HOME

Live-Earth-Konzert HH: Ein Kessel Buntes

Es dauerte lang, bis der Meister kam. Er sagte: "Schön, wieder auf der Erde zu sein" und entschwand rasch wieder. Vermutlich musste auch Yusuf Islam noch seine Glühbirnen wechseln.

Eine Reportage von Hannes Ross

Al Gore sagt, in zehn Jahren ist es zu spät. Wofür? Dann ist die Klimakatastrophe da. Die Welt geht dann unter. Deshalb sind wir hier: in der HNH-Nordbank-Arena, ehemals AOL-Arena. Oder sagen wir es einfach: im Volkspark-Stadion bei Live-Earth, einem von sieben Konzerten auf sieben Kontinenten, die zugunsten des Klimaschutzes veranstaltet werden. Die Welt soll ein Zeichen setzen, sagt Gore.

Es regnet und die Sonne scheint. Im zehn Minuten-Wechsel. In Hamburg scheint an diesem Nachmittag die Klimakatastrophe schon da zu sein. Nur ein Drittel des Stadion ist voll. Mehr blaue leere Plastiksitze als Zuschauer. Wo sind die Menschen? Eine Live-Earth-Mitarbeiterin sagt: "Heute ist auch der Schlagermove auf der Reeperbahn in Hamburg. Und dann gibt es die Party 'Malle für Alle' in der Fischaktionshalle. Das ist schon hartes Konkurrenz-Programm." Ach, so. Na, dann.

Drahtbürste meets Korallenriff

Das Radio hatte gemeldet: die Zuschauer kommen in umweltfreundlichen Brennstoff-Bussen des Hamburger-Verkehrsverbundes zum Konzert. Andreas Schlüter, 43, Telekommunikationstechniker, ist mit seinem Golf, Baujahr 1998, aus Hamburg-Barmbek gekommen. "Ich will Shakira sehen. Und Lotto King Karl." Sagt er und beißt in seine Bratwurst. Seine Freundin Inge, 38, Arzthelferin, freut sich auf Enrique Iglesias, "weil der super aussieht." Ihre zwei Kinder Torben und Sandra, 12 und 17, wären eigentlich lieber zuhause geblieben anstatt hier jetzt im Nieselregen zu stehen. "Das läuft nämlich auch im Fernsehen", sagt Sandra. "Und im Internet", sagt Torben.

Birnentausch verpflichtend

Fernsehen gibt es auch bei Live-Earth. Neben der Bühne werden auf einer Großleinwand Aufklärungsfilme zum Thema Klimaschutz. Man sieht brennende Ölfelder und Taucher, die mit Drahtbürsten Korallenriffe säubern. Dazwischen gibt es einen Aufruf, was man selbst tun kann: "Tausche vier Glühbirnen zuhause gegen vier Energiesparbirnen aus." Das ist natürlich gut und richtig, nur warum es ausgerechnet vier Energiesparbirnen sein soll, erschließt sich nicht wirklich.

Dann begibt sich der Konzert-Marathon zur Weltrettung: von 14 Uhr bis 23 Uhr werden unter anderem auftreten: Shakira, Jan Delay, Enrique Iglesias, Roger Cicero, Juli, Katie Melua, Mando Diao, Stefan Gwildis, Lotto King Karl, MIA, Yusuf Islam, Silbermond, Chris Cornell, Samy Deluxe. Da sollte eigentlich für jeden etwas dabei sein. Ein Kessel Buntes. Shakira schwingt standesgemäß ihre Hüften, der kleine Anzugträger Roger Cicero spielt den ewigen Frauenversteher, Stefan Gwildis röhrt seine Soulklassiker mit deutschen Unsinnstexten, Silbermond rocken schön und klingen im Stadion dann leider doch wie die Widergänger von Doro Pesch, MIA-Sängerin Mieze wirft ihre Engelsfügel ins Publikum. Nur Stimmung will sich nicht einstellen. Das liegt vor allem daran, dass keiner länger als 20 Minuten auf der Bühne ist. Sasha beginnt gerade das Publikum für sich zu gewinnen, da muss er schon wieder gehen.

Pausenfüller vom Privatfernsehen

Zwischen den Auftritten gibt es quälend langweilige Umbaupausen, die oft noch deprimierender werden, wenn sie mit deutschem Privatfernsehen-Personal gefüllt. Es treten unter anderem auf Gülcan Karahanci (Nein, lieber stern.de-Leser, diese Frau müssen Sie nicht kennen) oder Oliver Petszokat (auch den Mann brauchen Sie jetzt nicht googlen). Beide schreien etwas von "Geiler Stimmung" und versuchen das Publikum zu einer Laola-Welle zu bewegen. Das Hamburger-Publikum bleibt vernünftig. Keine Welle, sondern Entsetzen und Buhrufe. Man will ja einiges tun um die Welt zu retten, aber so etwas ertragen. Nein,danke.

Ein wenig wehmütig stimmen einen die Live-Übertragungen aus den anderen Konzertstädten, die manchmal über die Großleinwand flimmern: In London sieht man die Red Hot Chilli Peppers, in New York spielen The Police und an der Copacanbana in Brasilien schaut Jennifer Lopez sehr schön aus.

Endlich: der Meister

In Hamburg muss man bis 23 Uhr durchhalten um einen Meister zu sehen. Ein Mann mit Brille und Bart ist der Höhepunkt von Live-Earth in Hamburg. Yusuf Islam alias Cat Stevens. Er tritt auf und sagt: "Es ist gut, wieder auf der Erde zu sein." Was er damit mein, weiß niemand so genau, aber es klingt sehr anrührend.

Dann fahren 30.000 Menschen nach Hause. Manche mit umweltfreundlichen Brennstoff-Bussen, die meisten mit ihrem Auto. Hauptsache, sie tauschen daheim ihre vier Glühbirnen aus.