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Fink: "Ich bin nicht der Käpt'n Blaubär der deutschen Pop-Musik"

Anlässlich der Veröffentlichung ihres fünften Albums "Haiku Ambulanz" sprach stern.de-Mitarbeiterin Birgit Helms mit Nils Koppruch, dem Sänger der Gruppe Fink.

Mit Nils Koppruch, dem Sänger der Musikgruppe Fink, sprach Birgit Helms

Ende August kommt euer fünftes Album, "Haiku Ambulanz", in die Läden. Je öfter man es hört, desto treffender erscheint der Titel. Wie seid ihr darauf gekommen?

Eigentlich ist das relativ profan. Irgendwann hab ich Richard Brautigan entdeckt und dieses "Haiku Ambulanz" ist hängen geblieben. Eines der Charakteristika vom Haiku ist ja, dass es eine Momentaufnahme ist, aus der Zeit herausgenommen, die im Prinzip einen Mikrokosmos abbildet. Im Laufe der Zeit war einfach klar, dass das Album Haiku Ambulanz heißen muss, nicht nur inhaltlich, sondern auch, weil es ein toller Titel für eine Platte ist. Er lässt Raum für alle möglichen Assoziationen und ist keine Anleitung: Wir wollen auf nichts Bestimmtes hinweisen mit dieser Platte.

Ein Haiku steht ja auch für eine improvisierte Handlung mit vordergründiger Handlungskomik. Das ist tatsächlich sehr bezeichnend für das was dann kommt auf dem Album - wenn auch vielleicht nicht so bewusst gewählt: Immer wieder geht es um das Sich-im-Kreis-drehen, das Nicht-weiterkommen, das Hoffen, es nun doch geschafft zu haben...

...oder dass man hofft, einen Weg aus dem Hamsterrad heraus zu finden.

Ganz witzig in dem Zusammensatzung ist eure eigene Geschichte: Ihr habt als Duo gestartet, seid zum Quartett angewachsen, wieder aufs Duo geschrumpft, wart wieder ein Quartett. Jetzt seid ihr wieder ein Duo. Also auch ein Kreislauf, wenn auch nicht immer frei gewählt. Wie geht es weiter, wie sind eure Pläne?

Im Prinzip gibt es ja zwei Konzepte von Band. So wie wir es jetzt drei Jahre und vorher auch schon einmal gemacht haben: Da sind vier Leute, die basisdemokratisch die Entscheidungen treffen – so waren unsere Konstellationen bisher immer. Das setzt aber voraus, dass das Interesse von allen konstant gleich bleibt, sich miteinander auseinander zu setzen und dabei zu bleiben. Das ging immer über eine bestimmte Zeit gut. Es ist immer ein bisschen traurig, wenn man feststellt - wie in einer Beziehung -, dass man es nicht geschafft hat, sich über einen längeren Zeitraum hinaus zu inspirieren und zu befruchten. Aber andererseits liegt darin auch eine große Chance, weil ich keine Lust auf ein Band-Konzept habe, bei dem nur wichtig ist, dass man zusammen bleibt. Dann kann man auch eine Skat-Runde machen.

...wobei der Zeitpunkt von Hennings Ausstieg auch etwas ungünstig war, zum Ende der Platte hin...

...ja, aber es war schon klar: Bis Henning sich entgültig entschieden hat, hatte er sich schon weitgehend rausgezogen. Wir haben ja im März noch die Tour gemacht, aber man merkte schon ziemlich stark, dass Henning mit dem Kopf woanders war. Ich seh das jetzt als Chance, wieder etwas mit anderen Leuten zu probieren... Eine dauerhafte Dynamik mit vielen Leuten herzustellen, ist unglaublich schwer.

Das heißt, ihr macht jetzt erst einmal zu zweit weiter?

Ja, wir geben jetzt keine Anzeige auf, "Bandmitglieder gesucht". Wenn sich irgendwas Beständiges herauskristallisiert, passiert es sowieso.

Ihr habt ja auch einen Pool von quasi festen Mitgliedern...

Ja, und wenn sich daraus etwas Konstantes ergibt, finde ich das toll, aber wir sind da jetzt nicht auf der Suche. Wir wollen auf keinen Fall eine Mucker-Band sein, mit bezahltem Schlagzeuger und so. Wir spielen mit Bekannten und Freunden, die auch alle in Bands spielen.

