Spickzettel-Ausstellung Die Sündensammlung des Schulseelsorgers


Spicken ist eine Kunst für sich. An einer Berufsschule in Ahlen wird derzeit die Genese der schulischen Schummelei nachgezeichnet. Manche Pädagogen sind begeistert und finden Anregungen für die eigene Arbeit, andere lehnen die eingerahmten Tabubrüche vehement ab.
Von Sebastian Wieschowski

Die Organisation einer Kunstausstellung gehört eigentlich nicht zu den Aufgaben von Diakon Johannes Gröger. Trotzdem ist er derzeit eher Galerist als Seelsorger - und die meisten seiner Künstler hätten wohl nie damit gerechnet, dass ihre Werke eines Tages eingerahmt und bestaunt werden. Dabei sind viele Schüler am Berufskolleg St. Michael heimliche Künstler, präzise und berechnend arbeitende Minimalisten auf dem Sprung in die Illegalität, die den schulischen Sündenfall von langer Hand planen und mit möglichst wenig Einsatz möglichst viel erreichen wollen. Sie bringen es fertig, ganze Lexikoneinträge auf einen Fetzen Papier zu komprimieren - zwei Quadratzentimeter für die deutsche Nachkriegsgeschichte oder das Grundgesetz, die Schriftgröße im Nachkommabereich, knapp über "kaum lesbar" und einer Informationsdichte jenseits der Brockhaus-Enzyklopädie.

Johannes Gröger bricht seine Schweigepflicht normalerweise nicht, doch im Auftrag der Kunst macht er derzeit eine Ausnahme. Über 200 beschriftete Papierfetzen hat der Geistliche in seinem Arbeitsleben als Schulseelsorger am Berufskolleg im nordrhein-westfälischen Ahlen gesammelt. Damit die Asservatenkammer des Schülerschummelns nicht für alle Ewigkeit im Schuhkarton verschwindet, hat Gröger die größten, kleinsten, buntesten oder am besten versteckten Spicker ausgewählt, hinter Bilderrahmenglas gebannt und akribisch klassifiziert, als wolle er eine Wissenschaft begründen - "handgeschriebene Spicker, einfarbig" heißt eine Kategorie, "computergestalteter Spicker, mehrfarbig" eine andere.

Leichtes Zittern in den Fingern, ein Wirbelstürme im Bauch

Die gesammelten Schummelwerke der Berufsschüler bilden die Grundlage für eine Kunstausstellung, die noch bis Ende des Monats zu sehen ist. "Vertrauensblicke" hat Gröger sie genannt. Gemeint ist der Moment, in dem sich der Blick des Schülers mit dem des Lehrers ein letztes Mal trifft, bevor die Schülerhand zum Spicker greift. Ein Augenblick von monumentaler Bedeutung, wie Diakon Gröger befindet - ein leichtes Zittern setzt in den Fingern ein, Wirbelstürme durchschütteln den Bauch, ein letztes Mal muss der Schüler die Frage beantworten, ob er den Täuschungsversuch wagt, der laut Schulrecht im Wiederholungsfalle zum Ausschluss vom Schulbetrieb führen kann - und das weitere Zusammensein zwischen Schüler und Lehrer nachhaltig beschädigt. Ein Grund, warum auch ein zerbrochener Krug zu den Exponaten der Ausstellung gehört.

Nach Spickversuch auf dem Kieker der Lehrer

Der Vertrauensbruch schmerzt auch die Schüler, wie Gröger aus Einzelgesprächen mit überführten Delinquenten weiß: "Wie mir einige unserer neuen Unterstufenschüler erzählten, wurden sie nach einem aufgefallenen Spickversuch von dem Lehrer anschließend erst einmal eine gewisse Weile links liegen gelassen, also trotz zahlreicher Meldeversuche einfach nicht drangenommen. Andere Schüler berichteten, dass der Lehrer sie nach dem aufgeflogenen Spickversuch regelrecht auf dem Kieker gehabt und ständig drangenommen hätte." Auch seien die Schüler gar nicht so kaltblütig, was den Betrug anbetrifft: "Viele Schüler, die erwischt wurden, berichten mir danach, dass sie sowieso die ganze Nacht nicht geschlafen hätten und am anderen Tag mit zitternden Knien in die Schule gegangen seien."

In der Ausstellung wird die Genese des Mogelns in der Schule detailliert und semi-wissenschaftlich nachgezeichnet: "Begonnen hat alles mit den handschriftlichen Spickern, einfarbig erstellt", berichtet Gröger. Diese seien teilweise extrem sauber und mit großem Zeitaufwand erstellt worden - nicht zuletzt aus Respekt vor dem Sündenfall und der damit verbundenen Grenzüberschreitung. Doch auch schon zu Urzeiten der Schüler-Schummelei gab es die schlampigen Teilzeitbastler. "Deren Spicker wurden scheinbar in der letzten Pause vor der Arbeit erstellt wurden, unsauber geschrieben, teilweise auch mit Fehlern versehen."

Manche Schriftgrößen sind mit bloßen Auge kaum wahrnehmbar

Technische Erfindungen wie das Kopiergerät halfen wenig später, die Effizienz der Spickzettel zu erhöhen - die Buchvorlagen konnten verkleinert werden und wurden dadurch für den Einsatz handlicher. Das Urteil des Teilzeitgaleristen fällt hierzu deutlich aus: "Diese Spicker sind pädagogisch total wertlos". Ins neue Jahrtausend kamen die kleinen Zettelchen dank des Computers: "Mit kleiner Schrift, teilweise auch im Farbdruck konnten nunmehr die Spicker ausgearbeitet werden. Um sie vor den schwitzigen Fingern zu schützen, wurden sie bisweilen mit Tesa laminiert", berichtet Gröger. Manche Schriftgrößen seien mit dem bloßen Auge kaum mehr wahrnehmbar.

Trinkpäckchen auf Deutschlandtour

Die Reaktionen auf das Kunstprojekt fallen höchst unterschiedlich aus. Ein Lehrer einer anderen Schule soll von der Ausstellung über alle Maßen begeistert gewesen sein, nachdem er einen Spicker fand, auf dem der achtfache Pfad des Buddhismus zusammengefasst war. Wo man eine derartige gute Zusammenfassung finden könnte, wollte der Pädagoge daraufhin wissen. Andere verzichten lieber darauf, sich mit der Sündensammlung des Schuldiakons auseinander setzen: "Ein Kollege einer anderen Schule lehnte den Besuch ab, weil seine Schüler schon genug mogeln und nicht noch weitere Anregungen bekommen sollten."

Dabei ist ausgerechnet das interessanteste Exponat nicht in Ahlen zu bestaunen. Das Meisterstück der exzentrischen Mogel-Exoten der Spicker-Kunst ist ein umgebautes Trinkpäckchen mit einer doppelten Seitenwand. Es befindet sich seit Eröffnung der Ausstellung auf Deutschlandtour.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker