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Udo Lindenbergs neues Album: Auf der Suche nach dem Gin des Lebens

Manchen ist es gar nicht aufgefallen, dass Udo Lindenbergs letztes Album schon wieder acht Jahre zurückliegt. Andere ersehnen ungeduldig das Ende der Durststrecke. Alle gemeinsam können sich über ein fulminantes Comeback freuen: "Stark wie zwei" ist eine swingende Panik-Attacke aus vergrübelter Lebenslust und traurigem Humor.

Von Axel Henrici

Eigentlich war der 28. März nicht rot in unserem Kalender angestrichen. Panik-Udo macht ein neues Album? Na und, dachten wir. Wann hat der das letzte gute Lied geschrieben? Irgendwann im letzten Jahrtausend. Und dann kam das Vorab-Exemplar von "Stark wie zwei". Und man hörte mal rein: Ich bin gerast durch dieses Leben, bin geflogen aus den Kurven, hab mich selber ausgeknockt, und immer weiter gezockt. Wo was los war - ich war da. War der Hexer in jeder Bar. Ich war hinter jeder Grenze, und so viel weiter... Mann, ich hab mich selber fast verloren. Doch so'n Hero stürzt ab, steht auf und startet von vorn.

Hmm, eigentlich der typische Udo-Sound: selbstironisch-kalauernd, büschen nuschelig, damit der Scharfsinn besser rauskommt. Aber irgendwas ist diesmal anders. Was sonst immer als stilisiert, aufgesetzt cool und bemüht sprachspielerisch rüberkommt, wirkt nun mit einem Mal lebensklug und (auf eine immer noch sehr lässige Weise) nachdenklich. Liegt das an einem selber? Hört man inzwischen anders? Oder hat sich da ein anderer Ton eingeschlichen. Selbst eine Zeile wie Alles andere geht uns am Arsch vorbei klingt nicht so routiniert nölig-cool wie sonst und hat plötzlich eine melancholische Würde. Viele Sätze treffen mitten ins Herz, würde Dieter Thomas Heck sagen. Schreibt man sie hin, denkt man aber gleich: Das geht gar nicht. Muss also doch am Ton liegen, an der Haltung. Irgendwas ist mit Udo passiert.

Ey, das weißt du doch: Ich lieb dich immer noch. Es gibt nicht viele Sänger, die sich so eine Zeile leisten können. Udo kann. Und zwar nicht unbedingt, weil er eine Zeile vorher singt: "Wir sind doch nicht so wie die anderen, die sich mal lieben und dann weiter wandern." Sondern weil man im Gegensatz zu früher spürt: Da entblößt sich einer. Die schnoddrig-coole Fassade ist immer noch da, aber dahinter sieht man schon das Eingemachte.

Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: "Ehrlich" ist nicht automatisch besser als "gekünstelt". Aber Lindenberg hat mit den Jahren doch eine gewisse Routine entwickelt, was das Erfinden von Kunstfiguren und Sprachspielen angeht, hinter denen sich Emotionen verstecken lassen. Und um Emotionen geht es in der Musik mehr als in allen anderen Künsten. Dass also einer wie "Coolman" Lindenberg mit sowas wie Nachdenklichkeit auf sein Leben zurück blickt, sich angreifbar macht, ist vermutlich das Berührende.

Ergreifende Ballade über den Tod

Höhepunkt des Albums ist zweifellos das Titelstück. Und da bleibt es nicht beim Kloß im Hals. "Stark wie zwei" ist eines der schönsten, traurigsten Lieder deutscher Sprache über den unwiederbringlichen Verlust eines geliebten Menschen.

Wie Lindenberg in diesem Lied die verschiedenen Phasen des Trauerns - Nicht-Wahrhaben-Wollen, Verzweiflung, Dankbarkeit - in schlichte, einprägsame Worte kleidet, ist sehr ergreifend und von großer Sprachkraft: Du hast immer gesagt, ich soll nicht so lange trauern, ich soll in deinem Namen richtig weiterpowern. Wer hier keine Träne verdrückt, hat entweder kein Herz oder noch nie einen nahen Menschen verloren.

