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Rosenstolz: Der Tod als Motor

Diese Band polarisiert: Entweder hasst man Rosenstolz abgrundtief oder man liebt sie leidenschaftlich. Nach einer zweijährigen Pause bringt Deutschlands erfolgreichste Band nun ihr neues Album heraus. Im Interview mit stern.de sprachen AnNa R. und Peter Plate über Luxus, Ego-Dämpfer und Toiletten im Stadion.

Ihr neues Album hat den Titel "Die Suche geht weiter" - wonach suchen Sie eigentlich?

AnNa R.: Die Suche geht weiter, natürlich. Wäre ja schrecklich, wenn wir schon alles gefunden hätten. Nein, wir bleiben immer Suchende.

Die Songs klingen alle sehr melancholisch. Ist das Album auf den Herbst zugeschneidert?

Peter Plate: Man kann das Album im Herbst sicherlich sehr gut hören, aber es wurde für keine bestimmte Jahreszeit produziert. Wir haben die Aufnahmen angefangen, als die Mutter meines Freundes starb. Erst gab es den Text, dann die Musik. Und das war zuallererst ein Lied für uns, meine Form von Tagebuch. Der Tod und die damit verbundene neue Lebensenergie war der Motor für dieses Album. So Marketing geschult sind wir dann doch nicht, dass wir Werke für bestimmte Jahreszeiten schreiben.

Fans von Rosenstolz identifizieren sich wie kaum andere mit den Texten und der Musik. Wie kommt es, dass Sie genau den Nerv Ihrer Zuhörer treffen?

AnNa R.: Ich denke, es liegt daran, dass wir über das Singen, was wir selber erlebt haben. Wir verarbeiten ungefilterte Gefühle. Nun ist der Mensch ja nicht einzigartig - und da passiert es uns offensichtlich, dass wir die Gefühlslagen vieler Menschen ansprechen.

Peter Plate: Wir schreiben keine Songs mit Kalkül, denn das würde jeder sofort merken. Ich habe es tatsächlich mal versucht, aber Anna hat es natürlich durchschaut. Ich war damals total neidisch auf Annette Humpe, die für Lucilectric den Chartbreaker "Mädchen" komponierte. Das ist doch total einfach, dachte ich und wollte einen Klon kreieren. Klappte natürlich überhaupt nicht. Ich habe mein Ohr eben nicht so auf der Straße wie Annette.

Am Anfang haben Sie musikalisch zwischen allen Stühlen gestanden. War es schwierig, Auftritte zu bekommen?

Peter Plate: Wir wollten damals ein Programm und keinen Plattenvertrag. Die Popbühnen wollten uns nicht, also landeten wir bei Kabarett- und Schwulenbühnen.

AnNa R.: Wir konnten für die Entwicklung unserer Musik am Anfang gar nichts. Wir hatten dieses Keyboard - und wir hatten mich. Hätte ich jemand mit E-Gitarre getroffen, wäre es vermutlich etwas anders gelaufen.

Hätte AnNa damals gesagt, dass Rosenstolz 2008 die erfolgreichste deutsche Band ist, was wäre Ihre Reaktion gewesen?

Peter Plate: Das hätte sie nie gesagt. Wir definieren uns nicht als Stars, wir definieren uns über die Musik.

Aber Rosenstolz spielt in einer Liga mit Madonna oder Robbie Williams, verkauft von jedem Album über eine Million Einheiten in Deutschland.

Peter Plate: Deshalb kann ich trotzdem nicht aufstehen und sagen "Hurra, ich bin ein Star." Wir sind lange im Geschäft, und unsere Freunde erden uns sehr. Zudem sind die Menschen in Berlin eh sehr gelassen und schwer zu beeindrucken.

Die Medien sind da nicht ganz so entspannt. Eigentlich müsste Rosenstolz aufgrund des Erfolges ständig in Magazinen erscheinen. Sie haben aber einen Schutzwall geschaffen, ist das nicht schwierig?

AnNa R.: Es stimmt, dass wir keine Homestorys anbieten - aus gutem Grund. Es ist nötig für mich, um gesund zu bleiben. Wir verkaufen unsere Musik und nicht uns. Meine Person gehört mir, sonst niemanden.

Peter Plate: Ich lasse mich zum Beispiel nicht mehr mit meinem Partner zusammen ablichten.

Worüber haben Sie sich in 16 Jahren Rosenstolz besonders geärgert?

