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"Bully sucht die starken Männer": Geld hoch, Hände her!

Die Karawane zieht weiter. Bei "Bully sucht die starken Männer" machen sich die Freaks und Frauenlosen der Republik für Bully Herbig zum Affen. Was als professionelles Filmcasting annonciert war, entpuppte sich als öffentliche Drama-Therapie. Immerhin hatten einige Kandidaten interessante Namen.

Von Mark Stöhr

Fredl Fesl, der kauzige Liedermacher aus Niederbayern, hat einen Doppelgänger. Er heißt Jens-Friedbert und kommt aus Franken. Und weil Jens-Friedbert aus Franken kommt, sagt er nicht "Franken", sondern "Franggn". Eigentlich heißt er auch nicht Jens-Friedbert, sondern: "Die meisten nennen mich Bodo". Jens-Friedbert "Die meisten nennen mich Bodo" griff also gestern zur Gitarre und spielte eine fränkische Weise, die Fredl Fesl bestimmt gut gefallen hätte. Die Jury war sich eher unsicher. Sie wollte von dem bärtigen Bänkelsänger vor allem eines wissen: "Kannst du auch Hochdeutsch?".

Eine schwierige Frage, die nur ein Rollenspiel beantworten konnte. Der Franke sollte einen Tierforscher spielen, der nach Jahren der Einsamkeit im Urwald selber schon mehr Tier als Mensch geworden ist und plötzlich auf eine Frau trifft. So ging Jens-Friedbert in den Urwald und hatte, als er wieder herauskam, alles Menschliche verloren – nur seinen Dialekt nicht. Damit war Endstation. Einer von 120 Kandidaten weniger.

Michael "Bully" Herbig sucht sechs Folgen lang die "starken Männer" für seine Wickie-Verfilmung. Die PR-Maschine rollt nun nicht mehr nur zum Kinostart, sondern spuckt und raucht schon, bevor es überhaupt einen Film gibt. Das ist einigermaßen neu - das Showkonzept ist es nicht. Es ist ein Bastard aus allen Castingmaßnahmen, die derzeit vom deutschen Fernsehen durchgeführt werden. Der Schnelldurchlauf der Peinlichkeit von "DSDS", das Personal aus talentfreien Wichtigtuern und arbeitslosen Schauspielern von "Ich Tarzan, Du Jane!" und die bisweilen sagenhaft hanebüchenen Prüfungen der "Topmodels". Dazu ein paar Making-of-Elemente, die den privilegierten Blick hinter die Kulissen einer Filmproduktion suggerieren und dem Auswahlverfahren einen seriösen Anstrich geben sollen.

Das Klima ist kumpelhaft, fast schon überfreundlich

Man bedankte sich höflich fürs Kommen und schrieb bereitwillig Autogramme, wenn es schon nicht mit der Rolle klappte. Fast schien es so, der dreiköpfigen Jury sei es unangenehm, nun ebenfalls Teil des Casting-Zirkus' zu sein und beim Geldverdienen erwischt zu werden. Michael Herbig schnitt Grimassen wie ein Weltmeister und spulte mehr freudlos denn inspiriert sein Standardrepertoire von Abahachi bis Mr. Spuck herunter. Die Produzentin Rita Sera-Roll versteckte sich hinter einem verschmitzten Lächeln und versuchte sich in präzisen Einschätzungen. Und Jürgen Vogel lümmelte sich auf seinem Stuhl wie eine Honorarkraft, die von einem Kegelclub für die Weihnachtsfeier gebucht wurde, und sagte homöopathische Schauspieler-Sätze. Die hatten es immerhin in sich. Darauf waren die meisten Hobby-Wikinger mit ihren Badevorlegern um den Hals und Leihhelmen auf dem Kopf nicht eingestellt.

Der Lederhosen-Bayer etwa, der sich um die Rolle des Snorre bewarb und bei einer Banküberfall-Impro mit seinem "Geld hoch, Hände her!"-Gag dem Vogel gut auf die Nerven ging: "Mir fehlt bei dir irgendwie die Präsenz". Peter hingegen, ein Anwärter für den dicken Faxe, der mit einem "Lollolo, ich soll einen Baum umschmeißen" sein spielerisches Nichtkönnen unter Beweis stellte, hatte "das Naive, Putzige, weißt du". Peter wusste nicht. Nur Florian, ein Jungdarsteller, gestählt von einigen Jahren Psycho-Drama auf der Schauspielschule, konnte mit der Vogelschen Rhetorik etwas anfangen. Als der irgendwas von der fehlenden Kraft und Energie faselte, nickte er pflichtschuldig und gestand, sich mit der Figur des Tjure noch nicht so intensiv befasst zu haben. Muss er jetzt auch nicht mehr, denn er wurde für den Workshop mit den 24 Besten nicht nominiert.

Ein Fest der Scheinheiligkeiten

Als der Reigen der namenlosen Möchtergern-Ulmes und -Urobes dann endlich durch war, betrat ein veritables Fernsehgesicht die Bühne: der Schauspieler Günther Kaufmann. Er trug ein Mundart-Gedicht über zwei Knödel in einer Restaurantküche vor, das keiner verstand. Was sich nun abspielte, war ein Fest der Scheinheiligkeiten. Höflichkeitsfloskeln am kalten Buffet einer Medienparty: Vogel fand es gut, dass Kaufmann da war, Herbig fand es sogar wichtig. Sera-Roll glaubte ihm die Naivität seiner Charakterzeichnung, für Herbig war er "ein ganz großer Schauspieler, mit dem ich echt mal wahnsinnig gerne zusammenarbeiten würde". Nur halt bei dem Film nicht. Kaufmann nahm es mit vordergründiger Gelassenheit und ging wie viergeteilt ab. So eine Demontage verträgt keine Unterhaltungsshow, die freundlich sein will. Zudem könnte man sich bei der nächsten Verleihung des Bayerischen Filmpreises über den Weg laufen. Also wurde Kaufmann zurückgeholt. Mit dem Faxe wird's nicht, dafür darf er vielleicht den Schrecklichen Sven spielen.