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Fink: Sich drehen bis der Arzt kommt: Haiku Ambulanz

Auf ihrem fünften Album volkstümeln Fink gewaltig und produzieren dabei haufenweise Ohrwürmer einer anderen Art. Sie schrabbeln und shuffeln, sie tröten und brummen und orgeln bis die Ambulanz kommt.

Alle strampeln, aber keiner bewegt sich. Alle rühmen sich ihrer weltbewegenden Aktionen, doch in Wirklichkeit dümpeln sie in ihrer Soße aus Furcht und Feigheit. Und bewegen: nichts. So die Erkenntnis von Fink. Und um zumindest sich selbst zu motivieren, haben sie fröhlich musiziert und ihr inzwischen fünftes Album eingespielt.

Die Band ist zwar zahlenmäßig inzwischen wieder auf ein Duo (Nils Koppruch und Andreas Voss) eingedampft, doch das offenbart sich dem Hörer gar nicht - und verwundert ebenso wenig, wenn man feststellt, dass die Ehemaligen Dinesh Ketelsen und Henning Wandhoff auch an dieser Platte mitgedreht haben. Und was hören wir nun?

Volksmusik ist ja eigentlich fies, zumindest das, was in deutschen Landen unter diesem Label firmiert. Aber wenn Fink und Gäste sich an die Instrumente machen, volkstümeln sie gewaltig und produzieren dabei haufenweise Ohrwürmer der anderen Art. Sie schrabbeln und shuffeln, sie tröten und brummen und orgeln und sind voller Szenen aus Kindheit oder Nachbarschaft. Wer da nicht mitpfeift oder den Kinderchor mitsummt, hat's an den Ohren.

Zwar wollten Fink dieses Mal die Melancholie aufbrechen, doch ganz los lässt sie einen wie Nils Koppruch wohl nicht. Schon in der Musik liegt eine gewisse Ernüchterung, und besonders die Texte ziehen böse mit dem gesellschaftlichen Stillstand zu Gericht. Die "Haiku Ambulanz" rast übers holprige Pflaster. Mal wird sie angetrieben von gurgelnder Schweineorgel und röhrendem Saxofon, verlangsamt dann das Tempo bevor sie wieder mit einem bedrohlichen Bassgebrumsel im Nacken auf volle Touren gebracht wird. An Bord der Patient. Man könnte meinen, er sei tot, denn er kann sich nicht rühren. Aber die Ambulanz macht ihm Beine: Langsam haucht sie ihm Bewegung ein, die schlaffen Glieder wippen, und vielleicht schlurft er auch beim Shuffle in dem engen Gang ein zwei Schritte vor und zurück. Und wenn er das Fieber überstanden hat und diese Cowboys nicht mehr sieht...?

Ein Geschichtenerzähler ist Nils Koppruch nicht, will es auch nicht sein. Aber er stiftet zu Geschichten an, indem er Fragmente seiner kleinen Welt zeigt und damit ein Universum an fortführenden Gedanken öffnet - ohne Denkanleitung, ohne Richtung. Was ist eigentlich, wenn nicht nur Fliegen immer ums Licht kreisen und Hunde sich in den eigenen Schwanz beißen, sondern wenn auch wir Menschen nur noch im Kreis fahren? "Alles ist wie jeden Tag, jede Stunde, jedes Mal" - wenn uns Nils Koppruch diese Trostlosigkeit vor Augen führt, tut er dies mal mit Blixa Bargelds düsterer, mal mit Serge Gainsbourgs völlig verquarzter Stimme und überlässt uns unseren Taten.

Niemand wird ins Kissen heulen, wenn die Sirene der "Haiku Ambulanz" ertönt und der Doktor den Schwindel erregenden Stillstand der Gesellschaft als Ursache allen Übels diagnostiziert. Denn er rät zu viel Bewegung, greift zur Gitarre - Trompete, Saxofon, Cello und Geige stimmen ein - und los geht's! Die Platte rockt, und wenn am Ende ihre Sirene verklingt, legt man noch lange keine neue Scheibe auf, weil da immer noch was in der Luft hängt.

Birgit Helms

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