Peter Plate: Man wollte mir mal den Produzentenjob wegnehmen, weil die Plattenfirma Polydor meinte, die Alben seien so grauenhaft produziert. Ich sollte beim Album "Zucker", das immerhin den zweiten Platz der Charts erreichte, einen Profi ranlassen. Unfassbar. Dann habe ich mit dem Label-Boss Tim Renner eine Nacht gestritten und getrunken. Damals war ich Fan von Genscher und wusste, dass man vieles aussitzen kann. Ich habe gewonnen, seit dieser Nacht sind wir Freunde. Trotzdem hat das sehr an meinem Ego gekratzt.

Wie hält man nach all den Jahren so eine Arbeitsbeziehung frisch?

AnNa R.: In dem man sich regelmäßig Pausen gönnt. Auch während der Konzerte hängen wir nicht ständig zusammen.

Sie unterstützen die Mädels von Tennis Borussia Berlin. Haben sie eine Beziehung zum Fußball?

AnNa R.: Dass mit Tennis Borussia geht eigentlich nur, weil die Mädels so süß sind. Ansonsten bin ich Pauli-Fan und gelegentlich bei Union Berlin. Ich war sogar auswärts in Freiburg, um St. Pauli zu unterstützen.

Bela B. von den Ärzten hat schon ein Klo im Stadion von St. Pauli gesponsert. Legen Rosenstolz jetzt nach?

AnNa R.: Ich habe wirklich schon überlegt, ob ich das nicht machen sollte. Denn es gibt zu wenig Klos für die Mädels - das nervt. Ich habe Bela schon mal gefragt wie teuer das ist. Aber mal sehen wie es nach dem Umbau aussieht.

Dann könnten Sie doch mal eine Fan-Hymne für St. Pauli schreiben.

AnNa R.: Das würden uns die Fans wahrscheinlich furchtbar übel nehmen...

Wenn man ihre Fans in den Foren des Internets hört, glaubt man, Rosenstolz habe den Soundtrack zur Beseitigung von Problemen geschaffen.

AnNa R.: In erster Linie helfen sich die Menschen selbst. Wir möchten niemanden therapieren.

Peter Plate: Ich bin darüber auch erstaunt und gerührt - aber zielgerichtet funktioniert das nicht.

Was hören Sie, wenn es Ihnen gut gehen soll?

Peter Plate: "Take a Chance On Me" von Abba - das ist mein Soundtrack zum Glücklichsein.

AnNa R.: Ich mach mich erstmal etwas trauriger: mit Jeff Buckley oder Tom Waits. Es würde bei mir absolut nicht funktionieren, ein fröhliches Lied aufzulegen.

Es gibt mittlerweile viele deutschsprachige Bands. Welche mögen Sie?

Peter Plate: Zweiraumwohnung, mit denen bin ich als Fan sogar befreundet. Mia mag ich, aber auch Keren Ann oder Benjamin Biolay.

AnNa R.: Überraschung, aber ich bin bekennender Fan von Rammstein, den Ärzten und Fettes Brot.

Es gibt ja immer wieder Hass-Tiraden gegen Rosenstolz von Kollegen oder der Presse. Wie sehr stört Sie das?

Peter Plate: Ja, das ärgert einen schon. Aber dann denke ich sofort daran, dass Musik nicht alles ist. Vieles wird einfach überbewertet - und man sollte unberechtigte Kritik unter den Teppich kehren.

Sie sind Millionäre, finanziell absolut unabhängig. Welchen Luxus gönnt man sich da?

Peter Plate: Wir kommen beide nicht aus reichen Elternhäusern, also verprassen wir die Kohle auch nicht. Ich kaufe doch keine Villa für meinen Freund und mich, eine Dachgeschosswohnung reicht völlig aus. Mein Luxus beschränkt sich auf Städtetrips, die ich nach Möglichkeit alle zwei Wochen unternehme.

AnNa R.: Ich leiste mir lieber alle zwei Jahre eine Fernreise. Ich käme damit absolut nicht klar, mein Koffer ein- und auszupacken. Wäre mir echt zu nervig.

Peter Plate: Für zwei Tage packe ich doch keinen Koffer aus...

Sie sind beide verheiratet. Schleppen Sie die Partner auch mit auf Tour?

AnNa R.: Generell nicht, es kommt aber schon gelegentlich vor, dass mein Mann mitkommt.

Peter Plate: Eigentlich ist Ulf immer dabei. Aber auf Tour ist man auch sehr mit sich selbst beschäftigt - und ich bin dann immer sehr anstrengend. Ich finde es gut, auch mal meine Ruhe zu haben. Wir telefonieren während der Tour jeden Abend.

Geben Rosenstolz in 30 Jahren immer noch Konzerte?

AnNa R.: Ich möchte nicht mit meinem Betreuer an der Hand oder einem Rollstuhl auf die Bühne, deshalb ist das kaum vorstellbar.

Peter Plate: Man soll niemals nie sagen.

Interview: Thomas Soltau