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"Vorne ist verdammt weit weg": Satire ohne "Dembolimmid"

Als freundlich-frecher Erwin Pelzig steht der fränkische Kabarettist Frank-Markus Barwasser seit über einem Jahrzehnt auf der Bühne. In der Talk-Sendung "Pelzig unterhält sich" attackiert der komische Kleinbürger Politiker mit intelligentem Humor. Jetzt kommt sein erster Film in die Kinos: "Vorne ist verdammt weit weg."

Von Johannes Gernert

Als Erwin Pelzig vor 14 Jahren in einem kleinen Theater in Würzburg zur Welt kam, war er Mitte Dreißig und hatte zunächst noch gar keinen Namen. Seinen grau-beigen Hut und die seltsame Herrenhandtasche besaß er allerdings schon - und auch den fränkischen Dialekt. Pelzig, der naive Kleinbürger im rot-weiß karierten Hemd, stand von da an nicht nur auf Kabarett-Bühnen, er war auch relativ bald mit kurzen Glossen im Bayerischen Rundfunk zu hören, in denen er heute noch mit seinem kruden Kumpel Hartmut und dem feinen Dr. Goebel zutiefst interessiert über das wundersame Weltgeschehen staunt.

Über die sinnfreien Texte der Gruppe Tokio Hotel etwa. Tokio natürlich mit weichem fränkischem t gesprochen, also d, wie in "Deenie-Band" oder "Dembolimmid". Auch eine Frage, die ihn umtreibt: Sind die Kühe, weil sie ihre Gase in die Atmosphäre furzen, vielleicht die wahren Klima-Säue? Oder müssen Autos tatsächlich langsamer fahren?

Wirtschaftskomödie mit Christiane Paul

Irgendwann bekam Pelzig die Gelegenheit, das alles nicht nur mit anderen Komik-Charakteren, sondern mit Politikern zu erörtern. Seine Talk-Show ist gerade ins ARD-Programm vorgerückt. Im vergangenen Jahr erhielt "Pelzig unterhält sich" den Bayerischen Fernsehpreis. Und nun trägt der immer freundliche und gelegentlich freche Franke seine Herrenhandtasche auch noch über die Kinoleinwand. "Vorne ist verdammt weit weg" heißt der Film. Regie: Thomas Heinemann, Drehbuch: Frank-Markus Barwasser. Der Mann, der sich Erwin Pelzig ausgedacht hat, der selbst viel weniger krawallig ist, viel ruhiger und trotzdem von sich sagt, dass er manchmal richtiggehend zu Erwin Pelzig wird.

Die Wirtschaftskomödie, in der Christiane Paul und Peter Lohmeyer neben Barwasser spielen, handelt von einer mittelständischen Unternehmerfamilie namens Bieger, die seit etlichen Jahren Einkaufswagen herstellt und nun ins Visier des Investmentfonds Potemkin gerät. Vertreten wird die Heuschrecken-Fraktion vom gel-geleckten Max Kienze. Der anfangs sehr verwirrte Pelzig stolpert als Aushilfschauffeur in die Wirren der Übernahmeschlacht und tut, was er auf der Bühne immer macht: Er betrachtet die Sache mit halboffenem Mund. Er staunt. Barwasser hat sich für seinen ersten Kinofilm ein Thema gewählt, das ihn auch in seinen Programmen umtreibt.

"Kein Kabarett-Film, keine Gag-Parade"

Der kabarettistische Kapitalismuskritiker schaut skeptisch auf das, was die McKinseys - oder eben: Max Kienzes - dieser Welt mitsamt ihren hohlen englischen Berater-Floskeln in Unternehmen anstellen. Damit hat er nicht nur in Bayern, sondern auch in Berlin sein Publikum überzeugt. "Die Figur steht ja nicht für fränkischen Humor und sie ist auch nicht provinziell in ihrem Denken", sagt Barwasser. Sie ist sogar so fortschrittlich, dass schöne fränkische Landrätinnen sich ihre progressiven Vorschläge bei ihr abschauen können. So hat es die Stoiber-Herausfordererin Gabriele Pauli getan, als sie eine auf sieben Jahre begrenzte Ehe forderte. Das Prinzip dieser "Ehe auf Zeit" hatte sie einmal bei Pelzig gehört und später einfach als politische Forderung übernommen. Ihr CSU-Austritt dagegen war wohl nicht von dem komischen Kleinbürger inspiriert. Pelzig sei kein Parteimitglied, sagt Schöpfer Barwasser, könne also auch nirgendwo austreten.

