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Reportage

Im Sitzen tanzen: Feiern trotz Coronavirus: Wenn das Auto zur Disco wird

Das Coronavirus bedroht die Diskotheken-Branche in ihrer Existenz. Seit Anfang März steht das Nachtleben still. In Trittau hat ein Klub-Betreiber nun ein fünftägiges Auto-Disco-Festival veranstaltet. Eine echte Alternative – oder nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Party im Sitzen: Feiern in Zeiten des Coronavirus: Wenn das Auto zur Disco wird

Yvo, Pascal und Fabio sind früh dran, anderthalb Stunden zu früh, um genau zu sein. Erst um 21 Uhr geht die Auto-Disco los. Yvo nutzt die Zeit, um noch eine Zigarette zu rauchen. Er macht die Beifahrertür des dunkelblauen VW Golf IV auf, steigt aus, kramt die Schachtel aus seiner linken Hosentasche und zündet sich genüßlich eine an. Sein Freund Pascal stellt währenddessen schon einmal die richtige Frequenz ein. Auf UKW 99,7 legt der DJ nachher auf. Sein jüngerer Bruder Fabio beobachtet ihn von der Rückbank und nippt an seinem Energy-Drink.

"Endlich mal wieder feiern. Das waren wir lange nicht mehr", sagt Pascal und reibt sich die Hände, nachdem er die richtige Frequenz gefunden hat. Die drei sind an diesem Donnerstagabend Ende Mai aus der niedersächsischen Kleinstadt Buchholz nach Trittau, eine Gemeinde im Süden Schleswig-Holsteins unweit von Hamburg, gekommen. Etwas mehr als 60 Kilometer sind sie dafür gefahren. Über die A1, A24, Bundesstraße 404, Ausfahrt Großensee/Trittau-Nord, dann über die Großenseer Straße und direkt nach der Ortstafel die zweite Einfahrt rechts. Dort liegt mitten im Nichts, zwischen Feldern und noch mehr Feldern, die Großraumdiskothek Fun-Parc.

Ein quadratisches Backsteingebäude, in dem an normalen Wochenendtagen tausende alkoholisierte Partygänger flirten und tanzen. Seit dem 12. März ist die Diskothek geschlossen. Doch heute soll hier wieder gefeiert werden – nicht im Club, sondern davor. Auf einem der zwei Parkplätze, der etwa so groß ist wie ein Fußballfeld und Platz für 360 Autos bietet. Der Fun-Parc Trittau veranstaltet hier ein fünftägiges Car-Festival. Vier riesige LED-Leinwände, eine Bühne, zwei Dutzend LED-Lichter, mehrere Moving-Headlights, also sich bewegende Scheinwerfer, vier sogenannte Flemjets, aka Flammenwerfer, wurden aufgebaut. Und hunderte Meter Kabel verlegt.

Yvo, Pascal und Fabio wollten unbedingt an einem der Tage dabei sein. Sie arbeiten selbst als Veranstaltungstechniker und organisieren Events mit bis zu 4500 Gästen. Seit der Corona-Krise sind ihnen die Aufträge weggebrochen. Sie suchen nach neuen Ideen. Eine Lösung wäre, selbst eine Auto-Disco auf die Beine zu stellen. "Wir wollen uns heute mal ein Bild davon machen, wie die das hier so angehen", sagt Pascal und fügt hinzu: "Aber natürlich sind wir nicht nur ausschließlich deswegen hier. Yvo hat morgen Geburtstag." Sein Freund wird 28 Jahre alt. Dass er seinen Geburtstag in einem Auto feiert, hätte er Anfang des Jahres noch für einen schlechten Scherz gehalten. Nach wochenlangem Lockdown freut er sich. "Wer kann schon von sich behaupten, seinen Geburtstag so zu feiern?", sagt er mit einem Lächeln im Gesicht. "Zumal wir alle etwas unterfeiert sind. Das hier heute ist ein Stück weit die Rückkehr in die Normalität."

