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Interview Konstantin Wecker: "Ich träume immer noch von Drogen"

In seiner gerade erschienenen Biografie blickt Konstantin Wecker auf die ersten 60 Jahre seines Lebens zurück. Im stern.de-Interview redet der Liedermacher erstaunlich offen über seine Drogensucht - und verrät, warum er früher kein guter Liebhaber war.

Herr Wecker, gerade ist Ihr Gesamtwerk in einer luxuriösen CD-Edition erschienen, Sie arbeiten an einem Best-Of-Album und Sie haben Ihre Biografie geschrieben. Brauchen Sie Geld?

Ach, Geld... Hat mir tatsächlich nie viel bedeutet. Wenn's da war, hab ich's rausgehauen...

...wenn nicht, offenbar auch. Nach Ihrer Verhaftung wegen Kokainkonsums war von 1,5 Millionen Euro Schulden die Rede.

Ich weiß gar nicht mehr, wie viel das überhaupt war. So eine Summe übersteigt mein Vorstellungsvermögen. Aber es stimmt: Während der Drogenzeit habe ich's krachen lassen ohne Rücksicht auf Verluste. Und als ich aus dem Knast kam, war ich pleite. Meine Familie und ich konnten nicht mal eine Wohnung finden. "Bevor wir mit dem Wecker reden, wollen wir eine Bürgschaft sehen", hieß es da. Aber zum Glück gab's auch warmherzige Menschen. Jetzt leben wir in einem Einfamilienhaus in München, es geht uns gut. Aber den Schuldenberg werde ich wohl bis zum Ende meines Lebens abtragen.

Ihre Biografie heißt "Die Kunst des Scheiterns". Fühlen Sie sich als Verlierer?

Muss man immer siegen? Was ist so schlimm daran auch zu verlieren? Auf einer Leiter, deren Sprossen aus Niederlagen bestehen, kann man auch nach oben klettern, hab ich in der Einleitung geschrieben. Zu scheitern bedeutete für mich, auf mich selbst zurück geworfen zu werden. Ich musste mich mit dem auseinandersetzen, was mich ausmacht. Nicht immer schön, aber notwendig. Und es kann sehr lehrreich sein, sein Leben einmal unter diesem Blickwinkel zu betrachten, denn oft sind Niederlagen ja auch, in einem größeren Zeitrahmen betrachtet, der Beginn einer längst fälligen Verwandlung.

Also "Scheitern als Chance"? Ein ziemlich großes Klischee, oder nicht?

Keinesfalls! Es ist nur für den ein Klischee, der nicht bereit ist, sich sein Leben nüchtern und ohne Jammern vor Augen zu führen. So sprechen Leute, die jede Niederlage in einen Erfolg ummünzen wollen. Und am Ende klingt dann alles nach einer reibungslosen Karriere. Das meine ich nicht. Meine Niederlagen waren keine Erfolge, auch rückblickend nicht. Aber egal wie schmerzhaft sie zu dem Zeitpunkt waren - sie haben mich zu mir selbst geführt.

Und was haben Sie da entdeckt?

Erst mal Widersprüche. Und dann manchmal eine Freiheit, die ich in erfolgreichen Zeiten nie so erlebt hatte. Wenn man seine Biografie anhand der erlittenen Misserfolge betrachtet, kann man die große Gefahr der Selbstüberschätzung umschiffen. Wenn man ganz unten ist, dann ist man plötzlich auch ganz allein mit sich. Da fallen alle Masken weg und man entdeckt Eigenschaften, die man gar nicht so gerne an sich sehen will. Als ich 30 war, habe ich mir zum Beispiel einen Sportwagen gekauft, einen Firebird. Und einen Nerzmantel. Das muss man sich mal vorstellen! Das ist mir heute noch peinlich.

Peinlich? Warum - weil ein sozialkritischer Liedermacher nicht zum Nerzmantel passt?

Ich rauch jetzt mal eine. Mir macht das Rauchen wieder richtig Spaß, seit es so diskriminiert wird. Also sagen wir mal so: Wäre ich Rapper oder Rock 'n' Roller gewesen, hätte man sich's leicht erklären können. Armer Junge aus einfachen Verhältnissen wird reich und lässt es krachen. Der sozialkritische Liedermacher darf sowas natürlich nicht. Aber er wollte es.

