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Neues Album "Rebel Heart": Die alte Madonna ist zurück

Lange hatte es den Anschein, als laufe Madonna vor ihrem Alter davon. Jetzt, mit 57, veröffentlicht die Sängerin ein Album, in dem sie sich auf ihre Stärken besinnt.

Von Jochen Siemens

Madonna beim Konzert in St. Petersburg

Madonna beim Konzert in St. Petersburg

Gestern ist mir aufgefallen, dass ich in einem Madonna-Stadtteil lebe. Klingt jetzt seltsam, aber ich kann es erklären. Dort wo ich wohne leben sehr viele Frauen. Es ist, wie man sagt, eine gute Gegend. Viele der Frauen haben morgens, abends oder irgendwann am Tag Zeit, zu laufen. In der Nähe ist auch ein Fitness-Center, in dem man sich mit so elektrischen breiten Gürteln Muskeln in Rekordzeit antrainieren kann. Auch da sind sehr viele Frauen. Fast alle diese Frauen sind sichtbar über 40, viele auch sichtbar über 50. Sie lachen selten, weil sie viel zu viel damit zu tun haben, gegen etwas anzulaufen. Sie sind nicht dick, deshalb kann es nicht der Bauch sein. Es ist das Alter. Muskeln sollen die langsam erschlaffende Haut wieder spannen, Disziplin und Kondition das ersetzen, was langsam schwindet wenn die Kinder zur Schule gehen und einen nicht mehr den ganzen Tag brauchen.

Die Frauen wissen genau, dass sie nicht mehr in den Körper einer 30-Jährigen zurücklaufen können. Und auch nicht in den Kopf, denn sie sind mit der digitalen Welt vielleicht bekannt, aber nicht vertraut. Sie wissen also, dass es die 30-jährigen Mädchen in ihrer Arbeitswelt leichter haben und sie kennen sicher eine Freundin, deren Mann mit einer 30-Jährigen durchgebrannt ist. Gestern las ich, dass Madonna in einem Interview auf die Frage, ob sie ihre Lieder lieber traurig oder glücklich schreibe, sagte: "Traurig. Aber das ist schon okay, weil ich meistens traurig bin. Na ja, nicht wirklich traurig, eher bedrückt wegen irgendwas." Bedrückt wegen irgendwas, so sehen die laufenden Frauen in meinem Stadtteil aus.

"Die Kindheit des Alters"

Madonna wird in diesem Jahr 57, das ist gefühlt kurz vor 60, und nur Wohlmeinende sagen einem, das sei nun "die Kindheit des Alters". Madonna hat aber schon vor Jahren angefangen, was die Frauen in meiner Gegend jetzt machen: gegen das Alter anzutrainieren. Man mochte es für einen romantischen Zufall halten, dass sie ihr erstes Kind von ihrem damaligen Fitnesstrainer bekam, aber bei Madonna gibt es vieles, nur keine Zufälle. Sie hat in den Jahren so sehr trainiert, dass sie heute fast Bodybuilder-Oberarme hat. Und wie man jetzt auf neuen Fotos sah, einen 1a-straffen Busen und einen 1a-straffen Hintern. Man könnte auch sagen, unheimlich 1a, aber egal.

Sie hat auch in den Jahren musikalisch gegen jede Patina angearbeitet, hat Lieder gemacht, die supercool und modern produziert waren, hat im Versuchslabor elektronische Töne trainiert wie an ihren Maschinen, hat nochmal den Disco-Sound wiederbelebt, als man dachte, er sei vorbei. Und hat manche Platten gemacht, die musikalisch so weit vorne waren, dass man sie schwer hören konnte. Es waren Platten, auf denen sie nicht eins mit sich selbst war, sondern eins mit dem, was sie sein wollte. Aber was wollte sie eigentlich sein? Gute Frage.

Wie immer bei Madonna hört man die besseren Antworten nicht, wenn man sie fragt, sondern ihre Musik hört. Und sich ihre Platten, soweit es die noch gibt und nicht als gestreamte Daten körperlos durchs Netz sausen, ansieht. "Rebel Heart" ist ihr 13. Album in 32 Jahren. Auf dem Cover ist Madonnas Gesicht zu sehen, eingeschnürt mit schwarzen Bändern. Der Kopf gefesselt, die Gedanken gefangen, sozusagen. Und wer nun die vorherigen Alben von ihr kennt, wird nicht viel erwarten. Elektronische Experimente, kantiger Rhythmus, so was halt. Und nun das: "Rebel Heart" hat einige Songs, die zu den besten gehören, die Madonna gemacht hat. Man fängt an, darauf rumzuhören. Nebenbei. Macht sich einen Kaffee, liest seine Mails. Hört auf, sie zu lesen. Und vergisst den Kaffee. Weil etwas wieder da ist, das man von früher kennt.

Eine wunderbar melancholische Frau

Früher, als man morgens zum Plattenladen fuhr, um als Erster ihr "True Blue"-Album zu kaufen. Als Madonnas Pop-Werk zur akustischen Kulisse der eigenen Unruhe wurde. Als man zu "La Isla Bonita" allen Ernstes Sekt mit Curacao trank. Als Madonna hören "anything goes" bedeutete. Sie muss sich daran erinnert haben. Mit 57, zweimal geschieden, vier Kinder, spaziert man oft in die Nostalgie und besinnt sich auf das, was man kann. Und was man ist. Sie ist eine wunderbar melancholische Frau, wenn sie "Hold tight" auf dem Album singt oder "Devil Pray". Und nochmal schön ironisch "Bitch I'm Madonna" faucht.

Es gibt dann zwar auch sperrigen Robotersound wie "Illuminati", aber das ist verziehen, wenn sie mit "Joan of Arc" beinahe selbst erstaunt entdeckt, dass Songs einfach eine gute Melodie brauchen, die man auch mit sparsamen Instrumenten und einer Stimme ernähren kann und die von der Platte, um es mal kitschig zu sagen, davonfliegt wie ein Vogel und sich bei jedem einnistet, der es hört. Und da bekommt der wohlmeinende Satz "in der Kindheit des Alters" zu sein, eine Wahrheit.

Es hat Madonna irritiert, dass sie mit "Rebel Heart" in die raue See digitaler Piraten geriet und das Album lange vor Erscheinen im Netz veröffentlich worden ist. Ein Hacker aus Israel soll es gewesen sein, ausgerechnet aus Israel, muss die Anhängerin des jüdischen Kabbala-Glaubens gedacht haben. Es gibt also erstmals keinen Madonna-Wumm mehr, wenn "Rebel Heart" jetzt als gute alte CD erscheint. Ein paar von den Frauen, die in meiner Gegend laufen, tragen Kopfhörer. Ich habe keine Ahnung, was sie hören, sie summen auch nichts mit. Aber sie sollten Madonna hören, es läuft sich leichter durch das Leben. Und nicht davor weg.

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