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"Vier" "Ich hoffe, dass es die Leute berührt": Musiker Max Giesinger über sein neues Album

Max Giesinger
Max Giesinger
© Christoph Köstlin
Er ist mehr als einer von "80 Millionen": Für sein neues Album "Vier" hat sich Max Giesinger intensiv mit sich selbst und seiner Vergangenheit beschäftigt. Entstanden ist eine Platte, auf der der Musiker Themen reflektiert, die tiefer gehen als gewohnt.

Herr Giesinger, am 12. November erscheint Ihr neues Album namens "Vier". Sind Sie aufgeregt oder ist es für Sie schon Routine bei der vierten Platte? 

Ich bin sehr aufgeregt. Es steckt ja auch eine ganze Menge Arbeit darin. Anderthalb Jahre schreiben, produzieren, persönliche Themen. Man gibt so viel rein und hofft, dass es die Leute irgendwie berührt. Für mich selbst habe ich ein sehr gutes Gefühl, was ja schon mal ein wichtiger Schritt ist. 

Wo sind die Songs für das neue Album entstanden? 

Die Songs sind zum größten Teil in der Eifel entstanden. Letztes Jahr, nach dem ersten Corona-Lockdown, habe ich irgendwann die Krise gekriegt und gedacht, ich muss kreativ werden. Ich habe mit Freunden, mit denen ich schon seit Jahren Songs schreibe, für zwei Wochen ein Haus gemietet, um Musik zu machen. Es hat sich zu keiner Zeit wie Arbeit angefühlt, sondern wie ein geiler Trip in die Natur, wo am Ende super schöne Songs entstanden sind. 

Wie schreiben Sie Ihre Songs? Haben Sie zuerst eine Melodie im Ohr und dann kommt der Text oder umgekehrt?

Das ist immer anders. Manchmal ist es so, dass ich auf meinem Handy 50 Melodien gespeichert habe, die ich in den Monaten zuvor aufgenommen habe und man sich davon eine schnappt und loslegt. Oder es gibt schon ein Thema, über das ich schreiben möchte. Wir setzen uns dann zusammen, improvisieren ein bisschen und irgendwann ist dann ein Funke da. Dass man denkt: Das ist gut, da sollten wir dranbleiben. Meistens singe ich zur Melodie dann irgendwelche englischen Worte, irgendeinen Quatsch-Text. Dann versuchen wir das ins Deutsche zu übertragen und ein Thema zu finden, das mich gerade berührt. Es ist wie ein Puzzle: Irgendwann ist ein Moment da, wo der Knoten platzt und sich alles zusammenfügt. 

Wer bekommt einen fertigen Song zuerst zu hören und entscheidet, ob er auf ein Album kommt oder nicht?

Ich habe mittlerweile selbst ein ganz gutes Gespür. Wenn ich schon beim Songwriting merke: Oh die Nummer ist toll, dann passt das meistens auch zur Reaktion von den Leuten, denen ich die Nummern zeige. Bei meinem neuen Album war es so, dass ich nach dem Schreibprozess nach Portugal in ein Surfcamp geflogen bin und dort einige Freundschaften geschlossen habe. Ich hatte eine Auswahl von 20 Songs für das neue Album geschrieben. Die habe ich den Leuten vorgespielt und sie sollten die Songs der Stärke nach auflisten. Deren Top 3 war meistens identisch mit meiner eigenen. Somit war's auch relativ schnell klar, welche Songs ich als Single auskoppeln wollte.

Das neue Album von Max Giesinger heißt "Vier" und erscheint am 12. November 2021
Das neue Album von Max Giesinger heißt "Vier" und erscheint am 12. November 2021

Würden Sie sagen, dass es Ihr bisher persönlichstes Album ist? 

Ich hatte bisher bei all meinen Alben den Anspruch, dass sie persönlich sind. "Vier" geht deshalb etwas tiefer, weil ich inzwischen genauer weiß, was ich will und was nicht. Mit jetzt 33 Jahren weiß ich, was mir guttut und was ich lieber ausklammern sollte aus meinem Leben. Ich habe mit Anfang 30 begonnen, mich mehr mit mir selbst zu beschäftigen und mich zu hinterfragen. Dazu muss man in die eigene Vergangenheit reisen und schauen, was einen geprägt hat: die Gesellschaft, die Schule, die Erziehung. Wenn sich die Eltern früh trennen, macht das was mit einem Kind. Dass man später vielleicht etwas ängstlicher ist, gerade wenn es um Beziehungen geht. Da habe ich ein bisschen rumgewühlt und einige Themen gefunden, die nähergehen als Themen, die mich zuvor umgetrieben haben.