Wie auf der Bühne scheut der Regisseur im Film die Kalauer nicht. Aber er dosiert sparsamer. "Wir wollten ja keinen Kabarett-Film machen, keine Gag-Parade", sagt er. Und mit seiner manchmal ungeheuer sanften Stimme darf Pelzig auch salzsäure-satirisch werden. "Der Pole is' ja genügsam wie ä Bergziege", kommentiert er die osteuropäische Billiglohn-Konkurrenz. Im Garten der Familie Bieger mäht neuerdings ein Flüchtling aus Togo den Rasen. Und Max Kienze überlegt, ob die Firma Bieger künftig nicht besser in der Mongolei produziert.

In Bayern als Kult-Komiker gefeiert

Barwassers Kunst besteht darin, dass er zwar flach kann (die Kuh als Klima-Sau), im Grunde aber immer recht hoch hinaus will und dort über geschickt-gestrickte Gedankenkonstrukte auch oft hingelangt, indem er Präventionsstaat oder Heuschrecken-Kapitalismus darin verheddert. In seiner Sendung bietet er der Grünen-Chefin Claudia Roth rote Bowle als Haarfärbemittel an, da klopfen die Zuschauer kurz auf die Schenkel, und einen Augenblick später fragt Pelzig entsetzt: Wieso haben Sie denn Lust auf Macht? Grüne und Macht? Ja, weil sie gestalten wolle, antwortet Roth. Dann solle sie doch Gestalten sagen, nicht Macht. In solchen Momenten bleiben den Zuschauern die Hände auf den Schenkeln liegen. Unter dem Humor-Tarnkappen-Hut ist Pelzig hellwach, da flüstert ihm der ausgebildete Redakteur Barwasser ein. Er musste das Reporter-Mikrofon des Bayerischen Rundfunks zwar irgendwann aus der Hand geben, weil die Interview-Partner immer dachten: Da kommt der Pelzig, der will wieder Blödsinn machen; in Bayern war er recht schnell zum Kult-Komiker geworden. Aber sein journalistisches Interesse, den Ehrgeiz hat er nie verloren. Er will wissen: "Ich recherchiere sehr gründlich - für die Sendung, für meine Programme. Wir hatten auch sehr kompetente Fachberatung für den Film."

Darin stellt sich Pelzig mit Hilfe der Edel-Prostituierten Chantal, einer ehemaligen Wirtschaftsanwältin, gegen die Beraterwelt des Max Kienze. Charmant ist diese zart-verruchte Christiane Paul - wie sie raucht und haucht und schweigt, so schön, und sich dennoch oder deswegen oder warum-auch-immer auf diesen Pelzig einlässt. Charme hat aber auch die Pointe, auf die sich die Handlung zubewegt. Gerüchte von Entlassungen treiben den Aktienkurs in die Höhe, erklärt Chantal. Und wenn man einen niedrigen Kurs braucht, weil man günstig die eigene Mehrheit zurückerobern will, dann streut man eben das Gegenteil: Bieger macht ein neues Werk auf, stellt viele Leute ein. Alles absolut sozialverträglich. Chantal verbreitet das unter ihren Kunden, zu denen auch der Wirtschaftsminister zählt. Fast funktioniert der Plan, aber dann fährt Pelzig in eine Radarfalle, ein Wellensittich stirbt und die Heuschrecken behalten vorerst die Aktien-Macht. Der Held ist ein wenig geknickt, aber glücklich verliebt.

"Das Zusammentun funktioniert"

Dass er dem verschrobenen Pelzig im Film erstmals eine Frau gönnt, hält Barwasser für glaubwürdig: "Chantal merkt bei ihm genau: Der ist nicht schlüpfrig und nicht lüstern. Der ist einfach nur echt interessiert und warmherzig. Deswegen fand Christiane Paul auch, dass das sehr gut funktioniert, wenn die beiden sich zusammentun." Bei so viel Charakterstärke spielt die hässliche Herrenhandtasche eine untergeordnete Rolle. Die übrigens ist seit 14 Jahren dieselbe. Sie wird regelmäßig von einem Schuster restauriert, erzählt Barwasser. Schließlich sei sie nur aus Kunstleder.

Am 13. Dezember kommt "Vorne ist verdammt weit weg" in die bayerischen Kinos - dort, wo der Name Erwin Pelzig jedem ein Begriff ist. Eine Woche später steht dann der bundesweite Kinostart an.