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Podcast-Tipp

"180-Grad" Kehrtwenden im Leben: Der Podcast, der mit einem Mord begann

Lukas Klaschinski interviewt Menschen mit extremen Kehrtwenden im Leben. Seine Erkenntnis: Wir sollten unsere vorgefasste Meinung viel öfter hintenanstellen.

Lukas Klaschinski (39) ist Psychologe, Moderator mit einem Faible für Geschichten, die das Leben schrieb. In seinem Podcast !180 Grad" spricht er mit Menschen, die extreme Kehrtwenden im Leben vollzogen haben.

Lukas Klaschinski (39) ist Psychologe, Moderator mit einem Faible für Geschichten, die das Leben schrieb. In seinem Podcast !180 Grad" spricht er mit Menschen, die extreme Kehrtwenden im Leben vollzogen haben.

Er schlug sie nieder, dann sprang er mit voller Wucht auf ihr Gesicht. Einfach so. Die Ladenbesitzerin starb wegen 360 Euro aus der Kasse. Ihr Mörder hätte das Geld auch so haben können. Das war 1985. Ein Vierteljahrhundert saß Dieter Gurkasch deswegen in “Santa Fu”, einem der härtesten Gefängnisse Deutschlands. Ende 2011 wurde er aus der Hamburger Haftanstalt entlassen, als ein anderer Mensch, wie er über sich selbst sagt.  

Zur gleichen Zeit gut 350 Kilometer östlich hatte der Radiomoderator Lukas Klaschinski die Idee zu einem Podcast mit dem Titel “180 Grad – Menschen mit einer Kehrtwende im Leben". Dieter Gurkasch wurde sein erster Studiogast. Mehr Kehrtwende als bei dem 58-Jährigen geht nicht. Der ehemalige Gewaltverbrecher fand in seinen 25 Jahren hinter Gittern zu Gott, zum Frieden mit sich selbst und zum Yoga. Heute arbeitet er als Yogalehrer mit Strafgefangenen.

Mittlerweile ist der Podcast “180 Grad” in der fünften Staffel und Klaschinski Chef von zehn Angestellten seiner eigenen kleinen Podcast-Produktionsfirma. Etwa 100 Menschen hat der Berliner seither nach ihrer Lebenswende befragt. Nicht jeder vom Kaliber eines Gurkasch, dafür viele, deren Lebensgeschichte den Zuhörern etwas näher ist. Der Bergsteiger etwa, der seine Partnerin bei einem Unwetter in den Bergen verlor und seither mit Schuldgefühlen zu kämpfen hat; der Strafverteidiger, der erblindete und sich in seinen Beruf zurück kämpfte und die Schwangere, die ein Jahr vom IS entführt wurde und in Geiselhaft ihr Kind bekam. 

Wer mit vorgefasster Meinung zuhört, verpasst die Geschichte seines Gegenübers

Wer dem Podcast folgt, fühlt sich ein wenig wie die Maus unter dem Tisch bei einer Gesprächstherapie. Klaschinski lenkt sachte, er ist unaufdringlich und bewertet nicht. Auf diese Weise lässt er sein Gegenüber langsam aus sich herauskommen. Der Eindruck einer Therapie kommt nicht von ungefähr. Klaschinski ist Psychologe und war viele Jahre als Journalist für das Radio unterwegs. Die perfekte Mischung, sagt er. “Die Psychologie gibt dir das nötige Werkzeug in die Hand, Dinge unvoreingenommen zu betrachten. Wer mit vorgefasster Meinung zuhört, der erfährt nicht die Geschichte seines Gegenübers, sondern sucht den Abgleich mit seiner vorgefassten Meinung”, weiß er. Klaschinski faszinieren diese extremen Momente, in denen das Leben urplötzlich und radikal die Richtung ändert. Von ihnen, sagt er, gehe eine ungeheure Energie aus. 

Podcast 180 Grad

Fünf Staffeln gibt es mittlerweile vom Podcast "180 Grad".  Die Geschichten von den Kehrtwenden im Leben sind zeitlos. Staffel 5 gibt es hier.

Kurz reingehört

Sich ohne Bewertung zeigen zu können, ist eine menschliche Sehnsucht. Nicht nur die kirchliche Beichte lebt davon. Fernsehmoderator Jürgen Domian wurde mit dieser Haltung zum Vertrauten von Zehntausenden in seinem Nighttalks bei 1Live. 21 Jahre lang konnten ihn die Zuhörer nachts anrufen und offenbarten in der Live-Sendung ihre intimsten Geschichten. Domian hörte zu, fasste interessiert nach, doch bewertete nicht. Seine insgesamt 25.000 Anrufer fühlten sich vielleicht nicht immer verstanden wohl aber gesehen. Davor war fast 30 Jahre lang Dr. Erwin Marcus der Berater in allen Lebenslagen beim NDR. Sein sonores "Marcus, Guten Abend" ist heute noch legendär, genau wie im Norden Deutschlands die Rufnummer 44 17 77, unter der er rund 10.000 Hilfesuchenden zur Seite stand. 

Mit dem mobilen Studio durch Deutschland

Im Gegensatz zu den Live-Radiosendungen spricht Lukas Klaschinski am liebsten mit Menschen, die ungern an die Öffentlichkeit möchten. Er findet seine Gesprächspartner in den Nachrichtenspalten von Zeitungen, Onlinenews, über Bekannte von Bekannten oder durch Zufall wie zum Beispiel den blinden Strafverteidiger auf einer Zugfahrt nach Köln. 

Nach einem Vorgespräch packt der 39-Jährige sein mobiles Studio ein und fährt zu ihnen. Eine vertraute Umgebung macht locker. Ins Gespräch selbst greift er nur noch mit kleinen Richtungskorrekturen ein, ansonsten lässt er sein Gegenüber laufen. Der Vorteil der zeitversetzten Ausstrahlung: Wenn es hakt, wird es eben herausgeschnitten. "Dieses ständig reingrätschen und nachfassen, wie man es in Talkshows sieht, halte ich für einen Fehler. Man lässt seinem Gast überhaupt nicht die Zeit, gedanklich Schlaufen zu ziehen. Doch genau das führt oft zum eigentlich spannenden Kern," meint Klaschinski.

Jede der Geschichten, verändert mich ein wenig.

Er selbst gehe aus jeder Geschichte verändert heraus. "Ich habe in den sechs Jahren Podcast weit mehr über Menschen gelernt, als während meines Studiums", sagt er rückblickend. Und über sich selbst. Etwa bei der Geschichte der Kinderhospiz-Mitarbeiterin. "Ich bin Vater einer kleinen Tochter, und natürlich ist das die größte Angst überhaupt, wenn man den Tod seines Kindes miterleben muss", erinnert er sich. Seine Gesprächspartnerin habe ihm berichtet, dass die Angst immer bei den Eltern war und nie bei den Kindern. Die Kinder, so ihre Erklärung, seien so nah dran an dem, woher sie kommen, dass sie keine Angst hätten dahin zurückzugehen. "Diese Sichtweise hat mich nachhaltig geprägt, mich lebensbejahender werden lassen und mein Urvertrauen gestärkt", erzählt der Moderator nachdenklich. 

Diesen Erkenntnisgewinn erhofft Lukas Klaschinski sich auch für seine Zuhörer. Es sei immer wieder erstaunlich, wie sich die eigene, vorgefasste Perspektive auf die Welt plötzlich verändern kann, wenn man einmal unvoreingenommenen auf andere zugehe. 

  • Henry Lübberstedt