HOME

Reeperbahn-Festival: Aufgalopp der Newcomer

Schon mal etwas von Neuser gehört? Nein? Die Band trat auf dem ersten Hamburger Reeperbahn-Festival auf. Die Veranstalter hatten auf Newcomer gesetzt - und damit Geld verloren.

Von Andrea Gläser

Im Mandarin Kasino ist die Lage überschaubar. Ein paar Nachtschwärmer stehen an der Bar, andere lümmeln sich auf den Sitzen. Die Band Neuser ist nicht allen ein Begriff, aber das Publikum groovt sich langsam ein. Als Culcha Candela, der Hauptact des Abends, antritt, fühlt sich das Mandarin Kasino endlich so an wie sonst: eng, verschwitzt und gut gelaunt. Die siebenköpfige Band verwandelt den Club mit ihrem Mix aus Hip-Hop und Reggae in einen Südseestrand.

Drei Tage tingelten die Besucher des Reeperbahn-Festivals von Club zu Club und von Live-Act zu Live-Act. Den Auftakt besorgten Tomte mit einem Open Air-Konzert auf dem Spielbudenplatz, knapp 10.000 Menschen hörten zu. Dann entfaltete sich ein Festival, das es in dieser Form und Größenordnung in Deutschland noch nicht gegeben hat. Insgesamt zweihundert Gigs auf zwanzig Clubbühnen - das Programm war zum Platzen voll.

Headliner als Appetithappen

Die Idee zum Festival hatten die Organisatoren vom SXSW-Festival in Austin, Texas, "geklaut". Dort schließen sich Musikclubs und Bars jährlich für eine fünftägige Riesenparty zusammen und präsentieren neue Rockmusik aus aller Welt. Ähnlich wie Austin verfügt Hamburg über einen zentralen "Hot Spot" mit kurzen Wegen von Bühne zu Bühne: Die Reeperbahn ist wie geschaffen dafür. Mit einem Pass konnten die Festival-Besucher in der Hansestadt alle Clubs besuchen: Von Angie's Nightclub bis zum Molotow, von Schmidt's Tivoli bis zum Uebel & Gefährlich.

Die Headliner des Festivals waren Tocotronic, Die Sterne, Arrested Development, Patrice und Sasha. Aber sie sollten, das war zumindest der Plan der Organisatoren, nicht im Vordergrund stehen. "Es ist eine Festivalkrankheit, dass die Besucher nur die Headliner interessieren", sagt Mitorganisator Detlef Schwarte. "Wir probieren etwas völlig neues. Wir machen ein Festival für Musik-Fans, die Lust auf neue Bands haben. Die bekannten Acts wollen wir eher als Appetithappen verstanden wissen."

Man hört, was man kennt

Bei einigen Besuchern funktionierte die Idee, mit überraschenden Angeboten "Sympathie per Zufall" zu erzeugen, ohne Abstriche. Janet (28) ging in Angie's Nightclub, hatte einen ganz anderen Künstler erwartet, war aber von Leni Sterns Jazzsession völlig begeistert. "Ich bin froh, dass ich hier gelandet bin - die Musik ist toll und es ist auch nicht so überfüllt wie in anderen Locations." Markus (35) entdeckte Fortune Drive für sich. Eigentlich war er wegen The Movement in den Club Molotow gekommen. Vor der dänischen Punk-Rock-Gruppe zog aber die Indie-Rockband aus Bristol ihre Show ab - und gewann mindestens einen Fan dazu.

Diese Erfahrungen waren allerdings nicht repräsentativ. Viele No-Names hatten ernsthafte Probleme, Besucher anzulocken, Neuser und Josh Otturn sind eben keine Marken, die sich von selbst verkaufen. Tocotronic hingegen schon. Als die Indie-Rocker im Grünspan loslegten, standen noch etliche Fans vor der Tür, nichts ging mehr. Detlef Schwarte sah diesen Herdentrieb nicht allzu gerne, musste aber akzeptieren, dass es genau so läuft: Man hört, was man kennt. Meistens jedenfalls.

Die Bilanz des Festivals ist für die Organisatoren gemischt: Die Stimmung war gut, das Feedback von Besuchern und Stadtvertretern auch, aber monetär hat es nicht hingehauen. "Finanziell haben wir mit dem Festival Verlust gemacht. Aber das war zu erwarten bei so einer Großveranstaltung, die neu ist", sagt Schwarte. Unter dem finanziellen Druck wird das Festival im nächsten Jahr wohl etwas kommerzieller werden. "Wir haben den Anspruch, die Qualität zu halten", sagt Schwarte. Aber er sagt auch: "Wir wünschen uns, mehr große Bands zu bekommen".

Mitarbeit: Lutz Kinkel