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"Deutschland sucht den Superstar": Greatest nix!

Bei der vierten Mottoshow von "DSDS" kehrte ein Ausreißer zurück und zeigte, warum man ihn nicht vermisst hätte. Und die Jury war um Schadensbegrenzung bemüht angesichts von Gesangsbeiträgen, die schon fast an Sabotage grenzten.

Von Mark Stöhr

Als die noch verbliebenen sieben Kandidaten ihren Song durchgebracht hatten und sich zum finalen Telefonentscheid schon an den Händen fassten, ergriff der Juryvorsitzende außerplanmäßig noch einmal das Wort. Dieter Bohlen trieb die Sorge um, dass sein derzeitiges Lebenswerk ernstlich in Gefahr geraten könnte. Also hob er an zu einem Donnerwetter, das über einen kurzen Exkurs über die Gesetze des Musikgeschäftes in der eindeutigen Ansage gipfelte: "Reißt Euch zusammen!" Und in der Tat hatten seine Troubadoure in der vierten Mottoshow fast durch die Bank so unterirdische Leistungen abgeliefert, dass sie von den Galliern vor dem nächsten Römerlager ausgesetzt worden wären. Sind die potentiellen Superstars am Ende doch nur eine Ansammlung schlecht geölter Orgelpfeifen? Hat die Bohlensche Spürnase und die seiner beiden Jurykollegen versagt?

"Greatest Hits" war die Losung diesmal, in der Definition von Moderator Marco Schreyl "Songs, die wir alle lieben, ob alt oder jung." Fraglich, ob er diese Behauptung nach den teilweise sehr eigenwilligen Interpretationen der RTL-Jungschar noch so aufrecht erhalten würde. Monika Ivkic knödelte sich beständig einen Halbton zu tief durch "What A Feeling", Rania Zeriri sang "Smooth Operator" so "flach wie Holland" (Bohlen) und Collins Owusu erfand den Boyz II Men-Hit "End Of The Road" schlicht neu. Thomas Godoj vergaß bei "I Still Haven't Found What I'm Looking For" hingegen ganze Textpassagen und Benjamin Herd nölte sich so aufreizend lässig durch "Wake Me Up Before You Go-Go", als habe er bei einem Karaoke-Abend einen über den Durst getrunken. Lediglich Linda Teodosiu und Fady Maalouf zogen sich halbwegs unfallfrei aus der Affäre. Ein nahezu kollektives Versagen zur Prime Time also, ein Akt der Subversion aus Unvermögen - das ist schon fast wieder eine gute Nachricht.

Denn ein solches Ausmaß an Ausfallerscheinungen ist in der jetzigen Phase von "DsdS" nicht mehr vorgesehen, Casting hin oder her. Die schlimmsten Entgleisungen sind den frühen Rauswurfrunden vorbehalten, wo die eindeutigen Nicht-Talente mit aller Häme dieser Welt bedacht werden. Auch Skandälchen wie um den kleinen Trotzkopf Benjamin, der wegen der seiner Meinung nach zu harschen Kritik letzte Woche seine Koffer gepackt hatte und unter großem Tamtam von Bohlen wieder in die "DsdS"-Villa zurückgeholt wurde, sind Teil der großen Inszenierung. Ebenso der Wirbel um das "Bild"-Outing von Fady Maalouf, der sich nun scheinbar Sorgen um seine weibliche Anhängerschaft machen muss - völlig unbegründet übrigens, wie sich gestern zeigte. Der Anzug von den zehn Kandidaten jedoch, die aus 30.000 Mitbewerbern für die Endrunde ausgewählt wurden, sollte mehr oder weniger faltenfrei sitzen. Von ihnen wird erwartet, Mindeststandards wie technisches Können und nervliche Belastbarkeit zu erfüllen. Immerhin sind die Mottoshows Livesendungen, die nicht nur von vor Begeisterung schon halb tauben und blinden Fans verfolgt werden. Es sitzen ja auch Leute vor den Fernsehschirmen, die sich gute Unterhaltung wünschen jenseits von Fremdschämen.

Erkältung schlägt auf das Gedächtnis

Bohlen und Co. waren denn auch sichtlich um Schadensbegrenzung bemüht. Man einigte sich auf den Befund "menschlicher Makel". Unsere Spezies ist halt so, da kann man nichts machen. Der smarte Thomas hatte unter der Woche starken Husten, kein Wunder, wenn da mal ein Ton daneben geht. Seit wann eine Erkältung aber auf die Gedächtnisleistung schlägt, blieb eines der ungelösten Rätsel dieser Show. Der 16-jährige Benny ist "noch ein Kind", wie es Jurorin Anja Lukaseder in ihrer bewährten tantenhaften Art ausdrückte. Jugend schützt vor Torheit nicht, leider auch nicht vor Talentfreiheit. Und Monika bekam die Empfehlung mit auf den Weg, mehr sie selbst zu sein. Doch wie kann man schon zweifelsfrei "man selbst sein", wenn man gerade mal 18 Lenze zählt? Es war einmal wieder am Juryvorsitzenden Dieter Bohlen, alle anthropologischen Selbstzweifel zur Seite zu fegen und das eigentliche Problem beim Namen zu nennen: "Das war absolut unprofessionell!" Meinte er am Ende damit auch seine eigene Castingarbeit?

Dem freundlichen Collin mag das inzwischen egal sein, der wurde nämlich von den Zuschauern raustelefoniert. "Wir suchen keinen Komponisten, sondern einen geilen Sänger." Sprach der Bohlen und wird über diesen Satz nach der denkwürdigen Show von gestern noch das eine oder andere Mal nachgedacht haben.