Jet Die Landung der Vodafone-Rocker


Nachdem die australischen Retro-Rocker Jet mit "Are You Gonna Be My Girl" 2003 riesige Erfolge feierten, drohte ihnen das Schicksal vieler junger Bands: billige Räusche, zu viele Verpflichtungen. Doch Jet nahmen eine unerwartete Wendung.
Von Yasmina Foudhaili

Eine Erfolgsgeschichte aus dem Rock'n'Roll-Märchen: Gabelstablerfahrer Nic Cester und sein launischer Bruder Chris, Altenpfleger Cameron Muncey und Mark Wilson, der sich als Aushilfslehrer über Wasser hält, gründen eine Band und träumen von ausverkauften Hallen, Platinauszeichnungen und flüchtigen Frauenbekanntschaften. Die Wünsche dieser vier Jungs erfüllten sich rasend schnell. Vielleicht sogar zu schnell. An den schmuddeligen Rockern in viel zu engen Jeans und zu kleinen T-Shirts kam man nicht mehr vorbei. Jet stehen fortan für unbeschwerten, mitreißenden, rotzigen Retro-Rock. "Are You Gonna Be My Girl", der schmissige Song, der die Stones und Iggy Pop & The Stooges gleichermaßen huldigt, brachte nicht nur jede Indie-Disco zum Ausflippen, sondern wurde auch vom Telekommunikationsunternehmen Vodafone für eine große Kampagne auserwählt. Aus der australischen Provinzband wurden schnell Überflieger.

Ihr Album "Get Born" erscheint, das Leben auf Tour beginnt. Fernab von Familie und Normalität nahmen die Vier die Aufmerksamkeiten, die ihnen auf einem Tablett mit gerollten Geldscheinen präsentiert wurden, gerne entgegen. Nach dem Aufstieg, den ausverkauften Tourneen rund um den Globus, den vier Millionen, die sie von ihrem mit MTV-Awards ausgezeichneten Debütalbum verkauften, ließ die Realität nicht lange auf sich warten. "Noch eine Show und man hätte unsere Einzelteile von der Bühne kratzen können." Chris Cester weiß, dass die Band am Ende war. Jack Daniels und Koks taten ihr übriges und die hoch gehandelten Rockstars verwandelten sich in einen abgehalfterten Schatten ihrer selbst. "Ich habe Shows gespielt, bei denen man mich hinter mein Schlagzeug klemmen musste und anschließend von der Bühne getragen hat. Das ist weit entfernt von cool." Mit dem Tod des Vaters von Sänger Nic und Schlagzeuger Chris Cester war die Band endgültig am Tiefpunkt angekommen.

Jet entschlossen sich getrennte Wege zu gehen, um das Erlebte zu bewältigen und um sich mit der Normalität anzufreunden. Das hatte besonders ihr exzentrischer Schlagzeuger nötig. "Ich habe mich manchmal morgens gefragt, ob ich meine Freundin tatsächlich im Streit gewürgt oder nur davon geträumt habe. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich wieder klar denken konnte", sagt Chris Cester. Nach einer Ruhepause gingen Jet in die zweite Runde. Doch plötzlich gab es ein Problem. "Wenn deine Band in ihre Einzelteile zerfällt, und du deinen Vater beerdigst, setzt du dich nicht einfach hin und schreibst einen Partysong." Für den Jet-Sänger und Songschreiber Nic Cester war es schwer Songs zu schreiben, die nicht in Selbstmitleid zerfließen. Die Aufnahmesession auf Barbados verplemperten die Jungs mit Sonnenbaden. Um voranzukommen, verbrachten sie den Winter isoliert in Massachusetts, um dann schließlich in den Hillside Manor Studios in Los Angeles unter Beobachtung ihres Produzenten Dave Sardy mit der wirklichen Arbeit anzufangen.

"Für's Stadion und für's Schlafzimmer"

"Shine On" sollte kein rotziger Recyclingversuch ihres Debüts werden und die Plattensammlung ihrer Eltern erneut huldigen, aber depressiv und abgeklärt wollten Jet auch nicht klingen. Der Sound der Vergangenheit hat es ihnen immer noch angetan. Welche Alben auf ihren Plattenspielern rotieren, ist nicht schwer zu erraten. Die Beatles und Stones als Konstante, dazu kommen Delta-Blues- und Motown-Soul-Einflüsse, Curtis Mayfield, The Beach Boys und Captain Beefheart. Jet haben sich alles, was ihrer Meinung nach von nachhaltiger Qualität ist, zu Eigen gemacht. Vorwürfe, sie seien nur eine bessere Coverband, belächeln die Vier müde. "Wir wollen das Rad nicht neu erfinden, sondern es laufen lassen." Auch wenn sie in den drei Jahren zwischen ihren beiden Alben einiges von ihrer ungestümen Art eingebüßt haben, sind sie jetzt nicht nur mit Herz, sondern auch mit Verstand bei der Sache. Während sich viele Bands zwischen Balladen und lärmenden Gitarren entscheiden, langen Jet an beiden Seiten kräftig zu. "Vielleicht wäre 'Für's Stadion und für's Schlafzimmer' der bessere Titel gewesen", scherzt Gitarrist Cameron Muncey und sieht ein, dass sich die lärmenden Jungs von einst gefühlsbetont und besinnlich zeigen.

Das zügellose Leben wird jetzt in die richtige Bahn gelenkt: "Das erste Album hat sich so angehört wie wir leben wollten: Auf der Überholspur, im Rampenlicht. Nach dem uns unser Sex, Drugs and Rock’n’Roll-Ding fast ins Jenseits katapultiert hat, haben wir dieses Mal Regeln aufgestellt." Und diese sind einleuchtend: "Whiskey, Gin und Wodka nur am Wochenende, und nur solange man noch selbstständig stehen kann." Wieweit sie mit dieser Einsicht kommen, wird sich noch zeigen.


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