Sting "Der Rock liegt im Sterben"


Harte Worte - ausgesprochen von einem, den diese Musik steinreich machte: Sting hat die Klassik entdeckt und veröffentlicht ein Album mit 400 Jahre alten Liedern. Ein stern-Gespräch über die Banalität des Gewohnten und den Reiz des Vergangenen.

Sting, Sie waren stets ein Trendsetter des Rock. Nun graben Sie einen Komponisten aus dem 16. Jahrhundert aus: John Dowland. Er hat die Frauen im elisabethanischen England besungen. Fällt Ihnen nichts Neues mehr ein?

Es ist doch Wahnsinn, wie selbstverständlich wir davon ausgehen, dass Musik sich immer weiterbewegt, dass es dauernd so etwas wie einen Fortschritt geben muss. Wir lügen uns selbst in die Tasche. Derzeit bewegt sich die Musik in einer kreativen Endlosschleife, und da hilft nur Neugier.

Der Blick in die Vergangenheit kann also auch einen Blick in die Zukunft öffnen?

Fakt ist, dass wir derzeit am Ende des Pop stehen, der dauernd monotoner wird. Der Rock liegt im Sterben. Mich interessiert es nicht, noch einen Computer einzusetzen, noch einen Verfremdungseffekt zu suchen. Wir haben uns viel zu lange vorgemacht, dass Rock'n'Roll revolutionär ist. Vergesst es, Freunde! Rock ist zu Tode reaktionär. Ein wirklicher Revolutionär war Strawinsky.

Revolutionär kommt von "revolvere", und das bedeutet "zurückrollen" - bringt Ihr musikhistorischer Rollback den Rock wieder nach vorn?

Ich bin kein Prophet, weiß nicht, wie die Zukunft aussieht. Aber ich weiß, dass wir momentan nicht mehr vorankommen. Strawinsky hat sich in seinen Kompositionen ebenfalls auf das Barock bezogen, gleichzeitig hat er die Ohren seiner Zeit geschockt - und, verdammt, er schockt uns noch heute. Neulich habe ich Debussy gehört: so raffiniert, so komplex, so sinnlich!

Er war ein Impressionist - kommen wir mit Träumen wirklich weiter?

Musik ist für mich ein spiritueller Pfad, auf dem man ständig weitergeht, um zu erkennen, dass man mit jedem Schritt weniger weiß. Ich habe gelernt, dass jeder, der es mit der Musik ernst meint, immer ein Schüler bleibt, weil es keine Antworten gibt - nur neue Fragen.

Es ist verrückt: Die Klassik redet seit Jahren von der Krise, und nun kommen Sie als Rockstar und behaupten, dass bei Strawinsky mehr zu holen sei als im Rock?

Ich habe nichts gegen guten Rock, er kann eine unendliche emotionale Kraft sein, und Klassik ist manchmal eine unerträgliche Kopfgeburt. Aber bei Komponisten wie Dowland können wir viel über die Form der Musik lernen. Wir lernen, dass Emotionen nur Sinn haben, wenn Formen existieren, die gebrochen werden können. Der Rock war revolutionär, als er alle Formen über Bord geworfen hat, als man sich auf der Bühne einfach ausgetobt hat. Aber inzwischen wissen wir doch, dass Emotionen allein langweilig sind.

Es gibt doch keine Kunst, die Emotionen so unmittelbar erfahren lässt wie die Musik.

Aber sie müssen in der Musik bestehen, nicht in der Show. Ich gehe nie auf die Bühne, um mich emotional zu prostituieren. Gefühle spielen eine Rolle, wenn ich meine Lieder schreibe, dann kämpfe ich mit ihnen und ordne sie in den Formen der Musik. Das Komponieren ist ein sehr, sehr intimer Moment, in dem ich vieles mit mir selbst ausmache. Aber wenn das Lied fertig ist, hoffe ich, dass meine Songs alle Emotionen in sich tragen und dass sie nur noch gesungen werden müssen. Ich muss dafür nicht auf die Knie fallen, in die Luft springen und Gitarren zerschlagen.

Ist der Rock Ihnen etwa zu exzentrisch geworden?

Der Rock ist ein bisschen wie die italienische Oper: hochemotional und flamboyant. Bei Dowland und überhaupt in der Alten Musik habe ich die musikalische Ökonomie kennengelernt. Es gibt keine Note zu viel, keinen Effekt ohne Anlass. Das beeindruckt mich. Dowlands Musik ist komplex und trotzdem simpel, sie implodiert, statt zu explodieren.

Das Beatles-Songbook kann man mehr oder weniger mit fünf Akkorden begleiten ...

Es wäre natürlich verrückt, als Rocker zu sagen, dass man gern die harmonische Vielfalt Schönbergs haben will. Da würde man vor leeren Sälen spielen. Aber ich glaube, dass ein wenig mehr Komplexität dem Rock nicht schaden würde. Dowland hat in seinen Harmonien Reibungen geschaffen, die wir heute gar nicht mehr kennen. Wenn man im Auto Pop-Radio hört, diese Kinderlyrik, die von Dreier- und Fünfer-Akkorden begleitet wird, dann pennt man doch ein. Solche Musik kämpft mit dem Motor um den Preis der Monotonie.

Aber Pop bedeutet auch "populär" - und den Leuten scheint das Einfache besonders zu gefallen.

