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Kraftwerk: Die Mensch-Maschine zeigt Gesicht

35 Jahre nach ihrem Debüt präsentieren die Elektro-Pioniere von Kraftwerk erstmals ein Filmdokument ihrer spektakulären Live-Konzerte. Es ist ein multimediales Gesamtkunstwerk.

Mit der Doppel-DVD "Minimum-Maximum" bereichert die Gruppe ihre im Sommer erschienene CD von der Welttournee 2004/05 um eine Dimension: das (bewegte) Bild. "Es ist multimedial, wie ein Gesamtkunstwerk", sagt Gründungsmitglied Ralf Hütter im dpa-Interview über die Auftritte des Quartetts. Mit minimalistischer Strenge zitiert Kraftwerk dabei die Ästhetik vergangener Jahrzehnte - und ist doch zeitlos modern.

Mechanisch verzerrt begrüßt eine Stimme vom Band das Publikum, ehe sich der Vorhang öffnet; die Schatten auf dem Stoff werden mit einem Mal zu leibhaftigen Musikern: "Guten Abend, meine Damen und Herren, heute Abend: Die Mensch-Maschine." Wo sich bei früheren Tourneen noch Computer und andere Gerätschaften türmten - stets der bloßen Staffage verdächtig -, herrscht nun die Monumentalität des Schlichten: Vier Männer in dunklen Anzügen und roten Hemden, jeder an einem Stehpult, den konzentrierten Blick auf den Laptop darauf gerichtet.

"Halb Wesen, halb Ding"

"Kraftwerk war von jeher ein Konzept für eine live-elektronische Musik: die Mensch-Maschine", sagt Hütter, "mit dem Live-Album erfüllen wir uns einen alten Traum". Im Konzert lehnt der 59-Jährige, das Spielbein vorsichtig im Rhythmus wippend, am Pult und beschwört im Sprechgesang die Kraftwerk-Formel: "Halb Wesen und halb Ding." Bei fast jeder Textzeile führt Hütter die Hand zum Kopfmikrofon, als könnte ein Luftzug die Präzision seiner Arbeit stören. In perfekter Abstimmung zur Musik laufen Projektionen auf der Videowand, die die gesamte Bühnenbreite hinter der Band ausfüllt. Bei "Mensch-Maschine" bedient sich Kraftwerk der Ästhetik des russischen Konstruktivismus.

Wucht der Projektionen

Es sind diese Projektionen - Videos, Animationen, Textpassagen -, die die klinisch-sauberen, bisweilen monotonen Klänge der Kraftwerker dramatisch überhöhen: Die Split-Screens, auf denen der Trans-Europa- Express mit überwältigender Wucht und Eleganz durch die Landschaften schneidet, die bunten Leuchtreklamen, die den Zuschauer während der sehnsüchtig-melancholischen Großstadthymne "Neonlicht" umtanzen - das Publikum scheint schier nicht zu wissen, ob es staunen, tanzen oder mit seinen ungezählten Handys fotografieren soll.

Entrückte Schönheit des Roboter-Auftritts

Zu einem Höhepunkt gerät - im Konzert wie auf der DVD - der Auftritt der Roboter. Seit den späten 70er Jahren arbeitet Kraftwerk mit künstlichen Doubles, die erst zu Werbezwecken angefertigt, später aber auch live eingesetzt wurden. Im Vergleich zur ersten Generation, modellierten Schaufensterpuppen, hat die aktuelle Variante mit beweglichen Köpfen, Armen und Gelenken einen Technologiesprung hinter sich. Es ist ein Schauspiel von entrückter Schönheit, wenn die Automaten allein auf der Bühne, mit wächserner Maske und starrem Blick, zur Musik ihre Choreografie "mekanik" aufführen.

Zukunftsvisionen aus der Vergangenheit

Für die Roboter gilt, was Hütter über das Projekt Kraftwerk insgesamt sagt: "Was wir früher in den 70er Jahren projiziert hatten, die Mensch-Maschine oder die Computerwelt, das war damals ja noch Zukunftsvision." Mittlerweile hält die Hardware mit Kraftwerk Schritt: Die Digitaltechnik ermöglicht den direkten Zugriff auf alle Musikdateien aus dem Archiv des legendären Kling Klang Studios während der Konzerte. "Wir erzeugen und modulieren die Klänge in Echtzeit", sagt Hütter. Für die Gruppe beginne damit eine neue Ära.

Da ist es nur konsequent, dass Kraftwerk nach dem Live-Album, das auch als limitiertes Boxset im Notebook-Design erscheint, noch nicht an Ruhestand denkt. "Wir arbeiten einfach weiter", kündigt Hütter lakonisch an und verspricht - wenn auch ohne zeitliche Festlegung - ein neues Album der Mensch-Maschinen. "Das ist unser Leben."

Christian Kamp/DPA / DPA
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