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In Extremo: Brückenschlag zwischen den Genres

Die erfolgreiche Mittelalter-Metal-Band In Extremo feiert ihr zehnjähriges Jubiläum und veröffentlicht aus diesem Anlass eine umfassende Werkschau. Als Beigabe covern auf einer zweiten CD acht Gruppen In-Extremo-Songs.

Begonnen hat Micha Rhein mit dem Song "Lady in Black" von Uriah Heep - auf Deutsch. Für diese erste musikalische Darbietung am Lagerfeuer auf einem Zeltplatz in Thüringen bekam er als Zwölfjähriger sogar seinen ersten Kuss. Heute ist er Sänger und Frontmann der Mittelalter-Rock-Band In Extremo, die gerade zum zehnjährigen Bandbestehen das Album "Kein Blick zurück" veröffentlicht hat. Entgegen dem Titel handelt es sich weitgehend um eine musikalische Rückschau - wenn auch ohne "Lady in Black".

"Das Mittelalter, das sind unsere Wurzeln, die wir nie verlassen werden", sagt Rhein - Künstlername Das letzte Einhorn. "Aber wir wollen uns weiterentwickeln", betont er zugleich. Und so begegnen sich bei In Extremo Sackpfeife, Schalmei und harte Gitarren. Mit "Alte Liebe" und "Kein Sturm hält uns auf" enthält "Kein Blick zurück" zwei neue Stücke, die auch von Rammstein stammen könnten - wäre da nicht der Dudelsack. Die meisten Songs wurden von den Fans per Abstimmung auf der Homepage der Band ausgewählt. Neu eingespielt wurden Klassiker wie "Ai Vis Lo Lop" - eines der ersten Lieder der Band überhaupt -, "Spielmannsfluch" oder "Herr Mannelig", das ursprünglich für das Computerspiel "Gothic" komponiert wurde.

Kooperationen mit anderen Bands

Im neuen Soundgewand entwickeln die Aufnahmen deutlich mehr Kraft als die Originalversionen, und so bietet das Album insgesamt einen guten Überblick über das Schaffen der Band. Originell sind vor allem die Songs der limitierten Sonderausgabe. Auf der Bonus-CD haben befreundete Künstler In-Extremo-Songs eingespielt - darunter Götz Alsmann, Silbermond, Killing Joke sowie die Urahnen der deutschen Mittelalter-Bands, die 70er-Jahre-Legende Ougenweide. "Andere Bands fahren zu Jubiläen ein großes Orchester an und machen auf 'Classic meets Metal'. Da war uns schon wichtig zu sagen, dieses Klischee bedienen wir nicht", erklärt Andre Strugala alias Dr. Pymonte. Stattdessen gab es die Kooperationen mit anderen Bands. "Wir versuchen, bewusst Brücken zwischen den Genres zu schlagen. Die Lager der Musikkonsumenten sind ja enorm polarisiert", sagt er weiter.

Bereits auf früheren Alben haben In Extremo Rapper Thomas D., dem Popbarden Reamonn oder Joey Kelly von der Kelly Family zusammengearbeitet. "Es gibt immer zwei, drei Mäkler, die dann sagen 'Wie könnt ihr nur'. Aber im Gros wird das von den Fans angenommen", sagt er. Und Rhein ergänzt: "Diese Reaktionen kommen doch immer, wenn du was Neues machst. Das ist wohl ein urdeutsches Problem." Rhein, der wie die anderen sechs Bandmitglieder aus der ehemaligen DDR stammt, hat eigentlich eine typische Rock-Sozialisation hinter sich. "Doch Anfang der 90er Jahre ging mit Rock und Punk in Ostdeutschland nichts mehr, und so bin ich dann eher zufällig zur Mittelaltermusik gekommen." Und Strugala ergänzt: "Die meisten von uns kommen ja eher aus der Straßenmusik. Dieses Leben ähnelt dem eines Spielmanns. Insofern war der Schritt nicht so groß."

Sieben Freunde

Die alten Instrumente baut die Band nach historischen Dokumenten selbst - "aber das wollen wir nicht an die große Glocken hängen", wie Strugala sagt. Auch das Spielen müsse man sich selbst beibringen. "Es gibt eben keine Musikschule dafür. Wobei man auch sagen muss, dass die Instrumente musikalisch meistens sehr einfach sind, in der Regel nur über eine Oktave gehen", fügt er an. Das zehnjährige Bestehen feiert die Band mit einer großen Tour, die sie im kommenden Jahr sogar wieder nach Mexiko führen wird. Die spektakulären Live-Auftritte - 1999 verletzte sich Rhein beim Hantieren mit Feuer auf der Bühne so schwer, dass das Fortbestehen der Band einige Wochen am seidenen Faden hing - sind ein Grund für die treue Fanbasis. "Wir haben uns das auch erarbeitet", sagt Rhein zum Jubiläum. "Da gehört natürlich auch Glück dazu. Wir haben uns nicht beirren lassen, sondern einfach unser Ding gemacht. Und wir sind nicht einfach nur sieben Arbeitskollegen, sondern sieben Freunde."

Stephan Köhnlein/AP