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Kelis: Selbst ist die Frau

Verbal ist sie um einiges deftiger als ihre massentauglichen Kolleginnen Beyoncé oder Christina Aguilera. Die New Yorker Sängerin Kelis macht perfekt produzierten R&B. Jetzt ist ihr viertes Album, "Kelis was here", erschienen.

Von Kathrin Buchner

Eine kleine Frau mit großem Schritt: Im kleinen Schwarzen, mit glatt gegelten Haaren statt dem wilden Wuschelkopf und in schreiend-roten Pumps läuft Kelis überlebensgroß auf die Skyline New Yorks zu. Das Cover des Albums ist symptomatisch für ihre Karriere. Schon mit 16 Jahren zog die Pfarrerstochter aus Harlem von zu Hause aus, weil ihr "Geborgenheit und Sicherheit" einfach zu viel waren. Ihr Markenzeichen sind Sonnenbrillen mit Gläsern wie Radarschirme - und die trug sie schon, bevor sie Victoria Beckham oder Lieschen Müller aus Niederaltaich auf der Nase hatten. In dem Video zu ihrem ersten Hit "Caught out there" erregte sie 1999 aufsehen, weil sie laut schrie: "I hate you so much right now" und dazu einen Typen nach Strich und Faden verprügelte.

Seitdem hat sie ihren Ruf als männermordender Vamp weg. Inzwischen ist aus Miss Kelis Rodgers aber Mrs Jones geworden, und sie hat mit "Milkshake" einen durchaus ehebett-tauglichen Anschlusshit geliefert. Dass sie mit NaS alias Nasir Jones Anfang 2005 einen der erfolgreichsten Hiphop-Produzenten geheiratet hat, bringt die 27-Jährige allerdings nicht davon ab, weiterhin weibliche Stärke und Eigenwillen hochzuhalten.

Vielleicht auch deswegen hat sie sich bei ihrem vierten Album "Kelis was here" von Erfolgsproduzent Pharrell Williams ("The Neptunes") verabschiedet und die Arbeit unter mehreren Produzenten aufgeteilt, statt einer einzigen Koryphäe zu vertrauen. Schließlich ist Kelis mehr als nur eine HipHop-Sängerin. Sowohl ihre Stimme als auch ihr Style lässt sich nicht dogmatisch einem Genre unterordnen. Auf den insgesamt 19 Tracks des Albums hangelt sie sich kongenial durch die Musikgeschichte.

Das Intro noch seicht eingepfiffen, geht es gleich beim ersten Track mit ordentlichem Bums zu Werk: "Blindfold me", ein großartiges HipHop-Stück mit etlichen von Ehemann NaS gerappten Zeilen. Da entspinnt sich ein "dirty-talk" unter den Eheleuten, bei dem sich Kelis allerdings weder die Augen verbinden noch die Hosen ausziehen lässt. Minimalistisch geht der Beat weiter mit einschmeichelnden Grooves bei der ersten Singleauskopplung "Bossy", "Respect" fordert Kelis, ein Thema, dass sich durch das gesamte Album zieht.

Auf "I don't think so" beweist sie dann ihre ausgesprochene Vorliebe für krachige Gitarrenriffs, geschickt eingebettet in Synthie-Beats, während es bei "Weekend" in spacigem Discosound weitergeht. Unterstützt wird sie dabei am Mikro von Black-Eyes-Peas-Mann will.i.am. Kelis' kraftvolle Stimme mit dem samtig-rauchigen Timbre kommt besonders bei den sanften Songs gegen Ende des Albums zur Geltung. Wie "Appreciate me" oder "Circus", mit dem sie an die Spoken-Word-Tradition von Ursula Rucker anknüpft.

Auf dem entspannt dahin groovenden "Lil' Star" schallt ein Hauch von Motown-Soul im zeitgenössischen Gewand aus den Lautsprechern. Stimmlich wird Kelis von Cee-Lo Green unterstützt, Sänger des Bandprojekts Gnarls Barkley, das mit "Crazy" völlig unerwartet diesen Sommer einen Nummer-eins-Hit in England landen konnte. Berührungsängste hat die New Yorker Sängerin sowieso nicht, bei "Like you" überrascht sie mit eingespieltem Klassik-Gesangs-Sample. Während die nächsten beiden Songs ein wenig dahinplätschern, hört man spätestens beim vorletzten Track "Have a nice day" auf - plötzlich bohrt sich eine Flamenco-Gitarre ins Ohr, Latino-Beats, die einen in karibische Urlaubsstimmung versetzen, bevor Mrs Jones mit "Fuck them Bitches" noch mal geballtes weibliches Selbstbewusstsein demonstriert – eine klare Ansage am Ende des Albums.

Für "Kelis was here" bewegt sich die Sängerin tatsächlich mit Siebenmeilenstiefeln durch die Musikgeschichte - es ist ein erstaunliches Werk, das sich lohnt, in Ruhe zu entdecken. Vielseitig, verspielt und mit enormer musikalischer Bandbreite. Respekt, Kelis!

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