Ich glaube, dass es einen Teil des Gehirns gibt, der tatsächlich auf leichte Akkorde abfährt. Aber es gibt auch einen Teil, der sich nach komplexeren Strukturen sehnt. Das eine ist naturgegeben, das andere ein Lernprozess. Man kann nicht erwarten, dass alle sofort einen verminderten Dominantseptakkord mögen. Bei Gustav Mahlers ersten Sinfonien saßen die Menschen mit Trillerpfeifen im Konzertsaal. Er war seiner Zeit weit voraus - und wenn wir seine Musik heute hören, wissen wir gar nicht mehr, wo der Skandal lag. Es kann doch nicht schaden, den einen Teil des Gehirns mit dem anderen zu verbinden.

Nun hören Sie sich fast an wie der Neutöner Wolfgang Rihm.

Keine Angst, ich bin und bleibe ein Populist aus Überzeugung, aber ich will ein neugieriger Populist sein, das Populäre nicht bedienen, sondern Fragen stellen, ob wir die populäre Musik nicht gemeinsam öffnen können. Ich suche einfache Songs, die sich der Chromatik öffnen. Sie sollen einfache Ohren nicht angreifen, ihnen aber davon erzählen, dass Musik größer ist als das Ghetto, in dem wir uns derzeit bewegen.

Dowland war ein Geschichtenerzähler, so wie Sie. Was haben Sie mit dem Liedermacher der englischen Höfe gemein?

Er war ein Popstar! Vielleicht einer der ersten. Dowland hatte kein Radio, keine Platten und keine CDs, aber er hat den Gesang zum Massenmedium gemacht, indem er seine Lieder als Buch gedruckt hat. In ganz Europa, sogar in Amerika waren Songs wie "Flow My Tears" große Hits.

Die er selbst von Hof zu Hof getragen hat.

Das vereint uns außerdem. Popstars reisen bis heute, um ihre Geschichten zu erzählen - nicht mehr von Königshaus zu Königshaus, von Hof zu Hof, sondern von Stadthalle zu Stadthalle. Aber, Sie werden lachen, das Prinzip ist immer noch dasselbe wie im 16. Jahrhundert.

Trotzdem liegen 400 Jahre zwischen Ihnen und ihrem Popvorgänger - gibt es da gar kein Fremdeln?

Dowland ist uns näher, als wir denken. Er hat in der Zeit vor dem Belcanto geschrieben. Die Oper war der eigentliche Bruch der Musikgeschichte. Plötzlich mussten Sänger mit ihren Stimmen ganze Opernhäuser füllen, sie künstlich projizieren, aufblasen und mit Vibrato singen - all das gab es nicht zu Dowlands Zeiten. Ich kenne meine Grenzen, würde nie Verdi oder Puccini aufnehmen. Aber Dowland hat im Kaminzimmer für eine Handvoll Ladys gesungen. So wie Sie und ich ...

... wenn wir ein Gutenachtlied singen.

So absurd sich das anhört, die wirkliche Errungenschaft des Rock war das Mikrofon, weil wir wieder mit ganz normaler Stimme singen konnten. Deshalb fühle ich mich auch zu Dowland hingezogen. Ich habe Countertenöre gehört, Soprane und Altstimmen, die seine Lieder interpretiert haben, aber ich glaube, dass ich mich mit meiner Interpretation viel näher an der Zeit Shakespeares bewege - ich kann ihn mit ganz normaler Stimme singen.

Crossover-Projekte sind wieder sehr beliebt. Paul McCartney hat gerade ein Oratorium komponiert, Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker haben den Soundtrack für den Film "Das Parfum" aufgenommen.

Aber mir geht es nicht um das "Crossover". Weil ich gar nicht davon ausgehe, dass Rock und Klassik zwei getrennte Welten sind. Ich will Dowland nicht mit Computern wiederbeleben, mit Trommeln oder modernen Rhythmen. Jede Harmonie, die ich singe, hat er genau so mit seiner Tinte geschrieben. Meine Aufgabe ist es, seine Musik zu interpretieren. So, wie sie auf dem Blatt steht. Ich weiß nicht, ob sich der gute Dowland dabei im Grabe umdreht. Aber wenn, dann würde es mir unglaublich leidtun.

An den Theatern wird Shakespeare gefeiert, und Sie entdecken Dowland. Ist uns die elisabethanische Zeit mit ihren Mythen, Weltbildern und der Sehnsucht nach Harmonie heute vielleicht wieder besonders nahe?

Ich kann mir vorstellen, dass wir nach der sogenannten Postmoderne wieder auf Sinnsuche sind. Und dann landen wir unweigerlich bei Dowland und seiner Zeit. Es ist doch verrückt, dass da ein Typ wie ich im 21. Jahrhundert über Noten sitzt, die jemand vor 400 Jahren aufgeschrieben hat. Man sieht plötzlich einen Menschen vor sich, den man mit den Fragen aus unserer Zeit konfrontiert.

Sie meinen, das ist wie bei Dornröschen - da kommt der Prinz und küsst die Schlafende?

Das Abgefahrene ist, dass man nicht erstaunt ist, wenn sie auch noch aufwacht. In der Klassik ist die Frage nach dem Alten in der Gegenwart längst eine Wissenschaft geworden, die man "historische Aufführungspraxis" nennt. So intellektuell will ich das gar nicht haben, ich bin schließlich nur ein Sänger.

Interview: Axel Brüggemann print

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