Die Diskotheken-Branche kämpft ums Überleben

Das Wort wird an diesem Abend öfter fallen. Insbesondere Knut Walsleben wünscht sich die Normalität zurück. Seit 2007 betreibt er den Fun-Parc Trittau. Er ist ein Typ, wie man sich Stammgäste in der Sansibar auf Sylt vorstellt: Polohemd, dunkelblaue Markenjeans, weiße Sneaker, Sonnenbrille, braun gebrannt und leichter Wohlstandsbauch. Der Unternehmer und Vizepräsident des Bundesverbands deutscher Discotheken und Tanzbetriebe e.V. (BDT) fühlt sich von der Politik im Stich gelassen: "Ich bin ganz ehrlich", sagt er. "Die Branche kämpft gerade ums Überleben."

Vor der Corona-Krise sah das anders aus. Das Geschäft lief. Die Großraumdiskothek war eine Ausnahme in einer Branche, die seit Jahren mit schwindenden Gästen zu kämpfen hat. In fast 13 Jahren feierten hier mehr als drei Millionen Gäste auf mehr als 1500 Partys. Am 7. März fand die letzte statt. Seitdem sieht Walsleben dabei zu, wie das Virus die Ersparnisse seines Unternehmens verschlingt. "Am Anfang rechneten wird noch damit, dass der Lockdown zwei bis vier Wochen andauern würde – wie eine Grippe", berichtet er. "Wir haben also kleine Arbeiten erledigt: Reparaturen, Instandhaltung und haben geguckt, wo man noch etwas verschönern kann. Und dann hat sich mit der Zeit das Ausmaß der Krise herausgestellt."

Er muss umdenken. Es geht nur noch darum, die laufenden Kosten zu senken. Walsleben beantragt Soforthilfe und Kurzarbeitergeld für seine acht Festangestellten. Er verhandelt mit dem Vermieter über eine Mietminderung. Er meldet sogar die zehneinhalb Meter lange Hummer-Limousine ab, die Gäste gegen eine Pauschale mieten können – um monatlich 200 Euro zu sparen. Nach schlaflosen Nächten mit Existenzängsten schafft er es, die Betriebskosten um etwas mehr als 35 Prozent zu reduzieren.

Mit seinen Ängsten ist Walsleben nicht der Einzige. Die anhaltendenden coronabedingten Einschränkungen bringt die Diskotheken-Branche in eine dramatische Lage. Das verdeutlicht eine Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands unter den im BDT geführten Klubs und Diskotheken. Demnach betragen die laufenden Kosten für eine Diskothek durchschnittlich etwas mehr als 27.000 Euro pro Monat.

Fun-Parc-Betreiber Knut Walsleben

Fun-Parc-Betreiber Knut Walsleben

Das sind Kosten, die derzeit nicht gedeckt werden können. Der BDT fordert deshalb dringend einen Rettungsfonds. Ansonsten drohe ein Diskotheken-Sterben, fürchtet Präsident Hans-Bernd Pikkemaat. "Ohne Hilfe werden zwei Drittel aller Klubs und Discos die Corona-Krise nicht überstehen. Klubs und Discotheken waren nicht nur die ersten, die schließen mussten, sondern werden auch die letzten sein, die wieder an den Markt gehen." Bislang lässt die Politik die Branche weitestgehend im Stich. Deshalb muss Walsleben selbst kreativ werden.

"Wenn wir pleite sind, ist keine Diskothek mehr da"

Gewinn mache er damit allerdings nicht, stellt er klar. Es sei ein Nullsummengeschäft, sagt Walsleben, und rechnet vor: "Es kommen im Schnitt 200 Autos, die 24 Euro Eintritt zahlen. Die Einnahmen belaufen sich also auf alle fünf Tage gerechnet auf ungefähr 25.000 Euro brutto plus Getränkeeinnahmen und Sponsorengelder. Dem gegenüber stehen die Gesamtkosten von 25.000 Euro netto." Warum er es trotzdem macht? "Es geht darum, auf uns aufmerksam zu machen: 'Hey, wir leben noch! Wir haben kein schwarzes Kreuz an unseren Laden gemacht'", sagt er. "Und: Ich kann meine Mitarbeiter bei Laune halten."

Eine von denen ist Anika. Sie ist froh, dass sie heute "endlich wieder arbeiten kann". Seit neun Jahren ist sie im Fun-Parc Trittau angestellt. Normalerweise sorgt sie als Betriebsleiterin dafür, dass der Laden läuft. Heute steht sie am Einlass vor einer Schranke, scannt die Tickets und klärt die Gäste noch einmal über die Regeln auf: Bis zu vier Personen, maximal zwei Haushalte, dürfen in einem Auto feiern. Sie dürfen nur aussteigen, um zur Toilette zu gehen. Und müssen ihre Namen und Anschriften auf einem Zettel hinterlassen, damit sich die Infektionsketten im Notfall zurückverfolgen lassen. "Es ist eine komische Zeit. Nicht zu wissen, wann es weitergeht, macht mir schon Angst", gibt sie zu. "Heute nähern wir uns ein wenig dem Normalzustand."

