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Robbie Williams: Berechnung und Genialität

Keine Platte wurde dieses Jahr so heiß ersehnt wie das neue Album von Robbie Williams. Bereits über 600.000 Exemplare wurden bereits verkauft, das bedeutet jetzt schon dreifach Platin. Doch nicht jeder Fan ist mit dem Resultat zufrieden. Waren die Erwartungen vielleicht zu hoch?

Von Frauke Hansen

Endlich, endlich ist es soweit, der große Tag ist da. Noch ein paar Minuten dann öffnen die Musikläden und ich kann das brandneue Album "Intensive Care" von Robbie Williams in den Händen halten. Mein persönliches Pop-Highlight des Jahres.

Dementsprechend groß sind meine Erwartungen. Ich will Liebeslieder, Rocknummern und den typischen Robbie-Sound: lasziv-erotisch und mit viel Gefühl. Schon auf dem Coverbild von "Intensive Care" deutet Robbie auf mich, als wolle er sagen: "Pass gut auf, Kleine, ich kriege dich." Na dann los. CD in den Player, Start-Knopf gedrückt – und Robbie singt mir in "Ghosts" entgegen: "Here I stand victorious", zu Deutsch: "Hier stehe ich siegreich". Guter Anfang, aber ob du wirklich siegen wirst, wird sich noch zeigen, Robbie.

Anfängliche Enttäuschung

53 Minuten später bin ich enttäuscht. Darauf habe ich so lange gewartet, die Tage gezählt und mich und meine Freunde verrückt gemacht? Nach dem ersten Durchlauf will ich das Album am liebsten aus dem Fenster werfen. Robbie, wo sind die großen, herzzerreißenden Chöre, die Tränen-Nummern, die bombastischen Rock-Kracher?

Aber ich gebe nicht auf und gestehe Robbie eine zweite Chance zu. Und eine dritte, eine vierte. Langsam erschließt sich mir der Reiz der CD. "Ghosts", der Opener der "Intensivstation" kommt einer Hymne gleich. Die melancholische Melodie des Songs verleitet dazu, die Arme auszubreiten, die Augen zu schließen und sich ganz auf Robbie einzulassen. "Ich bringe dich nach Hause", prophezeit der 31-jähige Brite - ich lasse mich gerne von ihm an die Hand nehmen.

Robbie pur

Die erste Single "Trippin" hat mich und viele Fans überrascht. Robbie Williams und wie Reggae anmutende Klänge - das schien irgendwie nicht zu passen. Doch schon bei "Trippin" habe ich die Erfahrung gemacht, nach dem ersten Anhören nicht gleich aufzugeben. Die Kopfstimme, die den Song dominiert, ist gewöhnungsbedürftig, entwickelt aber nach mehrmaligem Hören ihren ganz eigenen Reiz und macht Spaß.

Ich merke langsam, "Intensive Care" ist Robbie pur - seine Stimme wird so intensiv in den Vordergrund gestellt wie selten zuvor. Nur partiell unterstützt ihn ein leiser Chor. Auch die Musik ist bei Liedern wie "Make Me Pure" zurückgenommen, der Brite kann beweisen, wie gut seine Stimme und vor allem welch guter Songtexter er ist.

Liebe, Selbstzweifel und unlösbare Probleme

Herzergreifende Balladen wie die Superhits "Angel" oder "Eternity" suche ich allerdings vergebens. Doch dank "Spread Your Wings" wird die CD nicht zu einer kompletten Enttäuschung, was vor allem der harmonischen Melodie zu verdanken ist. "Ich will Songs schreiben, die noch in 20 Jahren dem Zuhörer das Herz brechen. Und ich hoffe und schätze, dies ist so ein Stück", so der Sänger. Ich will mich verträumt zurücklehnen und kuscheln - so gefällst du mir, Robbie.

Doch Robbie Williams ist kein Friede-Freude-Eierkuchen-Typ, sondern ein Mensch mit Problemen - das wird bei "Intensive Care" ein weiteres Mal deutlich. Die Texte handeln von unerfüllter Liebe, Selbstzweifeln und unlösbaren Problemen. So handelt der Song "Advertising Space" vom Niedergang eines Superstars. Allerdings ist das Thema ziemlich ausgelutscht, wirkt wie eine berechnende Maske, von der Robbie weiß, dass sie funktioniert. Beschäftigten ihn keine anderen Themen als seine Selbstzerstörung? Zum Glück singt der Entertainer auch von seiner unbändigen Liebe zur Musik - das macht Hoffnung.

Eine Prise Berechnung

"Intensive Care" ist bereits das sechste Studioalbum des ehemaligen Take-That-Sängers, insgesamt hat Robbie bisher weltweit rund 30 Millionen Alben verkauft. Seine größten Hits verdankt er der Zusammenarbeit mit Guy Chambers, von dem er sich trotz des großen Erfolges nach seinem letzten Studioalbum "Escapology" 2003 trennte. Robbie und sein neuer Co-Writer und -Produzent Stephen Duffy setzen bei "Intensive Care" eine ganze Bandbreite von Musikstilen ein: Vor allem Piano- und Orchesterpassagen dominieren die Songs.

Bei "Your Gay Friend" kommt dann doch endlich der Rock-'n'-Roller Robbie hervor - und das gewaltig. Der frivole und freche Song hat das Potential für einen neuen Hit. Kurz vor Ende kündigt sich dann doch mein persönliches Highlight an: "A Place To Crash". Mich juckt es in den Füßen, ich will aufspringen und mittanzen. Party-Robbie zeigt von seiner besten Seite. Ja, ich bekenne mich dazu: einfache, energiegeladene Songs reißen mich mit.

War Robbie siegreich?

Was hat mir der "neue" Robbie Williams geboten? Eingängige, einfach gestrickte Pop-Songs, die ich schon nach wenigen Malen Hören mitsingen kann. So müssen Robbie-Songs sein, das scheinen der Brite und sein Co-Writer Stephen Duffy verinnerlicht zu haben. Da scheint eine gehörige Portion Berechnung mit im Spiel gewesen zu sein, denn die zwei wissen: Eine zu große Veränderung könnte Robbie Anhänger kosten. Deshalb geht er auf Nummer Sicher und bestückt "Intensive Care" vorwiegend mit radiotauglichen Songs. Die sind leicht zu verdauen und - das muss ich zugeben - relativ schnell aus dem Gedächtnis verschwunden. Doch Glanzlichter wie "Trippin" oder "Your Gay Friend" machen den Reiz dieser Platte aus. Trotzdem muss ich leider sagen: Robbie, siegreich warst du nicht ganz, ich hätte mehr erwartet.