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TOURNEE: Tiger Lillies

In höchsten Tönen von niederen Trieben: Martyn Jacques, Sänger des schrägen englischen Trios »The Tiger Lillies«, kämpft mit Hundsgesang um einen Platz im Musiker-Olymp.

Von Udo Taubitz

Ein stämmiger Mann, der wie eine Frau singt. Mit Kastratenstimme trägt Martyn Jacques seine Lieder vor, in glatter Operettenmanier oder in markerschütterndem Kratz- und Knödelfalsett. Aber immer ganz hoch. Seine Stimme beflügelt die Fantasie: eine Missbildung? Ein ausgerutschtes Messer bei der Beschneidung? Martyn Jacques hinter der Bühne: beinahe enttäuschend. Die Sprechstimme des Kastratenschnulzers, wie sie ihn zu Hause in England nennen, umspült die Ohrmuschel mit männlich-dunklem Timbre, weich, etwas heiser im Abgang. Die schwarzen Stoppeln im Gesicht: weiterer Beweis eines intakten Hormonhaushalts. »Mhh, doch, ich bin wohl ein ganzer Kerl«, brummt Martyn Jacques und kratzt sich am Doppelkinn.

Auf der Bühne steht der Musiker, Frontmann und Star des englischen Anarcho-Trios »The Tiger Lillies« im Rampenlicht: weiß geschminkt, Hochwasserhose unterm Frack, verbeulte Melone im Gesicht, hinterrücks ein langer Chinesenzopf. Minutenlang quetscht Jacques aus seinem Akkordeon einen einzigen Akkord. Immer denselben. Nicht gerade animierend für ein Publikum, das Varieté erwartet. Aber man spürt: Etwas Außergewöhnliches ist im Gange. Nach dem kühnen Akkordeonauftakt klappt er seine Augäpfel nach oben und erhebt seine Stimme. Schaurig schön. Während um ihn herum Schlangenfrauen und Hochseilartisten, Feuerjongleure und Stripperinnen turnen, schleudert er Lieder über die Traurigkeit der Welt in die Arena und erreicht Spitzentöne, die jenseits physischer Möglichkeiten zu liegen scheinen.

Nach dem Stimmbruch, im Alter von 14 Jahren, merkte Jacques, dass er noch genauso hoch singen konnte wie zuvor. Während andere Jungs Fußball spielten, stand er in seiner englischen Heimatstadt Slough unter Brücken und sang wie ein Mädchen. Nach der Schule fing er ein Philosophiestudium an, aber nachdem er den Altar der College-Kapelle mit einem zigaretteschmauchenden Schweinskopf garniert hatte, musste der Bischof von Wales kommen und die Kirche neu weihen. Und Jacques musste gehen, nach London. Dort verkaufte er tagsüber auf der Straße Karamellen, trainierte abends seine Fistelstimme und schrieb in seinem Zimmer über einer Striptease-Bar in Soho alles auf, was er tagsüber erlebt hatte. Mehr als hundert bizarre Lieder komponierte er. Irgendwann die ersten Gigs in verrauchten Pubs, zusammen mit einem Bassisten und einem Schlagzeuger. Eine wilde Mischung aus Tom-Waits-Blues und trunkener Zirkuskapelle. »Ich stand auf einem Bierfass und sang, und es kam vor, dass Männer mir ihr Ale über den Kopf schütteten. Einmal flog sogar ein Glas, aber ich hatte Glück: Es traf den Bassisten«, gluckst er, und sein gemeines Kichern wirkt echt.

In obskuren Nachtbars müssen Martyn Jacques und seine Begleiter Adrian Huge und Adrian Stout nicht mehr auftreten. »The Tiger Lillies«, benannt nach einer berühmten Londoner Hure, sind in England Kult. Sie triumphierten auch in der Komischen Oper Paris, auf dem Adelaide Festival in Australien oder in Londons Queen Elizabeth Hall. 300 Auftritte pro Jahr, sechsmal die Woche, immer unterwegs.

In der Gemeinschaftsgarderobe, in einem Zirkuswagen, legt Martyn Jacques den Kopf in den Nacken und sagt: »Es gibt keinen, der singt wie ich, nicht mal annähernd. Das macht große Sänger aus. Viele Leute hassen meine Stimme, aber das ändert nichts an ihrer Einzigartigkeit.« Stimmt. »Als hätte sich Jimmy Summerville die Weichteile in einer Bärenfalle geklemmt, ein fürchterliches Geheule«, wettert der Musikkritiker der Internetgazette popXL.de. Stimmt auch. Trotzdem, nach dem fünften Lied besteht Suchtgefahr.

Gern vergleicht er sich mit Größen wie Jacques Brel oder Edith Piaf. Einziges Problem: Während Piaf & Co. Hallen füllten, müssen die Tigerlilien außerhalb Englands noch immer mit Kleinkunstbühnen vorlieb nehmen. Aber Ruhm und Reichtum werden kommen, meint Jacques; mit der Musik zur umjubelten Junk Opera »Shockheaded Peter« (»Struwwelpeter«) machten sie schon einen Anfang.

So ungewöhnlich wie Jacques? Stimme sind auch seine Lieder. Sie handeln von Sex mit Hamstern, Schafen, Fliegen, von sinkenden Schiffen, von Drogen, von Krankheit. Und immer wieder vom Tod. Die Randfiguren der Gesellschaft sind seine Helden: Taschendiebe, Prostituierte, Brandstifter. Wer diese Lieder hört, spürt: Jacques liebt alle Gestrauchelten und hat eine Stinkwut auf alles, was Normalbürgern heilig ist. Seine neue CD »Circus Songs« handelt ausschließlich von Freaks, von wunderlichen Einzelgängern, wie Jacques selbst einer ist.

Gibt es irgendetwas, das die Kastraten-Diva schreckt? Martyn Jacques überlegt, zieht die linke Augenbraue nach oben und verkündet ernsthaft: »Ich habe Panik vor Leuten mit Erkältung, reagiere auf sie wie auf Leprakranke. Husten und Schnupfen – das ist für mich das Schlimmste.«

Deutschland-Tour:

5. und 6. 7. Bremen

7. 7. Hamburg

8. 7. Krefeld

13. 7. München

14. 7. Bregenz

20. 7. Augsburg

25. und 26. 7. Berlin

28. 7. Jena

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