Im Song "Deine Zweifel" singen Sie über die Trennung Ihrer Eltern. Gab es Bedenken, den Titel zu veröffentlichen? 

Es gab schon die Frage, ob man das überhaupt raushauen kann, ob man sich da nicht zu nackig macht. Ein paar Leute meinten zu mir: Geiler Song, aber den kannst du nicht rausbringen. Ich dachte mir aber, wenn das Leute sagen, dann solltest du ihn erst recht veröffentlichen. Weil vielleicht ganz viele Leute da auch ein Thema haben. Eventuell denken die dann: Wenn der Typ, den ich aus dem Radio kenne, darüber singt und die gleichen Problemchen hat, dann ist es gar nicht so schlimm, dann bin ich damit nicht allein. Ich habe echt schöne Reaktionen auf den Song bekommen. 

Was haben Ihre Eltern zu dem Song gesagt?

Ich habe meinen Eltern die Nummer natürlich vor der Veröffentlichung vorgespielt. Das war auf jeden Fall ein Moment, der tief ging und danach hatten wir intensive Gespräche. Für mich war es nicht so einfach, mit meinen Eltern darüber zu reden. Ich kann mich da besser über die Musik ausdrücken. Der Song hat aber auch etwas Starkes und sehr Versöhnliches. Alle unsere Eltern geben ihr Bestes, aber sie sind auch geprägt von vorherigen Generationen, wo man sich in der Regel nie über Probleme unterhalten hat, wo Emotionen immer runtergespielt werden mussten und man einfach funktionieren sollte.

Hinter uns liegen fast anderthalb Jahre Corona-Pandemie, in der auch die Kunst- und Kulturbranche stark gelitten hat. Wie haben Sie die Zeit erlebt?

Am Anfang war es surreal. Ich bin im Frühjahr 2020 von den Dreharbeiten zu "Sing meinen Song" aus Südafrika wiedergekommen. Als wir am Frankfurter Flughafen gelandet sind, sah man die ersten Menschen mit einer Maske rumlaufen. Solche Bilder kannte man vielleicht aus der japanischen U-Bahn, aber nicht in Deutschland. Einen Tag später war dann schon klar, dass wir die ersten Shows meiner geplanten Tournee absagen müssen. Auch da dachte ich noch: Dann hast du nach der anstrengenden Zeit eben mal ein paar Tage frei, wird dann schon weitergehen. Aber dann wurden schließlich alle Konzerte abgesagt. Das war schon ein komisches Gefühl, wo man gemerkt hat: Jetzt wird's ernst. Dann hat sich aber relativ schnell eine gewisse Ruhe bei mir eingestellt. Ich hatte sonst immer Angst, etwas zu verpassen: Partys, Konzerte. Ich wollte immer alles mitnehmen – aber das gab es plötzlich alles nicht mehr.

Haben Sie aus dieser Zeit auch etwas Positives mitgenommen? 

Ich weiß, dass der Lockdown für die meisten Menschen ganz furchtbar war. Aber ich war ehrlich gesagt froh, dass ich eine Weile einfach gar nichts machen musste. Wenn du zuvor fünf Jahre auf 180 fährst, die ganze Zeit auf der linken Spur und immer nur Gas gibst, dann weißt du die Ruhe zu schätzen. Ich konnte meine eigene Wohnung zum ersten Mal richtig kennenlernen, mein Kühlschrank war voll, ich habe kochen gelernt und mit Yoga angefangen. Es hat mich total entschleunigt. Ich fand es aber auch absurd, dass die Welt fast untergehen muss, damit ich mal runterkomme. Da habe ich angefangen, mich mit mir selbst zu beschäftigen und viele Dinge reflektiert. Dabei sind etliche Ideen für das neue Album entstanden. 

Wäre das Album ohne Corona ein anderes geworden?

Mit Sicherheit. Und es wäre wohl auch erst ein Jahr später erschienen. Eigentlich wollte ich 2021 auf Weltreise gehen und erst danach die Platte rausbringen. Aber ich glaube, es war genau richtig so. Es war gut, dass ich 2020 mal ein bisschen runterfahren konnte. Mein Akku war schon ganz schön leer. Das war eine schicksalshafte Fügung. So ist jetzt ein Album entstanden, das, wie ich es immer nenne, noch näher am Giesingerischen Emotionszentrum ist.


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