Er darf schon - die meisten wollen's bloß nicht.

Sind Sie sich da so sicher? In uns allen wohnen Widersprüche und oft verdrängen wir den Teil unserer Person, den wir an uns so gar nicht wahrhaben wollen. Und das gilt es aufzudecken, um ein ganzer Mensch zu werden. Es gab tatsächlich eine extreme Kluft zwischen meinen Liedern und meiner Lebensweise. Das habe ich erst sehr spät begriffen. Ich habe beides verteidigt, weil beides ehrlich war. Auf der einen Seite ein Macho und Protzer, auf der anderen ein Schöngeist und Träumer.

Und Drogenabhängiger. Sie haben über 20 Jahre immer wieder Kokain genommen. Wie beurteilen Sie diesen Teil Ihres Lebens rückblickend?

Am Anfang dachte ich, ich wäre unverletzlich, wenn es um Drogen geht. Ich war ja auch schon über 30. Also alt im Vergleich zu normalen Drogen-Usern. Das Interessante für mich war: durch die Zufuhr von Drogen zu erleben, was im Inneren möglich ist. Zu erkennen, dass es außerhalb dieser Realität, die wir für so unglaublich wahrhaftig und ernst halten, noch ganz andere Wirklichkeiten gibt. Und das können einem Drogen kurz eröffnen. Obwohl 20 Jahre Tibet bestimmt der bessere Weg sind.

Irgendwann haben die Drogen Sie nicht mehr in andere Wirklichkeiten geführt, sondern ins Gefängnis. 1995 wurden Sie in Ihrer Villa in München-Grünewald verhaftet.

Zum Glück, ja.

Sie wollten erwischt werden?

Irgendwie schon. Etwas in mir wollte aus dem Teufelskreis ausbrechen. Deshalb habe ich die Chance zum Entzug auch gleich wahrgenommen.

Während der Gerichtsverhandlung hat der Staatsanwalt Ihnen damals Straffreiheit angeboten, wenn Sie ihm zehn weitere prominente Kokser genannt hätten.

Ich hätte das halbe Prominenten-Personal der "Bunten" verpfeifen können. Aber damit hätte ich mich selbst ins Unrecht gesetzt. Ich fühlte mich nicht als Krimineller. Ich habe nie Drogen verkauft, nur selber Kokain konsumiert und mir damit selbst geschadet.

Das ist jetzt zwölf Jahre her. Sind Sie jetzt frei davon?

Ja, aber vor ein paar Tagen habe ich wieder geträumt, ich hätte ein paar Bröckchen Crack auf dem Tisch. Ich bin zehn Jahre clean - und träume immer noch davon. ich weiß nicht, was passieren würde, wenn mich ein schwerer Schicksalsschlag träfe. Man bleibt immer gefährdet...

Wenn man Ihre Biografie liest, klingt es so, als würden Sie all das nicht bereuen.

Zum Teil. Ich würde es heute nicht wieder so machen. Aber ich bereue es auch nicht. Weil ich damals nicht anders konnte. Bereuen kann man nur Dinge, die man anderen angetan hat. Aber alles, was man sich selbst antut, kann einen, wenn man bereit ist, dafür die Verantwortung zu übernehmen, weiter bringen. Für mich war es offenbar notwendig, in ein tiefes Loch zu stürzen. Ich will damit sagen: Die Drogen sind zwar ein wichtiger Punkt in meiner Biografie. Aber eine schwere Krankheit hätte vermutlich zu ähnlichen Erkenntnissen geführt. Irgendwie habe ich das Gefühl, ich habe mir meine Krankheit durch die Drogensucht selbst zugeführt. In meinem Buch spielt diese Zeit auch nur eine eher kleine Rolle. Drogen hin oder her: Es war eine ganz schwere lebensbedrohliche Krise. Und die zu überwinden hat eine Verwandlung bewirkt. Keine Läuterung. Eine Verwandlung.

In welche Richtung?

Wieder hin zu mir selbst. Ich habe in dieser Zeit so viele Schattenseiten meiner selbst kennen gelernt. "Man darf nur alt werden, um milder zu sein; ich sehe keine Fehler begehen, die ich nicht auch begangen hätte". Diese Erkenntnis Goethes lehrt einen nur das Leben und die aufrichtige und schonungslose Beschäftigung mit den Abgründen der eigenen Seele.

