Tanzen, auch "wenn die Welt wankt": Bei den meisten anderen Künstlerinnen würde man solchen Zeilen nicht allzu viel Bedeutung beimessen, bei Céline Dion erzählen sie aber auch über die reine Musik hinaus eine Geschichte. Die 58-jährige Kanadierin, eine der größten Sängerinnen aller Zeiten, konnte zuletzt aufgrund schwerwiegender gesundheitlicher Probleme lange auf keiner Bühne stehen und auch nicht singen. Mit "Dansons" meldet sie sich nun eindrucksvoll zurück. Neues und Hörenswertes gibt es außerdem von Deutschrap-Pionier Thomas D und Nine Inch Nails, die ein Kollabo-Album mit dem deutschen DJ Boys Noize aufgenommen haben.
Céline Dion – Dansons
Es war eine der erfreulichsten Nachrichten der jüngeren Popmusik-Geschichte, als Céline Dion vor wenigen Wochen für September 2026 ihre Rückkehr auf die Bühne ankündigte. Zehn Konzerte in der Pariser Arena La Défense wird sie spielen, die ersten Live-Auftritte der zuletzt so leidgeplagten Kanadierin seit über sechs Jahren. Jetzt wird das Comeback von Céline Dion auch musikalisch greifbar: Mit "Dansons" hat die Ausnahmesängerin gerade eine neue Single veröffentlicht.
Der Titel verrät es schon, mit "Dansons" ("Lasst uns tanzen") setzt Céline Dion mal wieder auf die französische Sprache. Dabei wird sie von einem alten Bekannten unterstützt: Den Titel schrieb Jean-Jacques Goldman, mit dem Celine Dion bereits früher überaus erfolgreich zusammenarbeitete. Mit Goldman als Hauptsongwriter entstand 1995 "D'eux", das meistverkaufte französischsprachige Album aller Zeiten.
So handelt "Dansons" nun also von der großen Lust, zu tanzen, auch und gerade dann, "wenn die Welt wankt" und man "über dem Abgrund" schwebt. Es ist ein Titel zwischen Triumph und Schwermut, der vor dem Hintergrund von Céline Dions persönlicher Geschichte eine besondere Wucht entfaltet. 2022 machte die sechsfache Grammy-Gewinnerin publik, dass sie an dem unheilbaren Stiff-Person-Syndrom leidet, das sie unter anderem beim Laufen und auch beim Singen stark beeinträchtigt. Zwischenzeitlich zog Dion sich fast vollständig aus der Öffentlichkeit zurück. Umso schöner, dass die Welt diese Stimme jetzt wieder hören darf!
Thomas D – Neocortex
Ob der Neocortex nun eine sehr späte evolutionäre Entwicklung ist oder nicht, darüber wird unter Wissenschaftlern bis heute gestritten. Einig sind sie sich aber darüber, dass in diesem speziellen Teil der Großhirnrinde höhere kognitive Leistungen wie etwa das Denken oder auch die Sprache angesiedelt sind. Des Weiteren ist es ein unbestreitbarer Fakt, dass Thomas D von der Band Die Fantastischen Vier genau so sein neues Soloalbum nennt: "Neocortex".
"Neocortex, Bewusstsein und Bewegung, Eingebung, Abwägung oder Überlegung / Egal, wie du wählst, das Leben ist komplex, Neocortex ...", so heißt es im Titelsong zu dieser neuen Platte von Thomas D, die über einen Zeitraum von 13 Jahren Form annahm. Dass der Deutschrap-Pionier viel Arbeit (vor allem viel Denk-Arbeit) in diese zwölf Songs straight outta Neocortex gesteckt hat, hört man auch. Thomas D befasst sich intensiv mit dem "menschlichen Sein", erforscht etwa, in welchem exakten Moment das "Ich" entsteht und wie sich daraus ein "Wir" entwickelt. Die Veränderung als einzige Konstante des Lebens ist ein großes Thema. Jenseits der Philosophie schafft der immer noch sehr versierte Sprachkünstler aber auch Platz für sein ganz persönliches "Ich" und seine eigene Biografie (speziell in "Kurz zu mir").
Die Jazz-Instrumental-Band The KBCS, mit der Thomas D in der Vergangenheit schon mehrfach arbeitete, liefert das musikalische Gerüst von "Neocortex"; in einem der Songs wirkt Liedermacher-Ikone Reinhard Mey als Gaststar mit ("Federleicht"). In Kürze startet für Thomas D und The KBCS dann auch eine ausgiebige "Neocortex"-Tour, die dann ab Dezember fast nahtlos übergeht in die "Der letzte Bus"-Konzertreihe der Fantas – es sollen ja die letzten Live-Auftritte der wegweisenden deutschen HipHop-Formation werden.
Nine Inch Nails & Boys Noize – Nine Inch Noize
"Listen loud!", lautet die zentrale Gebrauchsanweisung von Trent Reznor – man solle diese Musik laut aufdrehen. Genau dafür waren die meisten Lieder von Reznor und seiner Band Nine Inch Nails ja eigentlich auch schon vor 30 Jahren gemacht. Diesmal geht es allerdings nicht um einen dystopischen Industrial-Rock-Abriss, sondern um eine Art Techno-Goth-Dance-Party. Er habe sich schon lange mit der Idee getragen, das Material von Nine Inch Nails einmal in eine noch radikalere elektronische Richtung zu drehen, erklärt Reznor. Mit dem Projekt Nine Inch Noize wird das Konzept jetzt konsequent durchexerziert.
Als Reznor vor wenigen Tagen ein "Nine Inch Noize"-Album ankündigte, ahnten die Fans schon, wo die Reise ungefähr hingehen würde. Der deutsche DJ Boys Noize begleitete die Nine Inch Nails zuletzt nicht nur als Support-Act auf der "Peel It Back"-Tour, sondern wurde ein zentraler Bestandteil der Show. Aus der Tour heraus entstand schließlich die Idee für ein komplettes gemeinsames Set beim Coachella-Festival und damit verbunden auch der Plan für eine Platte.
Auf "Nine Inch Noize" hört man keine neuen Songs. Dieses "Halo 38", also die 38. Veröffentlichung im NIN-eigenen Zählsystem, ist aber zweifellos eine Bereicherung für die Diskografie der Band. Die einzelnen Titel werden nicht einfach nur mit scharfkantigen Synthesizern anstelle brachialer Gitarren nachgespielt, sondern komplett neu erfunden – was bei Klassikern wie "Heresy" und "Closer" natürlich besonders spannend ist. Ebenfalls interessant: Mit Veröffentlichung von "Nine Inch Noize" hat Trent Reznor angekündigt, in Kürze auch mit der Arbeit an ganz neuer Nine-Inch-Nails-Musik zu beginnen.