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TV-Serie: "Nicht plump sexy" - das sagt Liv Lisa Fries über ihre Rolle in "Babylon Berlin"

Gigantische Kulissen, ein Riesen-Budget, ein packender Krimi – doch die größte Entdeckung der TV-Serie "Babylon Berlin" ist die Schauspielerin Liv Lisa Fries.

Von Vivian Alterauge

TV-Serie: Wer sind die Schauspieler aus "Babylon Berlin?"

Die Freunde, sagt sie, habe sie zunächst nicht so beeindrucken können. Schließlich war sie diesmal keine Mörderin, keine Todkranke - sondern bloß Charlotte Ritter, eine Stenotypistin im Berliner Polizeipräsidium.

Erst als diese Stenotypistin, zum Glück, so kann man das sagen, nach zwölf Folgen der Serie in Lebensgefahr geriet, wurden die Freunde gnädiger. Endlich Abgründe! So wollten sie Liv Lisa Fries sehen! Und so werden sie auch all jene sehen wollen, die 2017 nicht beim Bezahlsender Sky dabei waren und die "Babylon Berlin" nun bei der ARD verfolgen.

Demokratischer Prozess

Die 27-Jährige empfängt in einem Berliner Jugendstilpalast, um von ihrer bislang wichtigsten Rolle zu erzählen. Das ist eine große Nummer hier, denn die Stenotypistin Charlotte Ritter ist keine Randfigur in "Babylon Berlin", und "Babylon Berlin" ist nicht irgendein TV-Mehrteiler. Fries spielt die Hauptrolle in der größten Serienproduktion, die es in Deutschland je gegeben hat – einer opulenten Krimi-Posse, angesiedelt im Berlin der 1920er Jahre, für deren Produktion die ARD und Sky kooperiert haben. Für das 40-Millionen-Euro-Projekt fanden drei der renommiertesten Regisseure Deutschlands zusammen: Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten.

Einsatz in Berlin: Charlotte Ritter ermittelt in einsamen Straßen

Einsatz in Berlin: Charlotte Ritter ermittelt in einsamen Straßen

Fries sagt lapidar: "Wenn ich mich mit den dreien getroffen habe, hätte es auch ein Studentenprojekt sein können." Also Dreharbeiten als durch und durch demokratischer Prozess, egal, wie glamourös die Umstände sein mochten. Die Schauspielerin ist das, was viele ein Ausnahmetalent nennen. Eine, die es nicht mag, eine Rolle bloß nach Skript zu spielen. Sie sagt, sie müsse sich die Figur einverleiben, müsse konstant an sich zweifeln, um besser zu werden. Als Mörderin im Fernsehfilm "Sie hat es verdient" verordnete sich die damals 19-Jährige allgemeinen Liebesentzug, selbst ihre Mutter durfte sie bis zum Drehschluss nicht umarmen. Um die Luftnot von Mukoviszidose-Patienten nachzuempfinden, rannte sie 2013 für "Und morgen Mittag bin ich tot" Dutzende Male Treppen auf und ab und atmete dabei bloß durch einen Strohhalm. Acht Preise hat sie für ihre Arbeit bisher gewonnen. Sie liest und recherchiert und trifft sich mit Menschen, deren Schicksal sie nachempfinden will. "Die Zuschauer widmen mir ihre Lebenszeit", sagt sie, "da bemühe ich mich, so authentisch zu wirken wie nur möglich."

Dreh-Vorbereitung mit radikalen Maßnahmen, solche Geschichten kennt man vor allem aus Hollywood, und dann sind sie manchmal auch nur Teil einer koketten Vermarktungsstrategie. Aber Fries glaubt man sofort, dass sie wirklich alles gibt, dass sie das Gefühl sucht, im Radikalen zu gefallen. "Natürlich kann man in seinem Leben nicht in jeder Sekunde immer bis zum Äußersten gehen, aber bei der Arbeit mach ich das schon gerne."

TV-Serie: Schöne Frauen, fiese Gauner, wilde Partys - darumg geht es in "Babylon Berlin"
Babylon Berlin

Es gilt als die teuerste deutsche Serie aller Zeiten: Die Serie "Babylon Berlin" begeisterte 2018 Publikum wie Kritiker. Die ersten beiden Staffeln basieren auf dem Bestseller "Der nasse Fisch" von Volker Kutscher. Um das Budget zu stemmen, arbeitete die öffentlich-rechtliche ARD erstmals mit dem Pay-TV-Sender Sky zusammen. Für Drehbuch und Regie waren Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries verantwortlich.

Immer bis zum Äußersten

Wenn man die Figur Charlotte Ritter in einer einzigen Szene einfangen will, dann wohl in dieser: Sie, äußerst knapp bekleidet, trifft ihren Vorgesetzten in einem Nachtclub. Er will diese Begegnung nutzen, um Informationen von ihr zu erpressen. Das wiederum nutzt sie, um eine bessere berufliche Perspektive auszuhandeln. Dabei oszilliert sie zwischen unbedarft und kaltschnäuzig, mal wirkt sie sexuell befreit, mal strukturell benachteiligt. Eine Rolle, deren Entwicklung man schmerzhaft gern verfolgt. Was auch daran liegt, dass sie im Früher angelegt ist, aber doch aus dem Jetzt heraus gedacht.