Ohne Treibstoff geht's nicht

Auch König Alkohol hat Udo Lindenberg zwei - höchst ambivalente - Songs gewidmet: "Woddy Woddy Wodka" und "Nasses Gold". Astronaut Woddy braucht den Treibstoff, um sich wegzuschießen. Ich zisch jetzt erst mal locker durch die Decke, immer schön der Nasa nach! Aber irgendwann meldet sich die Ground-Control: Hello, here is Houston. Are you having a Alkohol-Problem?

"Nasses Gold" lotet dagegen die bewusstseinserweiternde Dimension der Drogen aus und gibt dabei zu bedenken: "Ja so manche hohe Wissenschaft, und Symphonien und höhere Sphären wären nicht entstanden, wenn die Kollegen immer nur nüchtern geblieben wären." Um die speziellen Weisheiten zu heben, muss man sich in den "Underground" wagen, hinunter in die "Katakomben" steigen. Der Alkoholiker als Märtyrer, der sich in die "Tiefsee der Erkenntnis" wagt, auf der Suche nach dem "Gin des Lebens", Kronzeugen: Freud, Faulkner, Fallada. Da ist sicher was dran, aber man kann sich seine Lebenslügen auch schön trinken. Nach dem Motto: Einer muss den Job ja machen.

Udo und Helge als swingende Blockwarte

Der Panikpräsident hat sich ein paar gute alte Bekannte ins Boot geholt: Annette Humpe, Till Brönner, Jan Delay und Helge Schneider. Am besten klappt es mit Helge Schneider, dem jazzerprobten Soulverwandten. "Chubby Checker" ist eine gut gelaunt swingende und bei aller Albernheit gekonnt boshafte Satire auf das Schnüffelunwesen, hier in Gestalt des Hoteldetektivs Chubby Checker und seines Drogenhundes Rex: Ob er Koks hat oder Shit - irgendwas hat der doch mit! Da müssen wohl Lindenbergs langjährige Hotelerfahrungen eingeflossen sein. Dass auch beim Sexuellen nicht so laute Schreie gellen, fordert Blockwart Udo und Helge ergänzt hilfshausmeisterlich: In den Suiten und Zimmern bitte nur wimmern! Man merkt, welchen Spaß die beiden bei der Aufnahme hatten. Allein Schneiders zwischenrein improvisierte Hundebesitzer-Plattitüden sind den Kauf der CD wert.

"Eigentlich bin ich ganz anders..."

In seinem Duett mit Jan Delay bekennt Udo Lindenberg: "Eigentlich bin ich ganz anders, ich komm nur so selten dazu." Das Zitat ist bei Ödön von Horvath geklaut, aber der konnte nicht singen. Jan und Udo können singen. Wenn auch durch die Nase. Der nasale Sound verbindet den 61-jährigen Deutschrocker und den 31-jährigen Rapper. "Jan und ich", sagt Lindenberg im stern-Interview, "wir haben die zugestopftesten Nasen der Republik."

Der Supernasen-Song ist die Revanche für Lindenbergs Beitrag zu Delays letztem Album "Mercedes Dance". Genauso stromgitarrig, aber weitaus weniger überzeugend ist dagegen "Der Deal", wo sich Udo mit Stefanie Kloß von Silbermond duettiert. Nicht nur die Rockerattitüde, sondern auch die Egoismuskritik des Songs klingt etwas angestrengt: Man ist komplett cool, man denkt digital, man ist in Sachen Liebe nicht interessiert... Na ja.

Fazit: Ein Song für die Ewigkeit ("Stark wie zwei"), drei weitere starke Gründe, sich die CD zu holen ("Ich zieh meinen Hut", "Was hat die Zeit mit uns gemacht", "Chubby Checker") und eine gute Hand voll ordentlicher Songs ("Wenn du durchhängst", "Woddy Woddy Wodka", "Nasses Gold", "Interview mit Gott") - das können nicht viele Alben von sich behaupten. Das letzte Wort hat daher der Panikpräsident: Ich mach mein Ding, egal was die anderen labern, was die Schwachmaten einem so raten.

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