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"DSDS": Der kollabierte Kandidat

Aufregung und Angst: In der vierten "DSDS"-Folge kollabierte ein Kandidat vor der Jury und landete unsanft in der Studiokulisse. Statt Ruhm und Reichtum erntete auch er nur Dieter Bohlens Demütigungen. Ein selbst gewähltes Schicksal, das den meisten "Superstar"-Anwärtern widerfährt.

Von Malte Krebs

"An mir lag's diesmal nicht", beteuerte Dieter Bohlen, der sonst für das Auslösen von Angstzuständen bei "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS) zuständig ist. Kurz zuvor war Kandidat Adam Piecha auf dem harten Bühnenboden zusammengebrochen, den er eben noch gesanglich in Bon Jovis "Bed of Roses" verwandelt und dafür von zwei Dritteln der Jury schlechte Noten bekommen hatte. Der 25-Jährige ("Ich sehe das als Chance meines Lebens") landete mit dem Hinterkopf in der Studiokulisse, blieb bewusstlos liegen und demonstrierte das gängige Kandidatenschicksal: Wenn man vor Dieter Bohlen steht, kann es eigentlich nur bergab gehen. Da helfen dann nur noch Sanitäter.

"Rechnen Sie mit dem Schlimmsten", hieß es schon zu Beginn der vierten DSDS-Sendung. RTL muss sich schon lange nicht mehr für dieses billige Format rechtfertigen: Der Erfolg gibt den Kölnern Recht, wie man so sagt. Mehr Menschen als jemals zuvor haben sich für die aktuelle DSDS-Staffel beworben. Nach Senderangaben sind es 34.000, 3000 mehr als im vergangenen Jahr. Demnach ließen sich in den bisherigen sieben Staffeln insgesamt 165.977 Kandidaten begutachten - und beschimpfen. Da liegt die Frage nah, warum sie sich das antun.

Die Parallelwelten, die sich zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung auftun, münden meist in der immer gleichen Hochmut-kommt-vor-dem-Fall-Story: Da ist die 23-jährige Julia aus München ("vom Aussehen und vom Gesang bin ich auf jeden Fall überdurchschnittlich talentiert"), die sich synchron zum Text von Katy Perreys "Hot 'N' Cold" das Hemd vom Körper reißt ("You change your mind. Like a girl changes clothes"). Und da ist der "freie Christ" Norman, der zum Berühmtwerden statt auf Stimme vergeblich auf den Segen Gottes setzt. Oder Kandidatin Katja ("ich schaff es bis unter die letzten zehn") mit der dünnen Stimme. Warum bloß will sie Deutschlands "Superstar" werden?

Vorliebe für den Verdauungstrakt

Denn was auf derartige Darbietungen folgt, ist ebenso absehbar wie austauschbar - die fiesen Sprüche des Dieter Bohlen, mit einer Vorliebe für den Verdauungstrakt: "Ich glaube, dass bei dir die großen Töne woanders rauskommen", "deine Stimme klingt wie eine alte Oma beim Kacken" oder auch mal ganz schlicht: "Du bist von allen heute die Schlechteste". Die Sprüche sind sogar so austauschbar, dass Dieters Demütigungen auch mal geschnitten und für einen anderen Kandidaten verwendet werden. Der Bohlen-Boulevard bei RTL ist gepflastert mit solchen Geschichten. Perlen wird man hier nicht finden.

In der formatierten Welt von DSDS funktionieren Überraschungen anders: Der pickelige Breakdancer Sinan aus Bremen, der seine wuchtige Wampe beim Tanzen in erstaunliche Wallungen bringen kann ("sie wollten erst nur meinen Körper"), und danach die Jury mit einer Gitarrenversion von Milows "You Don't Know" begeistert. Oder die 17-jährige Kim, die nach eigenen Aussagen mindestens zwei Stunden zum Schminken braucht, im letzten Jahr beim Recall scheiterte, seitdem Gesangsunterricht nahm und sich so ins Herz des Dieter Bohlen trällerte: "Sei so, wie du bist. Und wenn du eine Bitch bist, dann bitch die anderen da raus. Ich möchte keine Menschen, die sich irgendwie verstellen."

Oder schummeln. So wie Kandidat Menderes Bagci, der mit Fistelstimme singend schon unzählige Male vor der Jury scheiterte, im vergangenen Jahr sogar Auftrittsverbot bekam, schlich sich als Takko mit Bart und Sonnenbrille ins Casting. Verraten hat ihn letztlich seine Stimme. Vielleicht sollte er beim nächsten Mal einfach kollabieren.

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