Ein Krimineller?

Drogen machen asozial - das macht ihren Reiz aus. Man hat das Gefühl, völlig frei von Verantwortung und moralischen Normen zu sein. Nach einer bestimmten Menge von Kokain bist du drauf wie in dem Heine-Gedicht: "Was schert mich Weib / was schert mich Kind". Das ist das Entsetzliche an den Drogen. Und das Reizvolle.

Aber damals hatten Sie noch keine Verantwortung, zumindest nicht für eine Familie.

Nein, die wollte ich auch nicht. Dafür war ich erst nach dem Gefängnis bereit. Ich kam aus dem Knast und merkte, dass ich 50 bin. Davor habe ich immer so gelebt als sei ich noch 30.

Sie haben dann Ihre Frau Annik geheiratet, die 27 Jahre jünger ist als Sie. Sie sind jetzt 60 und haben zwei Söhne. Leben Sie nicht immer noch so, als seien Sie erst 30?

Ganz sicher nicht. Vielleicht bin ich erst sehr spät erwachsen geworden und beginne erst jetzt, die Kunst des Liebens zu lernen. Ich hatte früher auch ein sehr schwieriges Verhältnis zu Frauen. Mit 30 habe ich die zärtlichsten Liebeslieder geschrieben - aber ich war kein zärtlicher Liebhaber. Ich war eigentlich unfähig zu einer Beziehung. Um es noch deutlicher zu sagen: Ich war unfähig zu lieben. Ich wollte geliebt werden. Das war mir wichtiger.

Gilt das auch für Ihre politischen Lieder? Dort haben Sie eindeutig Position bezogen, gegen die Reichen, gegen die Politik. In Ihrem Denken nicht?

Ich beziehe immer noch Position. Vielleicht sogar heute kämpferischer als früher. Und ich hoffe immer noch, dass sich eines Tages auch die Politik der Poesie beugen wird. Damals war ich in vielen Punkten noch nicht reif genug, meinen eigenen Liedern zu folgen. Sie waren meistens klüger als ich. Man unterstellt mir oft, ich würde eine Moral nach Außen tragen. Aber das stimmt gar nicht. Ich war nie ein Moralist. Meine Texte waren vor allem eine Forderung an mich. Ich war nie ein typischer 68er.

Die Studentenproteste, die 68er-Bewegung - hat Sie das gar nicht interessiert?

Doch. Aber ich hatte auch Angst vor politischer Vereinnahmung. Ich war zwar in den linken Kreisen - aber ich sah nicht so aus. Mein Aussehen war sowieso verdächtig. An der Uni wurde ich prinzipiell für einen Spitzel gehalten. Ich hatte kurze Haare, trug enge T-Shirts und ging in die Mucki-Bude. Ich fand es toll, Muskeln zu haben. Damit galt ich damals als Proll. Ich trainierte auch mit Arnold Schwarzenegger, der damals in München schon ein Star der Bodybuilder-Szene war. Und ein unglaublicher Depp. Da hat sich bis heute nichts geändert.

Waren Sie eitel?

Ich war immer sehr sportlich. Das war zu der damaligen Zeit ungewöhnlich. Entweder man war links-intellektuell und leptosom oder man war athletisch und ein Proll. Aber mir war es zu öde, nur in der Ecke zu sitzen und zu diskutieren.

Was war wichtiger: Den Mädchen zu gefallen oder Männern zu imponieren?

Ach, die Mädchen... Bei denen kam das damals ja überhaupt nicht an. Im Gegenteil: Die intellektuellen Mädchen an der Uni verachteten mich für meine Muskeln. Aber ich spielte damals auch in anderen Kreisen. In Strip-Bars. Da wurde ich respektiert mit meinem Aussehen. Und war nicht unbegehrt.

Sie spielten Anfang der 70er Jahre in Sexfilmen mit. Entsprach das auch Ihrer Faszination für die Halbwelt?

Das war Zufall. Ich hatte mich in München bei einer Künstleragentur angemeldet. Am nächsten Tag bekam ich ein Angebot für einen Film. Ich dachte: "Mensch, ist das einfach! Das endet bestimmt in Hollywood!" In dem Vertrag stand: "Der Darsteller hat nichts dagegen, sich nackt vor der Kamera zu zeigen." Na gut. Am ersten Drehtag wurde ich mit einem Bus abgeholt. Es ging in die Tiefgarage eines Familienhauses und da stand ein Doppelbett. Da war mir klar, worum es ging.

