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SOUL: Schwarzweiß-Denken

Unberechenbarkeit ist ihr Markenzeichen. Das amerikanische Soul-Wunder Kelis liebt Rock, hasst Bush und lässt sich nicht festlegen.

Eine Frisur wie der Kaminvorleger einer Designerwohnung, eine Sonnenbrille so groß wie zwei Radarschirme, ein Schrei so laut, dass man um Glas und Porzellan fürchten muss - das ist Kelis. Die 21 Jahre alte Sängerin aus Harlem fuhr im vergangenen Jahr großes Geschütz auf: In ihrem Hit »Caught Out There« schrie sie sich den Hass auf einen Mann von der Seele: »I hate you so much right now« - und im dazugehörigen Videoclip verprügelte sie den armen Kerl nach Strich und Faden.

Der »New Musical Express« war begeistert über ihr erstes Album: »eine der besten Debütplatten aller Zeiten«. Jetzt erscheint Kelis' zweiter Wurf. Er heißt »Wanderland«, die Single dazu »Young, Fresh N' New« - im Video fährt sie diesmal mit einem Riesen-Pick-up-Truck die Umgebung platt.

Man erwartet also einiges, wenn man mit Kelis verabredet ist. Aber dann sitzt man einer unscheinbaren Frau gegenüber, die so gefährlich wirkt wie eine FDP-Sprecherin. Kelis spricht vorsichtig und überlegt, sie trägt keine schreienden Farben und glatte Haare. Wo sind die Afrolocken?

Nebenan liegt ein Mädchen im Schlafsack auf dem Boden - vielleicht ist das die Stylistin, zu müde, um Kelis die übliche Frisur zu machen? Nein, sagt Kelis: »Ich mache nicht gern, was die Leute von mir erwarten.« Okay, dann eben glatt statt Locken.

Auch ihre Plattenfirma macht ihr das Leben mit Erwartungen schwer: Weil Kelis schwarz ist, will man Soul oder HipHop von ihr, schwarze Musik für ein schwarzes Publikum: »Die denken, Weiße akzeptieren mich nicht, Schwarze verstehen mich nicht.«

Ihre neue Platte klingt nach futuristischem Soul, bei Konzerten aber spielt Kelis am liebsten harten Rock - in der US-Musikbranche, die in klare Segmente aufgeteilt ist, sehr ungewöhnlich. »Ich stelle meine Plattenfirma eben vor vollendete Tatsachen«, sagt Kelis. Sie kann sich das Selbstbewusstsein leisten, weil sie erfolgreich ist: In den großen Londoner Plattenläden zum Beispiel wurde Kelis' neues Album unübersehbar präsentiert, während ein Superstar wie Michael Jackson in dem Massenangebot unterging.

Kelis ist auch zum Star geworden

, weil sie sich an kaum eine Regel des Geschäfts gehalten hat - sie redet über Feminismus, Bildung, sogar über Politik: »Ich hasse Bush«, sagt sie, »ich stimme mit ihm in keinem einzigen Punkt überein.« Sie ist überzeugt: »Sie wollen nicht nur die Schwarzen, sondern auch Juden und Asiaten von der Macht fern halten und in allen Bereichen klein halten. Das nennt man Verschwörung!« Hat Kelis, die heute vorsichtig sein wollte, doch die Beherrschung verloren? »Ich liebe eben die Leidenschaft«.

Sebastian Hammelehle

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