Zur neuen Platte: Das wunderschöne Liebeslied "Wohin Du gehst" hebt sich vom Rest des Albums ab. Steht der Song einfach für sich, oder soll er den anderen eine Richtung weisen?

Nee. Wir haben nicht konzeptionell gearbeitet, also nicht um ein Thema herum. Nicht so wie bei der letzten Platte, die man am Ende zumindest so hinsortieren konnte. Dieses Lied ist dabei, weil wir nicht wollten, dass das wieder so etwas Melancholisches, Introvertiertes wird. Es war mir einfach wichtig, dass es drauf ist, auch aus persönlichen Gründen, aber es sollte kein Übergewicht bekommen. "Haiku Ambulanz" sollte eine extrovertiertere und auch konfusere Platte werden als die letzte.

Auch wenn es kein Konzept-Album ist, immer wieder singst du vom Sich-im-Kreise-drehen. Provokant gefragt: Habt Ihr das Gefühl, euch im Kreis zu drehen?

Nein! Eher ausgebrochen zu sein, auch durch den Label-Wechsel. Ich bin total genervt und angekotzt von der Unterhaltungsindustrie: Musik, Fernsehen, Radio, Print... Es wird immer schwerer, sich in dem Dschungel zurechtzufinden und sich nicht blenden zu lassen. Das ist auch ein Sich-im-Kreis-drehen. Oder der siamesische Zwilling, der sich selber umboxt – beide sind voneinander abhängig: Wenn der eine dem anderen das Essen verweigert, ist das Problem, dass einer von beiden sterben wird. So bewegen wir uns in Systemen, in denen wir voneinander abhängig sind, nur: bestimmte Leute nicht von uns. Also sind wir im Prinzip abhängig. Das pranger ich quasi an. Ich denke, heute muss man nach einer anderen Form des Ausdrucks suchen als in den 60ern, weil jede Form des Protests belächelt wird. Das ist schwierig, weil doch alle sagen "Wir sind gegen Krieg", selbst die Regierung. So war ich auf der Suche nach einer Möglichkeit, meinem Unmut Ausdruck verleihen zu können, ohne dass ich eine Botschaft habe. Ich möchte nicht so verstanden werden, dass ich eine Botschaft habe, die ich anderen vermitteln muss.

Bezweckt ihr dennoch, die Leute wachzurütteln? Also nicht, ihnen eure Meinung überzustülpen, aber vielleicht eine Lethargie aufzubrechen?

Ja, auch, aber zunächst verbirgt sich dahinter eine Selbstmotivation. Man muss das ja nicht als Wachrütteln verstehen, aber wenn es so ankommt, ja... Ich hab mich gefragt: Welches sind eigentlich meine Möglichkeiten, damit umzugehen, etwas zu verändern? Man kann ja nur etwas in seinem direkten Umfeld verbessern.

Ihr seid mit eurer Kritik am Irak-Krieg an die Öffentlichkeit gegangen: Zusammen mit Peter Lohmeyer und Ulrich Tukur habt ihr die Single "Bagdad Blues" aufgenommen. Wie war der Erfolg dieses Projekts? Sämtliche Erlöse hattet ihr der Hilfsorganisation Medico International zugesagt.

Die Erträge kennen wir bisher noch nicht. Es ist aber nicht soviel. Die Gewinnspanne ist extrem gering bei solch einer Single. Es spricht ja auch nicht so viele Leute an. Letztendlich sind wohl so um die 3000 Singles verkauft worden.

Anfang Juli warst du wieder mit Peter Lohmeyer unterwegs.

Ja, das war aber keine richtige Tour. Ich hab da nur eine Nebenrolle gespielt. Peter hat Lesungen gehalten und hatte mich gefragt, ob ich Lust hätte, in den Lesepausen Musik zu machen. Das war toll. Sonst wäre ich z.B. auch nicht so schnell auf die Bühne im Schauspielhaus Bochum gekommen.

Wo habt Ihr euch überhaupt kennen gelernt, Peter und du?