Hatten Sie Sex vor der Kamera?

Nein, das waren harmlose Filme. Sex-Komödien, keine Pornos. Man stöhnte nur herum, der Unterkörper wurde nicht gezeigt. Das Schlimmste an den Filmen war: Die waren einfach saublöd. Einer hieß: "O mei, haben die Ostfriesen Riesen". Der bestand nur aus Ostfriesenwitzen. Aber ich bekam 500 Mark pro Drehtag. Ein Haufen Geld. Einmal kamen nach einem Konzert in den 80ern ein paar enttäuschte Mädchen zu mir. Die hatten in London, in Soho, in einem Sexfilmkino Fotos von mir gesehen. Und sie waren völlig fertig, dass ihr Star, der Sänger des "Willy" in so einem Film mitspielt.

Finden Sie das so unverständlich? In gewisser Weise haben Sie doch ein Doppelleben geführt, auf und hinter der Bühne...

Doppelleben würde ich das nicht nennen. Und auf der Bühne schon gleich gar nicht. Ich konnte immer zu dem stehen, was ich sang. Außerdem war meine Sexfilmzeit lange vor meiner Karriere als Liedermacher und ich habe es nie verheimlicht. Alle Filme sind in meiner Biografie auf meiner Website aufgelistet. Ich wollte mich nur nie auf eine bestimmte Rolle festlegen lassen. Ich habe mich immer als Anarchist verstanden. Literatur und Kunst sind ihrem Wesen nach der Anarchie verpflichtet. Dem Glauben an den Menschen und dem Misstrauen gegenüber Führern und starren Ideologien. Das ist ein Grundthema meines Lebens, das habe ich von meinen Eltern, die beide keine Nazis gewesen waren, geschenkt bekommen und das versuche ich auch meinen Kindern zu vermitteln. Dass sie Autoritäten gegenüber immer skeptisch sein sollen.

Würden Sie Ihren Söhnen auch erlauben zu kiffen?

Darauf möchte ich hier nicht antworten. Aber ich würde sie bestimmt nicht mit einer moralischen Keule erschlagen.

Aber wenn man Ihrer Argumentation folgt, heißt das doch, dass Sie gegen das Verbot von Drogen sind.

Das ist ein vielschichtiges Thema und die Diskussion sollte vor allem ohne moralischen Unterton geführt werden. Man sollte bedenken, dass der Reiz des Drogennehmens zu einem großen Teil auch in der Illegalität liegt. Auf der anderen Seite führt die Kriminalisierung der Süchtigen dazu, dass sie nicht von den Drogen wegkommen. Süchtige sind ja häufig Gestrauchelte. Menschen, die mit der Gesellschaft nicht klar kommen. Und für die schlägt mein Herz. Für die Ausgestoßenen, die seitlich Umgeknickten, die Verrückten. Wer soll denen beistehen, wenn nicht die Künstler?

Das klingt jetzt aber sehr idealistisch.

Das mag stimmen und vielleicht passe ich damit nicht in diese Zeit. Man verlacht heute gerne Menschen als Spinner, die sich engagieren oder desavouiert sie als Gutmenschen. Das ist für gewisse Kreise politisch natürlich sehr bequem. Humor ist wichtig und wertvoll, aber hat erst mal immer damit zu tun auch sich selbst auf die Schippe zu nehmen. Ich mag da altmodisch sein, aber mir ist Idealismus hundert mal lieber als dieser Pocherismus: Alles verblödeln. Trotzdem ist es notwendig auch einiges Ernst zu nehmen. Wer sich über alles lustig macht, der muss keine Stellung beziehen. Der macht sich unangreifbar. Ähnlich ist es beim Zyniker. Den Menschen meiner Generation nehme ich es sehr übel, wenn sie sich in den Zynismus flüchten. Denn eines muss man sich bewusst machen: Der Zyniker braucht immer ein Publikum. Alleine mit sich ist man nicht zynisch. Da hat jeder Ängste. Die kann man nicht weglachen. Denen muss man sich erst mal stellen.

Interview: Andrea Rittter / Hannes Ross

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