängsten und Zwängen hineinzuversetzen.   

Und ohne die Bilder bleibt dem Hörer ein Detail verborgen: Für dieses Buch griff nicht Moers zur Zeichenfeder, sondern Lydia Rhode. Sie ist sozusagen Prinzessin Dylia in echt. Rhode leidet unter dem Chronischen Erschöpfungssyndrom CFS und extremer Schlaflosigkeit.  Die Illustratorin und Walter Moers lernten sich zufällig kennen und so entstand dieses außergewöhnliche Buch.

 

Der Sprecher

"Die Drei Fragezeichen – Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews…"  Wer hier schon die Melodie im Kopf hat, erinnert sich bestimmt an die Stimme von Bob Andrews – gesprochen von Andreas Fröhlich.  Walter Moers tobt sich in Sachen Sprachkonstruktion gehörig aus.  Der Zuhörer kann froh sein, die vielen kreativ komplizierten Wortschöpfungen vom hervorragenden Andreas Fröhlich vorgelesen zu bekommen.  Wie er zwischen den großartig modellierten Stimmen des Gnoms und der Prinzessin hin- und her springt ist "maximal elefantös" wie es Moers vielleicht ausdrücken würde.

 

Was nervt?

Das Buch kommt quälend langsam in die Gänge.  Eine Stunde lang ist keine Handlung in Sicht, man folgt allein den monologen Gedankenspielen der Prinzessin. Dem Hörer verlangt das ein hohes Maß an Wohlwollen ab, zumal viele der kreativen Gedankengänge und Wortspiele eher flach oder bemüht ausfallen. Erst wenn der Gnom die Bühne betritt und sich ein Dialog entwickelt, gewinnt die Geschichte an Fahrt.

 

Meine Lieblingsstelle

Die Grillos. Kleine schwarze spinnenartige Tiere in den Gehirnwindungen. Sie können nicht sehen, nicht hören, und nicht riechen. Sie bewegen sich jedoch auf jeden zu und umschlingen ihn, der an sie denkt.  Klebt also ein Grillo am Bein, denkt man daran, wie man ihn loswerden kann und schwups  kommt der nächste Grillo. Die Panik wird größer die Gedanken an den Grillo stärker, was den nächsten anzieht. Die Grillos sind ein wunderbares Bild für Zwänge, Ängste und sich selbst erfüllende Kreisläufe. 

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