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INTERVIEW: »Tommy Boy« feiert Geburtstag

Das erste Hip Hop Label war »Tommy Boy« nicht. Aber es war das erste, auf dessen Platten schon vor 20 Jahren Samples und programmierte Beats zu hören waren.

Das erste Hip Hop Label war »Tommy Boy« nicht. Aber es war das erste, auf dessen Platten schon vor 20 Jahren Samples und programmierte Beats zu hören waren. Zu Recht ist Gründer und Chef Tom Silverman stolz auf die Lorbeeren, die ihm Helden wie Afrika Bambaataa, De La Soul, Stetsasonic, Digital Underground, Naughty By Nature, Queen Latifah, Coolio, House Of Pain, Everlast und viele andere verdient haben. Rechtzeitig zur »20th Anniversary Tour« (19.7. Köln, 20.7. Hamburg, 21.7. Chemnitz) sprach Silverman in New York mit stern.de.

Was hat sich in 20 Jahren Tommy Boy verändert. Als Sie 1981 in Ihrem Wohnzimmer mit dem Labelbetrieb anfingen, kam Hip Hop ja eigentlich erst auf...

Es war noch kein Genre, es hatte noch nicht einmal den Namen Hip Hop. Man sprach vom »Great Beat Movement«. Dann wuchs es, und die Majors bekamen Wind davon. Sie trieben die Preise hoch, so dass es für kleinere Labels wie uns schwieriger wurde. Mehr und mehr Leute fingen an, die Musik zu machen. Der Markt wurde mit Produkten überflutet. Aber damals waren alle noch aufgeregt, weil die Musik so neu war. Heute gibt es nur noch Allwissende. Und es geht nur noch ums Geld.

Das klingt ein wenig so, als wäre damals alles besser gewesen.

Es war auf jeden Fall interessanter. Die Künstler, die damals schon dabei waren, wie Afrika Bambaataa oder Prince Paul, sagen: Hip Hop ist immer noch cool, aber es ist nicht mehr so, wie wir es uns vorgestellt hatten. Der Raum für Experimente fehlt. Wenn man zwei Millionen Dollar ausgibt, um eine Platte zu produzieren, dann engagiert man natürlich die Neptunes. Damals war es anders. Wer war schon Prince Paul? Wer war Shock G? Keine Ahnung, aber sie machen gute Musik. Es war wie ein Glücksspiel. Und das kann sich heute niemand mehr leisten. Der Einsatz ist zu hoch. Die Majors wollen keine Risiken, sie wollen Sicherheiten. Also engagieren sie den, der die »Geschmacksrichtung der Woche« ist. Und am Ende klingen alle gleich.

Was war die größte Überraschung in diesen 20 Jahren. Gab es irgendein Album oder einen Künstler, der aus dem Nichts kam und überraschend erfolgreich war?

Everlast. Der war schon bei »House Of Pain« großartig. Dann kommt er mit »What It?s Like« und verkauft doppelt so viel, wie die erfolgreichste »House Of Pain«- Single. Das hätte niemand erwartet. Und Deutschland war sein bester Markt. Aber leider ist es seine Lebensaufgabe, unglücklich zu sein. Und die erfüllt er sehr gut. Für den Vorschuss für sein zweites Album mussten wir mit dem Angebot von EMI Dollar für Dollar gleichziehen. Ich muss wohl kaum sagen, dass er noch weit davon entfernt ist, diesen Vorschuss eingespielt zu haben. Also mag er uns und besonders mich nicht. Aber das ist kein Problem: Everlast mag niemanden.

Es gab eine Zeit, in der Hip Hop sehr populär bei der sonst eher Rock-orientierten Jugend war. Die »Smoking Grooves«- Touren oder die Konzerte von Public Enemy waren immer sehr gut und sehr weiß besucht. Warum ist das heute wieder anders?

Jetzt brauchen die weißen Kids so etwas nicht mehr, weil es Bands wie Limp Bizkit oder Joy Drop gibt, die Rock und Hip Hop verbinden. Trotzdem wird Hip Hop immer noch am meisten von weißen Kids gekauft. Jay-Z oder DMX verkaufen 80 Prozent ihrer Alben an weiße Kids in den Vorstädten. Man verkauft in Amerika einfach keine fünf Millionen Platten nur an Schwarze.

Gab es jemals einen Moment, an dem Sie sich gewünscht haben, nie die erste Platte veröffentlicht zu haben und statt dessen als Geologe an der Universität geblieben zu sein?

Niemals. Machen Sie Witze? Ich ging von einer seltsamen Welt zur nächsten. Aber wenigstens kann ich diese selbst gestalten.

Ihre erste Platte war kein Erfolg. Wieso haben Sie weitergemacht und eine zweite veröffentlicht?

Mir gefiel der Song. Es war »Jazzy Sensation« von Afrika Bambaataa. Und ich bin sehr froh, ihn veröffentlicht zu haben. Ich hatte nicht erwartet, mit der ersten Single Geld zu verdienen. Es machte einfach Spaß. Und ich war überrascht, als die Leute es dann noch kauften. Allein in New York haben wir 35000 Singles verkauft. Damals haben das sieben Einsätze pro Woche auf einer kleinen Station gebracht. Heute kann ich mit sieben täglichen Einsätzen auf einer Station mit dem milliardenfachen Signal keine 2000 Singles von Coo Coo Cal verkaufen. Vielleicht 50 pro Woche, dann geht es uns schon gut.

Damals gab es viele Independent-Labels, schon weil die Majors mit dieser Musik nichts zu tun haben wollten. Allerdings gehört Tommy Boy zu den wenigen Überlebenden. Woran liegt das?

So funktioniert dieses Spiel nun einmal. Das beste Beispiel ist jetzt »No Limit«. Master P macht über zwei Jahre lang ständig Platten und verkauft 40 Millionen Einheiten. Jetzt verklagen ihn all seine Künstler. Und deren Anwälte. Es ist kein Geld mehr da. Bei »Cashmoney« geht das jetzt genauso. Und »Ruff Ryders« werden die nächsten sein. Es gab keine Platinketten mit dem Tommy Boy- Logo in Diamanten, unsere Künstler fuhren nicht in geleasten Bentleys umher. Das Ergebnis? Die Firma existiert noch. Und die Künstler bekommen immer noch ihre Royalties.

Wo sehen Sie sich und die Firma in 20 Jahren?

Ich habe mich vor 20 Jahren nicht hier gesehen, wie soll ich mich jetzt irgendwo in 20 Jahren sehen? Vor allem will ich etwas erschaffen, wo vorher noch nichts war. »Gospel Dance« zum Beispiel oder das, was Prince Paul auf seinem neuen Album machen wird. Da wo ich in 20 Jahren sein will, gibt es jetzt noch überhaupt nichts.

Interview: Götz Bühler

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