Ich male ja noch und mache ab und zu Ausstellungen. Peter hatte mich auf einer Ausstellung angesprochen, stellvertretend für eine Freundin. Und ich dachte die ganze Zeit, "Wer ist das nur, ich kenn das Gesicht doch, hat der schonmal ein Bild gekauft?". Bis mir jemand ins Ohr flüsterte "Das ist doch der Schauspieler...". Wir haben uns dann noch mal getroffen, weil er auch ein Bild gekauft hat, und da haben wir uns angefreundet. Und dann hab ich mal erzählt, dass ich singende Schauspieler in Deutschland total das Grauen finde, Uwe Ochsenknecht oder Heiner Lauterbach. Das ist alles so total schlecht, und dahinter steht, dass sich der Schauspieler aufgrund seiner Popularität erlauben kann, seinen Jugendtraum zu verwirklichen. Der einzige, der noch so ein bisschen authentisch rüber kommt, ist Ben Becker, aber selbst da... Naja, und als wir darüber redeten meinte Peter, ihn würde das auch reizen.

Sag noch mal etwas zur "Galerie Autobahn", das sind deine Bilder, mit denen du tourst.

Ja, ich male noch nebenbei, das sind meine eigenen Strukturen. Ich habe keinen Galeristen und habe auch nicht Kunst studiert. So ein bisschen wie Jim Avignon aus Berlin, und ich mach jetzt gerade vier Ausstellungen hintereinander. Jeden Abend, mit Band und mit DJ, mit rumstehen und trinken und Bilder angucken, und möglicherweise kommt Geld in die Kasse. Das mache ich aber unter dem Pseudonym SAM, um Musik und Malerei auseinanderzuhalten, was mir inzwischen aber egal ist. Ursprünglich hatte das vielleicht etwas mit Selbstbewusstsein zu tun: Ich wollte nicht als singender Maler oder malender Sänger wahrgenommen werden.

Musiker können nur in Ausnahmefällen von ihrem Werk leben. Wie haltet ihr euch über Wasser?

Stimmt, leben kann man von der Musik nicht. Was mache ich also "Vernünftiges"? – Malen! Von beidem zusammen lässt es sich leben. Dazu möchte ich aber gerne noch etwas sagen: In den USA zum Beispiel hat das Musiker-Dasein eine bestimmte Berechtigung. Hier ist das anders. Entweder Du hast richtig Erfolg und bist ein Star, dann ist auch die Musik etwas Vernünftiges, oder Du bist Musiker mit weniger Erfolg, dann ist auch die Musik nichts wert. Also, wenn Du weniger ernst genommen wirst, weil Du nicht davon leben kannst. Das ist ein Problem der Musiker. Aber: die Zeiten der Vollbeschäftigung sind ja eh vorbei...

Und Andreas?

Nils: Der hat noch einen redaktionellen Job. Wir haben nie gesagt, dass wir das und das unbedingt erreichen wollten, auch wenn wir unseren internen Witz haben: "Aber nach der nächsten Platte bestimmt...". Es geht immer noch mehr darum, die Musik überhaupt machen zu können. Wir organisieren unser Leben eben so, dass wir doch davon leben können.

Als nächstes steht eure Mammut-Tour an, 16 Abende am Stück.

Mammut, naja, wir haben schon längere Touren gemacht. Obwohl, nach 16 Abenden kommt man schon ein bisschen müde nach Hause. Und das Perverse an solch einer Tour ist, dass du am zweiten Tag schon nicht mehr weißt, mit wem du was wo besprochen hast. Es geht ganz schnell, dass du eine Parallel-Zeitschiene fährst. Aber ein freier Tag dazwischen ist natürlich auch eine finanzielle Frage.

Wie sieht der Alltag auf einer Tour aus?

Wir haben viele Touren in einem Kastenwagen gemacht. Tagsüber bist du am Fahren, dann bist du am Warten: "Rock und Rumsitzen". Es ist extrem viel warten, dann Soundcheck, Essen, wieder warten. Du sitzt viel rum, um abends zwei Stunden auf der Bühne gut auszusehen.

Wir kommt Ihr da auf so engem Raum miteinander klar?

Wir achten schon drauf, dass wir mit Leuten fahren, mit denen man das machen kann. Wir haben einmal eine lange Tour gemacht als wir Support für Element of Crime gemacht haben. Fünf Wochen mit sechs Leuten im Wohnmobil, das war super aufregend. Das ist auch das schöne daran, Du machst Sachen, die Du als Kind oder Jugendlicher gemacht hast. Wann geht man schon mal mit Kollegen im Wohnmobil auf Europareise? Zwei Touren haben wir auch im Nightliner gemacht, da schläfst Du nachts im Bus und wachst morgens da auf, wo abends der nächste Termin ist und kannst tagsüber im See baden gehen. Das hat den Nachteil, dass Du allerdings nichts von der Landschaft siehst.

