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Dolly Parton: Große Dame des Country singt Folk

Gerade erst 60 Jahre alt geworden, hat Dolly Parton ihr jüngstes Album mit dem viel sagenden Titel "Those Were The Days" veröffentlicht. Der untypische Inhalt: klassische Folksongs der 60er und 70er Jahre.

Die große Dame der Country Music hat sich auf ihrem neuen Album klassischen Folksongs angenommen, die die 60er und 70er Jahre prägten. Ist das nun ein Zeichen von Wehmut, der Sehnsucht nach der verflossenen Jugend? Einerseits nein: "Es macht mir nichts aus, 60 zu sein, ich mag nur nicht drüber reden", sagt Parton. Und kokettiert gleich mit ihrem so gar nicht altersgemäßen Äußeren, geschaffen über viele Jahre mit chirurgischer Hilfe: "I'm not sixty, I'm sexty!" Auf der anderen Seite sei es schon so, dass "mich diese Titel zurück in die damalige Zeit versetzen. Aber ich habe sie auch in die Gegenwart gebracht und viele neue Akzente gesetzt."

"Fast jeder, den ich fragte, sagte Ja"

Lieder wie "Blowin' In The Wind", "Me And Bobby McGee" oder "If I Were A Carpenter" habe sie damals einfach geliebt, und daran hat sich nichts geändert. Irgendwann sei ihr dann die Idee gekommen, dass sie die Lieder aufnehmen könnte, als eine Art Vermächtnis "für die Zeit in vielen, vielen Jahren, wenn ich nicht mehr da bin. Und ich wollte sehen, wie viele der Originalkünstler oder Autoren ich dazu kriege, die Titel mit mir zu singen. Und fast jeder, den ich fragte, sagte Ja."

Tatsächlich konnte sie Originalsängerin Mary Hopkin für den Titelsong gewinnen, die sie in England erreichte und die sich sogar als großer Fan Partons entpuppte. Yusuf Islam, früher Cat Stevens, sang mit ihr sein "Where Do The Children Play", Kris Kristofferson wirkte in "Me And Bobby McGee" mit. Mit dem von ihm geschriebenen Titel setzte Janis Joplin Maßstäbe, an denen schon so manche Nachfolgerin gescheitert ist. Doch Dolly Partons Sopran meistert die Hürde würdevoll. "Crimson and Clover" wird unter Mitwirkung von Tommy James vom Kitsch-Überhang befreit und erhält einen Bluegrass-Anstrich, und Byrds-Gründer Roger McGuinn hat einen Auftritt in "Turn, Turn, Turn".

Unterstützung von jüngeren Kollegen

Dort, wo die Originalkünstler nicht mehr greifbar waren, holte sich Parton Unterstützung von jüngeren Kollegen. Für "Where Have All The Flowers Gone" etwa Norah Jones und Lee Ann Womack ("eine wunderbare Mischung"), für "The Cruel War" Alison Krauss, Mindy Smith und Dan Tyminski. Und bei John Lennons "Imagine" lässt sie sich von David Foster am Piano begleiten. Praktisch der einzige, der Parton tatsächlich eine Absage erteilte, war Bob Dylan, oder jedenfalls sein Management. "Ich habe ihn nicht persönlich gefragt", betont Parton, und schlimm sei die Absage auch nicht gewesen, denn so habe sie für "Blowin' In The Wind" die wunderbare junge Band Nickel Creek gewinnen können.

Bei den zwölf Titeln des Albums liegt der Schwerpunkt ganz eindeutig auf Dolly Partons Stimme, die meisten Mitsänger bleiben im Hintergrund. Nur zwei echte Duette gibt es: "Twelth Of Never" mit Keith Urban und das in der Version von Johnny Cash und June Carter bekannt gewordene "If I Were A Carpenter" mit Joe Nichols. "Aber eines Tages mache ich hoffentlich noch ein richtiges Duett-Album. Es gibt da ein paar großartige Typen, mit denen das Spaß machen würde." Sie müsse dann nur welche finden, die mit einer 60-Jährigen singen wollten - "man wird nie zu alt zum Träumen", lacht sie.

"Man sollte seine Meinung als Künstler für sich behalten"

Angesichts eines ganzen Albums mit Liedern aus der Ära der Proteste, darunter auch einige echte Anti-Kriegs-Lieder, stellt sich die Frage, ob Dolly Parton damit vielleicht auch eine subtile politische Erklärung abgeben wollte. Anders als etwa die Dixie Chicks oder Steve Earle, die klar Stellung gegen die Irak-Politik von US-Präsident George W. Bush bezogen und die dafür im konservativen Nashville viel Kritik einstecken mussten, hat sich Parton bislang nie derartig geäußert.

"Natürlich habe ich zu allem meine eigene Meinung. Aber ich denke, die sollte man als Künstler für sich behalten. Sonst stößt man auf der einen oder auf der anderen Seite jemanden vor den Kopf. Ich gebe keine Erklärungen ab. Ich wünschte, wir kämen alle gut miteinander aus. Ich liebe jeden!" Und sie verweist auf den Titel "Turn Turn Turn", dessen Text an die Bibel angelehnt ist: Alles hat seine Zeit. "Es hilft zu wissen, dass es schon immer Kriege gegeben hat. Wenn man das hört, weiß man, dass diese Dinge passieren werden, auch wenn man sich wünscht, dass es nicht so wäre." Eine diplomatische Antwort, mit der die Powerfrau nicht zuletzt einmal wieder ihren Geschäftssinn beweist.

In ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen

Als Kind mit elf Geschwistern in äußerst bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, brachte sie es in ihrer langen Karriere zur vielfachen Millionärin. Rund 3000 selbst geschriebene Lieder hat sie veröffentlicht, darunter Klassiker wie "Jolene", "Coat Of Many Colors", in dem sie ihre arme, aber glückliche Kindheit beschreibt, oder "I Will Always Love You", das Whitney Houston bekannt machte. Mit ihrem erfolgreichen "Dollywood"-Vergnügungspark brachte sie Arbeitsplätze in ihre verarmte Heimatregion, und eine von ihr gegründete Organisation versorgt Kinder US-weit mit Büchern.

Der Ehemann als Schattenmann

Etwas hat sie sogar mit Angela Merkel gemeinsam: Ihr Ehemann erscheint so gut wie nie öffentlich an ihrer Seite. 1966, im Jahr ihrer Hochzeit, begleitete er sie, als sie mit ihrem allerersten Preis ausgezeichnet wurde. "Er fühlte sich miserabel, er hasste jede Minute. Und als wir wieder zu Hause waren, sagte er: Ich bin wirklich stolz auf dich und will, dass du glücklich bist mit dem, was du machst. Aber bitte frag mich nie wieder, dass ich mitkommen soll.' Wir haben uns verliebt, bevor ich ein Star wurde, und er steht einfach nicht gern im Rampenlicht. Das habe ich respektiert." Erklärt die Frau mit dem Aussehen einer Barbie-Puppe, die aber dennoch erfrischend bodenständig auftritt. Und von der zahlreiche Zitate kursieren, in denen sie Witz und Selbstbewusstsein beweist. Wie dieses: "Blondinenwitze stören mich nicht, weil ich weiß, dass ich nicht dumm bin. Und ich weiß auch, dass ich nicht blond bin."

Nina Sündermann/AP / AP