Auch wenn sich die Lebenswirklichkeit von Frauen seit den 1920ern verändert hat, sind einige Fragen aktuell geblieben: Wird das jetzt endlich was mit der Gleichberechtigung? Oder schaffen wir es doch nicht mit dem besseren Leben?

Charlotte Ritter Sie lebt noch bei ihrer Familie in einem Hinterhof

Charlotte Ritter Sie lebt noch bei ihrer Familie in einem Hinterhof

Schon während des Castings diskutierte Fries sehr lange über den Begriff sexy, denn, so die Presseankündigung: Ritter sollte "arm, aber sexy" wirken. Klingt eher gestrig, könnte man denken, das will doch keiner mehr sehen: großer Busen, großer Ausschnitt.

Für Fries gehört dieses Attribut zu Charlotte Ritter. Die soll nicht plump sexy sein, aber unübersehbar. "Sexy kommt von Sex und hat mit Wohlbefinden zu tun", sagt Fries. Sie will eine selbstbewusste Frau darstellen, die sich vor Sex und Nacktheit nicht scheut, aber auch ohne rote Lippen und langes Haar Begehrlichkeiten weckt, einfach, weil sie schlau ist, schlagfertig, selbstbewusst.

Liv Lisa Fries will keine "Lean in"-Karrieristin sein

Sie habe Charlotte Ritter immer gern mit nach Hause genommen, sagt Fries, weil sie selbst ähnlich vielschichtig sei. Doch so sehr sie ihre Rolle bis ins kleinste Detail verstehen möchte, so unbestimmt antwortet sie, wenn es um die private Liv Lisa Fries geht. "Wir sind beide auf der Suche nach Wahrheit", sagt sie. "Sie sucht unterbewusst, ich bewusster."

Im Getümmel der Mai-Demonstration

Im Getümmel der Mai-Demonstration

Ihr gehe es nicht um ihre Person, ihr gehe es um die Sache, das Projekt. Das klingt für eine 27-Jährige angenehm altmodisch. Klingt nach einer Opponentin in einer Generation, in der jeder sein Privates inszeniert und alle dem Ich huldigen. Fries tritt zielgerichtet auf, wirkt trotzdem suchend. Sie will keine "Lean in"-Karrieristin sein, wie sie die Facebook-Managerin Sheryl Sandberg propagiert, sondern eher eine ehrgeizige Zweiflerin – was eine Gabe sein kann und eine Geißel zugleich.

Fries wuchs in Berlin-Pankow auf. Der Wunsch, Schauspielerin zu werden, keimte, als sie die sehr junge Natalie Portman in "Léon – Der Profi" sah. Kurz danach schob ein Schulfreund ihr während der Unterrichts einen Zettel zu: Die Berliner Schauspielschule hatte einen Tag der offenen Tür. Fries ging hin, lernte die richtigen Leute kennen, bekam ihre erste Rolle in "Elementarteilchen". Der Regisseur Oskar Roehler schnitt ihre Figur am Ende wieder heraus, und so debütierte Fries 2007 als abgründiger Teenager mit türkis angemalten Lidern neben Götz George in der TV-Reihe "Schimanski". Fünf Jahre lang nahm sie privaten Schauspielunterricht, unter anderem bei Anna Maria Mühe. Ihr Philosophiestudium brach sie ab – es kamen zu viele Rollenangebote.

Die Hilfskommissarin führt ein Doppelleben. In einem Berliner Club empfängt sie auch Freier. Die Serie läuft donnerstagabends um 20.15 Uhr in der ARD.

Die Hilfskommissarin führt ein Doppelleben. In einem Berliner Club empfängt sie auch Freier. Die Serie läuft donnerstagabends um 20.15 Uhr in der ARD.

Für "Babylon Berlin" drehte sie fast ein Jahr lang. Sie las etliche Romane aus den wilden Zwanzigern, schaute sich Filme an, besuchte Ausstellungen. Sie tauschte sich mit den Kostümschneidern über ihre Kleider aus, diskutierte mit den Regisseuren über Einstellungen, Dialoge, Gesten. "Ich will alles, was ich kann, in deren Dienst stellen, um etwas ganz Tolles zu entwickeln", sagt sie.

Die Suche nach Wahrheit

Es gab schon Regisseure, die nicht sonderlich begeistert waren von Fries' Engagement. Aber sie kann die Dinge nicht einfach so hinnehmen, das wiederholt sie wie ein Mantra. Sie braucht eine Vision, am besten eine große. Wenn Schauspielkollegen bloß ihren Job machen, kann sie das nur schwer ertragen.

Was denn nun mit der Wahrheitssuche sei, von der sie sprach, will man schließlich noch wissen. Fries denkt lange nach. "Ich möchte zufriedener sein, ehrlicher, glücklicher", sagt sie schließlich. Nicht sehr konkret. Das könnte jetzt jeder sagen.

Ist sie denn zufrieden mit ihrer Arbeit? Eher nicht, sagt sie. "Aber 'Babylon Berlin' kann ich mir ganz gut angucken."

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