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Fink: "Das Rad läuft wieder"

Ihr neues Album "Bam Bam Bam" groovt wie keine ihrer Platten zuvor. Es ist nicht zu überhören: Fink sind gut drauf. Ein Gespräch mit der Hamburger Band.

Oliver Stangl, Nils Koppruch, Red und Andreas Voss (v.l.n.r.) beim Interview in Hamburg

Oliver Stangl, Nils Koppruch, Red und Andreas Voss (v.l.n.r.) beim Interview in Hamburg

Als 1997 ihre erstes Album "Vogelbeobachtung im Winder" erschien, hatte ein Großteil der Musikpresse gleich die passende Schublade parat: Country mit deutschen Texten. In der Tat hatten Fink durch die Verwendung von Banjo und Steel-Gitarre starke Country-Anklänge in ihrer Musik. Dennoch kam es für die Band nie in Frage, sich auf ein einziges Genre festzulegen. Vielmehr steckt in Finkmusik die Auseinandersetzung mit einer Vielzahl von Musiktraditionen, die locker hundert Jahre populärer Musik umspannen.

Wie offen der Ansatz von Fink ist, zeigt sich auf ihrem fünften Album "Haiku Ambulanz": die Band verwendete erstmals Sampler und ließ Musikformen wie Dub oder Krautrock mit in die Musik einfließen. Mit Country hatte das nun wirklich nicht mehr das Geringste zu tun. Auf ihrer neuen Platte "Bam Bam Bam" treiben die Hamburger diesen Ansatz weiter. Jetzt finden auch Soul und Funk, sogar Rock Eingang in die bandeigene Mixtur. Und das bekommt der Platte gut: Die Stücke kriegen einen Groove, sind bisweilen sogar tanzbar, und auch die Texte haben sich gegenüber dem düsteren Vorgängeralbum aufgehellt: "Ich tu den Doppelhopp, der Beat ist gut und geht ins Bein".

Seit ihrer Gründung hat die Band einige Umbesetzungen hinter sich. Fester Kern der Band sind Gitarrist Nils Koppruch, der auch für Musik und Texte verantwortlich ist, und Bassist Andreas Voss. Für das neue Album sind Red und Oliver Stangl (Orgel und Gitarre/Banjo) von der Band Missouri dazugestoßen, das Schagzeug bediente Christoph Kähler. Daneben traten zahlreiche Gastmusiker auf.

Was genau machen Fink eigentlich für Musik?

Nils Koppruch: Fink hat eine spezielle Herangehensweise an Popmusik. Wir orientieren uns nicht an einer Musikgeschichte, die vielleicht 1960 angefangen hat, oder an aktuellen Trends. Wir haben von Anfang an versucht, eine eigene Ausdrucksweise zu finden.

Der Musik ist anzuhören, dass Sie sich mit sehr alter Musik beschäftigt haben.

Andreas Voss: Das kommt noch aus unserer Anfangszeit, als es spannend war zu kucken, wo eigentlich die Wurzeln von der Musik liegen, die wir gut finden. Und dann ging es über die Zahl 1960 hinaus. Viele Britpop-Bands schöpfen aus dem Fundus, den die Beatles oder Rolling Stones in den 60er Jahren gelegt haben. Aber wir haben uns dafür interessiert: wo haben denn die Beatles und die Stones ihre Wurzeln? Und da kamen wir zwangsläufig auf europäische Musik um die Jahrhundertwende, also letzten Endes auch auf nordamerikanische Folkmusik, die größtenteils aus Europa stammt und durch die Einwanderer weiterentwickelt wurde und dann wieder zurück nach Europa kam. Deswegen haben wir auch entsprechende Instrumente benutzt wie Steel-Gitarre oder Banjo. Das hat uns dann das Etikett Country eingebracht, obwohl wir uns nie als Genre-Musiker verstanden haben.

Koppruch: Dazu kommt: Als wir angefangen haben, war es in unseren Kreisen total verboten, Country zu machen. Das hatte natürlich eine gewisse Subversivität: Einfach die Frechheit zu besitzen, verbotene Sachen auszuprobieren.

Voss: "Verboten" meint: Das war nicht politisch korrekt aus dem Bewusstsein der linken Musikgesellschaft. Der Hamburger Schule galt Country lange als reaktionäre weiße Arschlochmusik. Das ist aber nur die Oberfläche. Denn auch die Schwarzen der USA haben wesentlich zu dieser Musik beigetragen.

Sind Sie oft als Country-Band missverstanden und angefeindet worden?

Koppruch: Anfangs ist das sicher ein Missverständnis gewesen, das wir nicht genügend aus dem Weg geräumt haben. Im Laufe der Zeit beruhte das dann auf einer gewissen Arroganz von Veranstaltern und auch Musikjournalisten, sich nicht mehr damit zu beschäftigen, was in der Musik noch drinstecken könnte.
Voss: Aber auch tragisch, nicht nur arrogant. Wir hatten das schon ein paar Mal gehabt, dass ein Konzertveranstalter mit viel Mühe den Raum ausgeschmückt, Strohballen besorgt und ein Wagenrad aufgehängt hat. Als wir dann angekommen sind, haben wir höflich darum gebeten, die Sachen zu entfernen. Das ist eben genau die Ecke, mit der wir gar nichts zu tun haben.
Koppruch: Unserer Idee war, die Popkultur um etwas zu bereichern, etwas anzufassen, was sich andere Leute nicht trauen.