Habt ihr inzwischen eine Vorliebe für bestimmte Orte entwickelt?

Also wenn wir in Österreich oder der Schweiz spielen, dann sind wir Ausländer, und das hat bestimmte Vorteile als Künstler. Je weiter Du weg bist, desto klarer wird es: Die Typen meinen es ernst, die sind 1000 km gefahren. Und was total nett ist, ist im Osten zu spielen. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber es ist ein anderes Umgehen, mit dem was Du bekommst. Da geht's total wenig um Lifestyle oder cool sein. Wenn Du woanders in einem hippen Laden spielst, dann spielst Du vor hippen Leuten, die dahin kommen, weil der Laden cool ist – das ist im Osten nicht ganz so stark. Die sind nicht da, weil das ein cooler Ort ist, sondern weil da welche auf der Bühne arbeiten.

Abschließend zu eurer Musik, wie würdest du Finkmusik jemandem beschreiben, der Euch gar nicht kennt? Bekanntlich sträubt ihr euch da ja ein wenig...

Das hat nicht wirklich etwas mit sich sträuben zu tun. Wenn man versucht, etwas Wahres zu sagen, geht das auf Kosten von Eindeutigkeiten. Ich muss etwas ausholen, um zu zeigen, was für uns wichtig ist: Grundsätzlich beziehen sich Pop-Kultur und Pop-Geschichte eigentlich immer erst auf die 60er Jahre, also die Beatles, oder vielleicht noch auf Elvis. Bands, die heute Musik machen, beziehen sich höchstens auf diese Zeit und gucken nicht weiter zurück, woher denn kommt, was die machen. Wir sind so etwas wie ein Missing Link und fragen, warum soll ich es bei den Beatles abgucken, wenn ich es doch gleich dort abgucken kann, woher die es haben. Dann landet man relativ schnell bei traditioneller Volksmusik. Ich meine nicht das, was wir hier als Volksmusik verstehen, weil uns diese Tradition fehlt, da die Nazis größtenteils zerstört haben was an jüdischer Musikkultur dagewesen ist. Das heißt, es ist total schwierig, hier etwas zu finden, und man hat auch ein ganz komisches Gefühl dabei, weil so viele Sachen von den Nazis vereinnahmt worden sind. Und dann haben wir, auch aus reinem Geschmack, einen Umweg über die USA gemacht, schließlich sind ja da auch Einflüsse aus Europa und Afrika im Schmelztiegel vermurkst worden. Da ist dann etwas total Spannendes herausgekommen, woraus sich später die Countrymusik entwickelt hat – was auch nur ein Label ist, das sich die Musikindustrie ausgedacht hat, um es verkaufen zu können. Und gerade da gucken wir, an diesem Umbruch, wo die Musik kommerzialisiert wurde, an dieser Schnittstelle von halb ursprünglich oder authentisch, und lassen uns davon, mit unserem heutigen Verständnis, inspirieren. Das ist so die Essenz von dem, was Fink macht. Und ich habe natürlich Probleme damit, das als deutschsprachige Countrymusik verstanden zu haben. Das ist ein nicht zu erreichendes Ziel, das Gunter Gabriel verfolgt, oder Truck Stop. Aber es ist natürlich das einfachste, weil wir mit Banjo und 'ner Pedalsteel-Gitarre dabei sind. Aber wir haben ja auch damit gespielt auf unseren ersten Platten. Es ist also schwierig, das in einem Wort zu erfassen.

Gibt es zum Schluss noch etwas, was Du gerne loswerden möchtest?

Nils: Ja, ich wurde mal als der Käpt'n Blaubär der deutschen Pop-Musik beschrieben, Fink-Texte wurden als Seemannsgarn oder Spinnerei dargestellt. Aber meine Texte haben damit zu tun, wie sich mir meine Umwelt darstellt. Gerade bei dieser Platte hoffe ich, dass ich die Texte so gemacht habe, dass man die zweite Ebene (des Haiku) nicht betreten muss, aber betreten kann.