HOME

Air: Musik wie Liebemachen

Luftig, sexy, melodiös: Auf ihr Album "Talkie Walkie" haben die Klangbastler von Air gepackt, was sie "Mädchen nicht zu sagen wagen".

Etwas Haut, Milliarden von Genen - das bist du. Ich brauche deine DNA." Klingt, als wollte ein Biologe eine Laborratte auseinander nehmen? Aber nein: Jean-Benoit und Nicolas machen mit diesen Worten eine Liebeserklärung. Sie sind Franzosen. Und bezeichnen sich als Romantiker. Deshalb muss man ihnen glauben, dass es sich um Liebe handelt. Nur eben sehr modern und "Biological" - wie der Titel schon sagt. Die Musik zu diesen Textzeilen klingt aber keineswegs wie eine Versuchsanordnung, sondern so, wie man es von den beiden kennt: warm, flauschig, sexy.

Jean-Benoit Dunckel und Nicolas Godin, beide 34, sind bekannt unter dem Namen Air. Früher haben sie noch in Klammern "French Band" dazugeschrieben, weil sich sonst keiner etwas darunter vorstellen konnte. Spätestens seit dem Erscheinen von "Moon Safari" 1998 müssen sie sich nicht mehr erklären. Dieses Album war eines der wichtigsten der 90er Jahre und gehört heute zur Standardbeschallung in den Lounge-Clubs dieser Welt: die geniale Zusammenführung von Retro-Sound und Futurismus. Eine Musik, die aufs Schönste dem Bandnamen entspricht: luftig und melodiös.

Fans der ersten Stunde bedauerten, dass Air zwischenzeitlich einen experimentellen Schlingerkurs einschlugen, elektronischer und rockiger klangen. Auf dem neuen Album "Talkie Walkie" sind sie wieder beim reinen Wohlklang angekommen. Doch Dunckel und Godin sind nach wie vor zwei herausfordernde Geister.

"'Biological' analysiert die Reaktionen im Körper, wenn jemand sich verliebt", sagt Nicolas. "In diesem Text betrachten wir menschliche Wesen nur als Mischung aus Fleisch, Blut, Knochen und Genen." Das ganze Album, sagen sie, "drückt aus, was wir den Mädchen nicht zu sagen wagen". Für ein Video haben sie den Pornoregisseur Kris Kramski verpflichtet, bekannt für besonders explizite Fantasien. Und noch einen Inszenierungs-Profi riefen die beiden zu sich: Hedi Slimane, Chefdesigner von Dior, entwirft Bühne, Lichtstimmungen und Garderobe für ihre kommende Tournee.

"Vielleicht brauchen wir unsere Musik, um uns von der Realität zu kurieren", sagt Jean-Benoit, während seine Augen unruhig wandern. "Um diese dauernde Nervosität abzuschalten." Auch Nicolas, der mit allem herumspielt, was ihm in die Hände kommt, wirkt nicht gerade wie ein Zen-Meister. "Musik lehrt dich, die Dinge leichter anzugehen und offener zu sein. Weil du selbst nicht wichtig bist - die Musik geht durch dich hindurch. Du bist nur ein Instrument. Das ist wie Liebemachen."

Die Nervosität hat ihren Grund in einem heftigen Schaffensrausch. Air haben neben dem neuen Album auch Musik für ein Ballett, den Soundtrack zur Lesereise des italienischen Schriftstellers Alessandro Baricco und zu Sofia Coppolas neuem Film "Lost in Translation" geschrieben (wie schon für deren Erstling "Die Selbstmordschwestern"). Fast ein Jahr lang sind die beiden kaum vor ihre Pariser Studiotür gekommen, "es war ein schönes Gefängnis". Andere Bands haben sich in solchen Situationen schon zerfleischt. Aber Jean-Benoit und Nicolas, die beinahe alles allein einspielen, empfinden ihre Verbindung als telepathisch. Sie betrachten sich als "zwei Hälften eines Gehirns". Zwei Walkie-Talkies, ständig auf Empfang. Auch eine Form von Liebe.

Ralph Geisenhanslüke

print