Ist bei Fink für Musik und Texte verantwortlich: Sänger Nils Koppruch

Ist bei Fink für Musik und Texte verantwortlich: Sänger Nils Koppruch

 Auf dem letzten Album "Haiku Ambulanz" war viel von Bewegungslosigkeit die Rede. Das neue Album wirkt viel optimistischer. Täuscht der Eindruck?

Koppruch: Nein, der täuscht nicht. Die letzte Platte hat sich mit der Beobachtung einer Erstarrung beschäftigt, ohne zu wissen, welche Schlüsse daraus zu ziehen sind. Das ist ein Eindruck gewesen, den ich kulturell und gesellschaftlich auch nach wie vor habe. Diese Platte beschäftigt sich mehr damit, sich darüber hinwegzusetzen und zu sagen: da sind wir nicht dabei. Außerdem ist die Platte so geworden, weil wir Spaß hatten.
Voss: Es spiegelte sich auch alles wieder auf der "Haiku Ambulanz", diese Kreisläufe. Es war die Zeit, wo die westliche Politik sich wieder im kalten Krieg befand und dann zum heißen überging. Und dann ging es los mit dieser Reformdiskussion. Mir kam es vor, als hätten wir das alles schon mal gehabt. Da ist wieder ein imperialistisches Großmachtstreben im Gange. Im Inland geht es weg vom Sozialstaat. Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Und dann haben uns zwei Bandmitglieder verlassen, das hatten wir auch schon mal erlebt. Das war tatsächlich so eine Kreisbewegung. Aus der haben wir uns durch die Zunahme neuer Bandmitglieder befreit. Jetzt ist wieder eine neue Perspektive da, das Rad läuft wieder.

Bei Fink wird gesellschaftliche Kritik immer sehr verschlüsselt ausgedrückt.

Koppruch: Wir verstehen uns eher als Musiker, die über das Tagespolitische hinausgehen. Wir wollen etwas Universelleres, Zeitloseres machen. Sonst wäre das Journalismus oder Agitation. Wir haben keine Botschaft, keinen pädagogischen Ansatz. Wir wollen in erster Linie Kunst machen.

Vordergründig politische Bands haben den Vorteil, dass sie sich besser vermarkten lassen. Das ist bei Fink schwieriger, weil man die Musik nicht mit einem Schlagwort einordnen kann. Gibt das der Band andererseits Freiheiten, die andere Gruppen nicht haben?

Koppruch: Ich glaube nicht. Ich glaube, dass eine Band, die doch eigentlich sehr erfolgreich ist, ein Risiko eingehen, etwas Besonderes machen könnte. Andererseits haben wir auch nichts zu verlieren. Unser Ziel war nie, kommerzielle Musik zu machen. Wir wollen Musik machen, aber zu unseren Bedingungen. Und die Zeit gibt uns Recht: Wir haben stetig mehr Platten verkauft.

"Bam Bam Bam", das neue Album von Fink, ist am 28.2. 2005 erschienen

"Bam Bam Bam", das neue Album von Fink, ist am 28.2. 2005 erschienen

Wie weit geht die Integrationsfähigkeit der Band Fink? Gibt es Grenzen? Gibt es Formen von Musik, die nicht aufgenommen werden könnten?

Koppruch: Was einzelne Elemente betrifft würde ich sagen, da gibt es keine Grenzen. Das müsste man ausprobieren. Aber man kann Fink nicht neu erfinden, das würde nicht gehen. Eine rein elektronische Platte zu machen, darauf hätte ich keine Lust. Aber an musikalischen Elementen gibt es nichts, das wir ausschließen.
Voss: Es gab mal ein Motto: Saxofone sind absolut verboten. Aber unsere Ansatzweise ist dann eher zu sagen: Wie kann man ein Saxofon integrieren, dass es doch gut ist. Es ist ja nur ein Instrument. Man kann sich über das Image eines Saxofones hinwegsetzen.

Innerhalb der sogenannten Hamburger Schule ist Fink immer Außenseiter gewesen. Auf der neuen Platte spielen aber Mitglieder anderer Hamburger Bands mit. Sind Sie gar keine Außenseiter mehr?

Koppruch: Es geht nicht so sehr um Persönliches. Aber künstlerisch sind wir nicht darin zu verorten. Wir machen keine Indie-Rockmusik. Wir haben eher die gleiche Haltung.

Voss: Musikalisch sind wir da nach wie vor anders.

Koppruch: Aber bei den Leuten, die mit uns Musik machen, ist der Respekt gewachsen.

Der Schriftsteller Frank Goosen hat vor zwei Jahren im "Spiegel" geschrieben: "Koppbruch verrät Geheimnisse, ohne dass man hinterher schlauer ist". Erschließen sich den anderen Bandmitgliedern immer die Geheimnisse?

Voss: Für mich erschließen sie sich. Das, was rätselhaft ist, bleibt es nur insofern, als dass ich selber mein eigenes Rätsel darauf setze. Ob das dann deckungsgleich ist mit dem Rätsel von Nils, ist eine andere Frage.

Das Interview führte Carsten Heidböhmer