Normal ist in Marco Meiboms Leben seit der Corona-Krise nichts mehr. Er ist einer der Haupt-DJs im Fun-Parc Trittau. Seit zwölf Jahren legt der Selbstständige hauptberuflich auf. Damit konnte er vor Ausbruch der Pandemie sein Haus finanzieren und seine Familie ernähren. Nun hat er keine Einnahmen. Es klingt deshalb fast zynisch, wenn er sagt: "Davon darf man sich nicht verrückt machen lassen. Man muss positiv bleiben. Ansonsten geht man daran am Ende kaputt." Er lächelt kurz. Dann klettert er die zwei Meter lange Metallleiter zur Bühne hinauf.

 

Etwa 100 Meter von ihm entfernt sitzt Björn auf einem Schreibtischstuhl im provisorischen Technikraum, einem leeren Ford Transit. Vor ihm steht ein Mischpult. Er hat die Hände hinter dem Kopf verschränkt und sitzt entspannt zurückgelehnt. Der gelernte Techniker ist Geschäftsführer des Fun-Parc und kümmert sich während des fünftägigen Auto-Festivals um die Technik. Er hat die Stromverteilung umgebaut und die Kabel verlegt. Gleich bedient er das Lichtpult. Auch er wirkt gelassen. "Es bringt ja nichts, wenn wir jetzt alle in Selbstmitleid verfallen. Wir müssen das Beste aus der derzeitigen Situation machen", sagt er und fügt selbstbewusst hinzu: "Wenn wir pleite sind, ist keine Diskothek mehr da."

"Wir brauchen jetzt die Politik"

Die anderthalbstündige Wartezeit ist für Yvo, Pascal und Fabio inzwischen um. Sie parken in der ersten Reihe, direkt vor der zwei Meter hohen Bühne. Neben ihnen stehen in zehn Reihen etwa 200 weitere Autos, in denen getanzt und mitgesungen wird. Eine Gruppe Mädels filmt sich mit ihren Smartphones selbst. Andere betätigen die Lichthupe oder den Blinker im Takt der Musik, nur hupen darf man aus Lärmschutzgründen nicht. Eine Drohne fliegt über das Gelände. Die Bilder werden auf die vier LED-Leinwände übertragen. Zwischendurch laufen Fun-Parc-Mitarbeiter von Wagen zu Wagen und bringen Pizza und Getränke, die sich die Gäste zuvor per Whatsapp bestellt haben. "So haben wir uns das vorgestellt", sagt Pascal. "Das ist richtig cool. Das werden wir auf jeden Fall öfter machen."

Knut Walsleben beobachtet das Geschehen aus der Ferne. Er steht auf einer Anhöhe vorm Eingang des Fun-Parc und wirkt zufrieden. "Wenn es später dunkel ist, kommen die Lichter erst richtig zur Geltung", sagt er und zeigt daraufhin ein Video vom Tag zuvor, das der Fun-Parc auf seiner Facebook-Seite gepostet hat.

Hier das offizielle Festival-Video von gestern Nacht! Viel Spass damit und vielleicht bis bald! Car Festival Tag 2 - die...

Gepostet von Fun-Parc Trittau am Donnerstag, 21. Mai 2020

Dann wird er noch einmal ernst. "Wir brauchen jetzt die Politik", betont er. "Natürlich stehen wir nicht an erster Stelle, sind nicht überlebensnotwendig. Aber momentan vergessen die Verantwortlichen, dass die Discokultur eine prägende Bedeutung für die Gesellschaft hat. Sei es der erste Kuss, einmal Dampf ablassen oder Konfliktbewältigung. Das würde es nicht mehr geben, wenn die Politik nicht anfängt, mit uns an Lösungen zu arbeiten, wie wir aus dieser Krise kommen." Bis dahin muss der Unternehmer weiter Ideen haben – solche wie das Auto-Disco-Festival.

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