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"Bauer sucht Frau": "Alles war in Butter"

Was an so einem Ei dran ist, wenn es aus dem Huhn kommt, mag man sich als Großstädterin nicht immer vorstellen. Obwohl das alles halb so schlimm ist, wenn man dem Hühnerbauern Hansi glauben darf. Beunruhigender wird es, als ein Nebenerwerbs-Amokläufer namens Uwe auftritt.

Von Johannes Gernert

Marianne, die Chefsekretärin, hat schon Tote gesehen, "die durch Unsauberkeit gestorben sind". Da ist das mit den Eiern für sie natürlich nicht ganz einfach. Wenn man es mal auf Deutsch sagen wollte, sagt Marianne - und sie entschließt sich schließlich dazu, es mal auf Deutsch zu sagen - dann ist es nämlich so: "Da ist Kacke dran", an den Eiern. Denkt zumindest die 66 Jahre alte Chefsekretärin aus der Stadt. Weshalb sie es für keine allzu gute Idee hält, dass Hühnerbauer Hansi die Eier mit der Bürste säubert, mit der sie in der Küche sonst ihre Kaffeebecher abspülen.

Marianne zuliebe holt Hansi dann eine neue Bürste, auch wenn er im Nachhinein den Kopf schütteln muss darüber, dass es im Stadtleben immer nur "sauber, sauber, sauber" zugeht. Hühnerbauer Hansi entkräftet mit dem Bürstentausch ein Argument, das der Bauernverband vor der Ausstrahlung dieser siebten Folge der vierten Staffel gegen die Sendung "Bauer sucht Frau" vorgebracht hat: Es fehle an vielem, was den Berufsstand des Landwirts auszeichne, beklagte ein Sprecher in der "Rheinischen Post". Modernität. Weltoffenheit. Unternehmertum. Hühnerbauer Hansi aber zeigt sich der schwierigen Situation voll gewachsen - als moderner, weltoffener Unternehmer. Er nimmt die Bedenken der Großstädterin ernst, gibt sich einsichtig ("Im Kopf mag sie vielleicht besser sein") und reagiert flexibel.

Mit Zusatzinfos besser bemitleiden

Nachvollziehbarer scheinen die Sorgen des Bauernverbands dagegen beim Ziegenhirten Thilo. Der "schüchterne, kleine Biobauer" aus dem Hessischen wirkt etwas überfordert, als die Hofbesucherin beim gemeinsamen Feierabendbier einfach auf das Glas verzichtet und aus der Flasche trinkt. So etwas, bemerkt Thilo, sei ihm ja noch nie untergekommen. Keine besonders moderne oder weltoffene Einstellung. In puncto Unternehmertum, das war in der programmbegleitenden Zeitung zu lesen, weist der Ziegenhirte auch einige Schwächen auf. Er sei pleite, berichtete "Bild".

Mit diesen Zusatzinformationen ausgestattet, können die zahlreichen Zuschauer der Reality-Soap den armen Thilo noch besser bemitleiden, wenn er der 40 Jahre alten Chemielaborantin Sylvia das kahle Kellerbadezimmer vorführt und grenzautistisch starrend neben ihr auf dem Trecker sitzt. Es saß ja lange niemand mehr neben ihm oben auf dem Bock. Er sehnt sich schon sehr. So ist das bei den Bauern, die die Frauen suchen. Staffel für Staffel. Deshalb umarmen sie immer so gerne. Dem Publikum scheint dabei nicht langweilig zu werden. Wahrscheinlich liegt der enorme Quotenerfolg allerdings auch daran, dass sich "Bauer sucht Frau" gut als Zweit- oder Drittsendung eignet. Man kann nebenher auf Zusatzbildschirmen mindestens einem anderen Fernsehangebot problemlos folgen. Oder Wäsche aufhängen. Oder den Stall ausmisten.

Das Wenige was bei "Bauer sucht Frau" geschieht, wird derart gut vor- und nachbereitet, dass garantiert niemand etwas verpasst. Wenn die Chemielaborantin Sylvia auf Ziegenhirt Thilos Hof aus dem Auto steigt, bereitet die Off-Kommentatorin schon einmal darauf vor, dass Sylvia nun gleich Landluft einatmen wird, woraufhin Sylvia Landluft einatmet und dabei sagt, dass sie gerade Landluft einatmet. In nicht wenigen Fällen nimmt die Off-Kommentatorin solche Szenen noch einmal ab und sagt, dass Sylvia nun gerade Landluft geatmet hat. Worauf manchmal auch noch ein Bauer das ganze kommentiert und interpretiert, was das nun bedeutet, dass Sylvia Landluft geatmet hat oder die Heilerziehungspflegerin Heuballen gepresst oder die angehende Bankkauffrau ihr Hündchen namens Prada vom Arm gelassen.

Reine Landwirts-Ausstellung

Meist beschränken sich die Szenen-Kommentare von Bauern und Frauen in dieser siebten Folge auch auf die Tatsache, dass eigentlich alles großartig ist. Oder wie die angehende Bankkauffrau es ausdrückt: "Alles war in Butter". RTL nimmt damit eine genuin journalistische Aufgabe sehr radikal, aber eindrucksvoll wahr: Reduktion von Komplexität. Und zwar in zunehmendem Maße. Es scheint von Folge zu Folge weniger zu passieren. Die eigentlichen Dramen, siehe Pleite-Thilo und FKK-Hansi, spielen sich in der programmbegleitenden "Bild" ab, die die "Bauer sucht Frau"-Folgen somit im Grunde zum Begleitprogramm degradiert. Die Serie funktioniert dann als reine Landwirts-Ausstellung auf Dudelfunkteppich.

Hansi und Thilo zählen dabei nicht zu den bemerkenswertesten Exemplaren. Wirklich erstaunlich ist vor allem der Rinderwirt Uwe, der aussieht als wäre er Nebenerwerbs-Amokläufer in amerikanischen Psycho-Thrillern. Wahlweise macht er auch den Eindruck eines Stiers kurz vorm Angriff. Wenn er die zweifache Mutter und Einzelhandelskauffrau Carolin an der Hand durch die Gegend schleift, ihr Kuchen auf den Teller klatscht und schon nach wenigen Minuten seine verblüffte Mutter fragt, wie sie seine "Auswahl" (Carolin) denn finde (gefällt ihr ganz gut), dann ist der Zuschauer mit der eigenen Zivilisiertheit sehr zufrieden - der Bauernverband aber vermisst bestimmt wieder Modernität. Zumal es Uwe auf der Weide nicht so ganz gelingt, seine Rinderherde in den Griff zu bekommen. Die Einzelhandelskauffrau und zweifache Mutter Carolin betrachtet alles aus sicherer Entfernung. Uwe denkt "Ach, du scheiße", was während der Szene nicht zu sehen ist, aber anschließend ausführlich von ihm berichtet wird. Was genau Carolin denkt, darüber informiert "Bauer sucht Frau" an dieser Stelle ausnahmsweise einmal nicht.

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