HOME

Peter Licht: September auf dem Sonnendeck

Früher hat Peter Licht seine Traurigkeit in Ironie verwandelt. Heute hat er diese Ironie nicht mehr nötig. Weltzugewandt, lebensklug und zärtlich singt er vom ganz normalen Wahnsinn im Jahre 2008. Herausgekommen ist ein vollkommenes Album: "Melancholie und Gesellschaft".

Von Oliver Fuchs

Natürlich ist Peter Licht nicht sein richtiger Name. Peter Licht, so heißt ja kein Mensch. Höchstens im Märchen. Peter Licht, das könnte einer sein, der auszieht mit einem großen Klumpen Gold, den er erst in ein Pferd tauscht, dann das Pferd gegen eine Kuh, und so weiter, bis er am Ende mit zwei Steinen dasteht. Die fallen in einen Brunnen. "So glücklich wie ich", riefe er aus‚ "gibt es keinen Menschen unter der Sonne". Mit leichtem Herzen und frei von aller Last ginge er nun fort.

Ach, das gibt's schon? Heißt Hans im Glück? Hm.

Gut, dass das neue Album von Peter Licht im September erscheint, denn genau solche Musik brauchen wir jetzt. Tröstliche, halbschattige, zartbittere Hymnen. Das "Heimkehrerlied" etwa beschreibt präzise das Mitte-September-Gefühl: im Freibad, dem Ozean des kleinen Mannes, wird noch mal Ball gespielt, vom Turm gesprungen und vor Freude gekreischt, alle tun so, als sei für immer Sommer. Nur einer merkt, dass das Kindergeschrei einen Tick stumpfer klingt als noch im August und dass, kaum wahrnehmbar, eine feine herbstliche Brise um die Bäume weht - es ist der blasse, dürre Junge mit Brille auf dem schwarzen Handtuch, ganz hinten in der Ecke. Er ist der Hypersensitive, der in jedem Lebensbereich Wetterfühlige. Doch was nützt ihm diese besondere Begabung? Nichts, sie macht ihn nur zum traurigsten Jungen im Freibad, ach, in der ganzen Welt.

Der einsamste, verzweifeltste Mensch auf Erden

Peter Licht hat, wie alle dürren Freibad-Jungs, seine Traurigkeit erst in Ironie verwandelt. In Pop. Hier noch eine Brechung, dort noch ein Gedanken-Twist, das Spiel lässt sich endlos treiben. Heute hat Peter Licht Ironie nicht mehr nötig. Im "Heimkehrerlied" wird einfach festgestellt: "Der Sommer ist vorbei", da gibt es keine zweite oder vierte oder dreihundertachtundfünfzigste Ebene. "Die Felder sind leer, die Halme stehen nicht mehr, ganz genau wie deine Leute, davon standen auch mal mehr als heute". Erinnert irgendwie an das Märchen von Rip van Winkle, der im Wald einschläft und erst Jahre später wieder aufwacht. Die Kinder von damals sind Greise, die Freunde und Verwandten tot. Rip van Winkle erkennt die Welt nicht wieder. Er ist der einsamste, verzweifeltste Mensch auf Erden.

Peter Lichts "Heimkehrerlied" aber ist sanft und zart und hell. Es strahlt in erhabener Klassizität wie auch die anderen 9 Lieder auf "Melancholie und Gesellschaft". Die Arrangements sind dürr wie die Felder im Spätseptember, Gitarre, Bass, Schlagzeug, Klavier, mehr braucht es nicht. Weil die Melodien und Harmonien in voller Blüte stehen.

Ein neuer Peter Licht: weltzugewandt, lebensklug, zärtlich

Und dann ist da diese Stimme. Es ist ein neuer Peter Licht, der da spricht. Weltzugewandt, lebensklug, zärtlich. Ihm geht es jetzt nicht mehr ums Verschwinden, wie damals am "Sonnendeck", sondern ums Hiersein. BE HERE NOW, hat John Lennon gesagt. Wie lebt man richtig?, fragt Peter Licht und: Was bedeutet es im Jahr 2008, Mensch zu sein?

Über solchen Fragen kann man melancholisch werden. Aber bitte nicht auf diese selbstgefällige Rotweintrinker-Art. Der Albumtitel sagt es ja schon: Du bist nicht allein. Lass uns zusammen trauern, feiern, träumen.

"Melancholie und Gesellschaft" ist ein vollkommenes Album, so vollkommen wie Wasser. Peter Licht ist für uns durch die acht Höllenkreise der Ironie gegangen, um zu schauen, was dahinter liegt. Und er findet: Freiheit. Wie Hans im Glück.

"Wir hier und unsere unsterblichen Seelen, sagt mir, wie sollten wir arm sein, wir und der unpfändbare Rest unserer Seelen, was sollten wir anders sein als frei?"