Morrissey Reifes Werk einer früheren Teenager-Ikone


Nach siebenjähriger Funkstille feiert der ehemalige Frontmann der Smiths ein grandioses Comeback. Auf "You are the Quarry" verschmilzt Morrissey Musik, Text und Gesang zu einer homogenen Einheit.

Morrissey ist zurück. Nach sieben Jahren Funkstille feiert der Sänger, der als Frontmann der britischen Band The Smiths in den 80er Jahren Musikgeschichte geschrieben hat, ein grandioses Comeback. Sein neues Album "You Are The Quarry" (Sanctuary) klingt musikalisch wie textlich vertraut. Und doch hebt es sich wohltuend ab von der Unzahl wiederaufgebrühter Relikte der 80er Jahre, die zuletzt für Motto-, Revival- und Comeback-Shows aus der Mottenkiste gekramt wurden.

The Smiths waren die wohl beste britische Band der 80er Jahre. In einer Zeit, in der die Musiker sich schichtenweise Schminke ins Gesicht schmierten und Frisuren trugen, als wäre ihnen der Fön explodiert, wirkte die 1983 gegründete Band aus Manchester schon optisch angenehm normal. Steven Patrick Morrissey bildete als Sänger und Texter zusammen mit Gitarrist Johnny Marr ein Paar, das wegen seiner Gegensätze eine symbiotische Genialität entwickelte, wie man sie sonst nur bei Jagger/Richards oder Lennon/McCartney fand.

Seine Texte prägten eine Generation

Morrisseys Texte über Zurückweisung, Einsamkeit und die Suche nach der eigenen, auch sexuellen Identität wurden zum Soundtrack für das Lebensgefühl vieler Jugendlicher. Zahlreiche Artikel widmeten sich seinem angeblich zölibatären Lebenswandel. Blur-Frontmann Damon Albarn will wegen Vegetarier Morrissey sogar selbst aufgehört haben, Fleisch zu essen. Dazu kam Morrisseys hintergründiger, bisweilen bissiger Humor. Aber Songs wie "What Difference Does It Make?", "This Charming Man" oder "The Queen Is Dead" überzeugten auch musikalisch, was vor allem Verdienst von Marr war.

1987 brachen die Smiths nach vier Studioalben, fast zwanzig Singles und mehreren Compilations wegen unüberbrückbarer Differenzen zwischen Morrissey und Marr auseinander. Seitdem konnten beide nicht mehr an die früheren Erfolge anknüpfen.

Ruf als Sonderling

Morrissey fehlte nicht nur der kongeniale Partner, um seinen Texten die passende Musik zu geben. Er verscherzte es sich auch mit seinen verschiedenen Plattenfirmen, legte sich mit der Presse an, geriet sogar in den Verruf, fremdenfeindlich zu sein und galt zum Schluss als Diva und undankbarer Sonderling. Sieben Jahre verstrichen seit seiner letzten Platte mit dem bezeichnenden Titel "Maladjusted".

Homogene Einheit von Musik, Text und Gesang

"You Are The Quarry" nahm Morrissey, der mittlerweile in Los Angeles lebt, erstmals zusammen mit der Band im Studio auf. Produzent Jerry Finn, der zuvor mit Bands wie Blink 182 oder Green Day zusammengearbeitet hatte, betont, dass der kreative Prozess so wesentlich einfacher sei, als wenn man die Musik um Morrisseys Stimme herum schaffe. Und so bilden Musik, Text und Gesang tatsächlich wieder eine homogene Einheit, wie es sie zuletzt bei Morrisseys erstem Soloalbum "Viva Hate" von 1988 gab.

Überhaupt scheint dem Werk die Arbeit mit einem Produzenten gut getan zu haben, der sonst mit eher härteren Bands zusammenarbeitet. Jedenfalls driftet Morrissey nur ganz selten in die Weinerlichkeit ab, zu der sein Gesang sonst häufig neigt - von den Texten einmal ganz abgesehen.

Zwischen Gesellschaftskritik und Nabelschau

Textlich bewegt sich Morrissey weiter in seinem Kosmos zwischen Gesellschaftskritik und eigener Nabelschau. Der Opener "America Is Not The World" ist eine sarkastische, etwas zweifelhafte Liebeserklärung an seine neue Wahlheimat. In "Irish Blood, English Heart" setzt er sich mit seiner nationalen Identität auseinander und in "You Know I Couldn't Last" rechnet er auf seine Art mit dem Presse- und Promotiontrubel ab.

Morrissey hat Jesus vergeben

Und dann wieder Songs wie "I Have Forgiven Jesus" mit seinem hintergründigen Humor und dem unterschwelligen Vorwurf oder "How Can Anybody Possibly Know How I Feel?" und der Message, dass man Morrissey einfach nicht Wort für Wort auslegen und in ein Schema pressen kann.

So ist sich Mozza, wie ihn seine Fans nennen, treu geblieben. Ein reifes Werk einer früheren Teenager-Ikone, das die alten Smiths-Fans begeistern kann und gleichzeitig so überzeugend ist, dass es auch viele neue Fans gewinnen wird. Ein überzeugendes Comeback. Da schmerzt es dann auch nicht mehr, dass Morrissey eine Smith-Reunion weiter kategorisch ablehnt.

Stephan Köhnlein, AP AP DPA

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