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Madonna: Mutti in der Disco

Kinder, Küche, Kabbala - das ist heute die Welt von Madonna. Das kann doch aber nicht alles sein! Also macht sie sich mit ihrer neuen Platte auf, den Dancefloor zurückzuerobern.

Am Tag, als die zwölf Stücke ihres neuen Albums fertig waren, hatte Madonna Geburtstag, fiel von einem Pferd und brach sich das linke Schlüsselbein.

Uff, könnten Skeptiker jetzt sagen, das fängt ja gut an. Denn der Arm in der Schlinge passt nun überhaupt nicht in die Welt, die Madonna mit ihrem neuen Album "Confessions On A Dancefloor" wiederauferstehen lassen oder - wie es ihre Art ist - neu erfinden wollte. Es ist die Welt der ganz starken Frauen über 40, denen nichts etwas anhaben kann, die alles zusammen hinbekommen wollen: Karriere, Kinder und Ü-35Partys.

Nun, der Bruch ist verheilt,

und wer in der vergangenen Woche die MTV-Awards, "Wetten, dass..?" oder auch nur das Radio einschaltete, konnte "Hung Up", der von Abba beseelten Single, nicht entfliehen. Das Gesetz "Wenn Madonna spricht, hören erst mal alle zu" gilt auch bei dieser neuen Platte - auch wenn sie eigentlich keine zum Hören ist, sondern eher zum Hopsen. Als ob die Meisterin ihrem Fitnessstudio-Publikum zuriefe: "Los, bewegt euch, Babys!"

Doch gibt sie noch den Ton an? Ist die einstige Queen of Pop immer noch der Schrittmacher einer Kultur, die sie jahrelang durch cleverste Veredelung des musikalischen Undergrounds prägte? Auf den ersten Blick nein, denn Tanzplatten gibt es wie Sand am Meer. Auf den zweiten Blick ja, denn Madonna trifft mit dieser Ich-will's-noch-mal-wissen-Strategie ihrer Mittvierziger-Generation ins Mark.

Es ist kein Zufall, dass sie zur Veröffentlichung des Albums in Interviews ungewohnt intim aus dem Familienleben in London erzählt. Dass sie beichtet, schon einmal über eine Trennung von ihrem Mann Guy Ritchie nachgedacht zu haben. Dass sie berichtet, die Kinder im Hause Madonna würden kein Fernsehen und keine Zeitschriften kennen. Und dass Mutter Madonna für den Betrieb und Vater Guy für den Spaß zuständig seien - Szenen einer modernen Mittelstandsehe. Multimedial, wie sie nun einmal ist, kann man das alles demnächst auch noch in dem Film "I'm Going To Tell You A Secret" anschauen, der Geständnis-Doku einer Mutter von zwei Kindern mit Plattenmillionen auf dem Konto.

Und so touchiert sie

mit ihrem sperrigen Kraftakt zwischen Disco-Getümmel und Mama Madonna den Konflikt einer ganzen Babyboomer-Generation: Den Bewusstseinsspagat zwischen "Ich habe alles" und "Das kann doch nicht alles gewesen sein".

Ganz dringend wollen sie noch einmal dahin zurück, wo sich Madonna in ihrem neuen Video störrisch zurückmeldet: in die Discohallen mit zuckenden Lichtern und ebenso zuckenden Leibern auf der Tanzfläche. Denn dort fädelte man den Zustand ein, in dem man heute mit Kindern, Partner und Vorgarten lebt. Heute, sagt Madonna, habe sie da noch eine Schuld: "Ich war wirklich furchtbar zu meinen Männern, ich habe früher meine Freunde vernachlässigt, und ich bin nicht stolz darauf. Ja, ich verdiene, verhauen zu werden."

Diese neue Ehrlichkeit führt Madonna zurück zu ihren eigenen Wurzeln. In ihrem ersten Kinofilm "Susan... verzweifelt gesucht" tanzte sie als dreckiges Luder zu ihrem Hit "Into The Groove" in einem schmierigen Club. Heute führt sie im "Hung Up"-Video wohltemperierte Choreografie vor - in leicht zu hautengem und zu pinkfarbenem Aerobic-Anzug. Die Frau ist etwas in die Jahre gekommen, aber sie will wieder eine Göre sein. "Ich spüre, dass ich mich selbst nachmachen kann, wenn mir danach ist", sagt sie.

So gesehen ist die Madonna, die zu sich selbst zurückfindet, die wahrste, die es je gab: "Ich wollte dahin zurück, wo ich begann, Musik zu machen." Nur leider kann man das "Danke, es war schön mit euch" nicht überhören.

Jochen Siemens / print
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