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"Gräfin gesucht - Adel auf Brautschau": Lästerblockade in der Blaublut-Doku

Streiten kann man sich immer. Über die Wahl der Balkonpflanzen, das Muster der Tischdecke und das Essen. In der dritten Folge der Kuppelshow "Gräfin gesucht" plagen sich die potenziellen Paare mit ganz alltäglichen Sorgen. Gelästert wird allerdings nur hinter dem Rücken des anderen.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Ist es wirklich so eine gute Idee, sich zu verlieben? In der Regel weiß man nie, was auf einen zukommt. Im fortgeschrittenen Stadium ist man dann ein Paar und entdeckt, kaum sind die rosaroten Wolken verschwunden, das nackte Grauen: offene Zahnpastatuben, Haarstoppeln im Waschbecken, dreckige Socken auf dem Wohnzimmertisch und der ganze Kram. Darüber sind schon Ehen zerbrochen. Obwohl, so bestürzend es auch sein mag, es gibt Dinge, die können noch viel schmerzhafter sein. Etwa, wenn er Zitronenbäumchen auf den gemeinsamen Balkon pflanzen will, während sie für Sonnenblumen plädiert. Bei solchen Unterschieden, und darüber wird viel zu wenig nachgedacht, ist eine Beziehung rettungslos zum Scheitern verurteilt. Doch wie sich schützen?

Um auf Nummer sicher zu gehen, sollte man es machen wie Mirja und Constantin aus der Blaublut-Doku "Gräfin gesucht - Adel auf Brautschau". Die beiden laufen durch ein Gartencenter und kaufen Blümchen für Contantins Balkon. Die entscheidende Frage lautet: Harmonieren Mirja und Constantin in der Welt der Flora? Mirja stellt sich dieser harten Prüfung und, heissasa, der Daumen geht nach diesem Test nach oben. Friede-Freude-Himbeerkuchen im Gartencenter. Man ist sich bei jeder Pflanze einig und platziert diese strahlend im Einkaufswagen. Constantin ist begeistert: "Wir haben denselben Geschmack." Und dann seine Herzklopf-Botschaft: "Es war ein sehr schönes Gefühl, gemeinsam durch das Gartencenter zu gehen."

Das geflügelte Wort: "Es war schön"

Damit ist übrigens nicht der Höhepunkt der Sendung erzählt - ohnehin sucht man dort vergebens Höhepunkte. Es sei daher niemandem verübelt, wenn er die TV-Belanglosigkeit "Gräfin gesucht" nur als Geräuschkulisse nebenher laufen lässt, so wie das Radio. Die Sätze der Doku-Soap-Protagonisten sind ähnlich belanglos wie die der Moderatoren, die einen morgens aus dem Bett jagen wollen. Die Radiomoderatoren brüllen: "Raus aus den Federn, hinein in die gute Laune." Die Adelskumpanen sagen: "Es war schön." Die Probe-Gräfinnen säuseln: "Er ist süß." Gabriela setzt sogar noch einen drauf und urteilt über "ihren" Benedikt wieder und wieder: "Er ist sehr süß".

Kurz und gut: Es werden jede Menge Sätze ausgesprochen, die keinen neuen Erkenntnisgewinn bringen. Und es ist völlig egal, ob Michael mit Helen redet oder Moritz mit Anke. Die Männer haben sich darauf geeinigt, die Frauen gut zu finden und die Frauen finden die Männer gut, beziehungsweise die Aussicht, in naher Zukunft im Namen den Titel "Gräfin" zu tragen.

Es mag vielleicht irritieren, dass Sat.1 nur eine "Gräfin" sucht - und keine "Supergräfin" und auch keine "Topgräfin". Denn üblicherweise hält man im Privatfernsehen Ausschau nach dem personifizierten Superlativ, nach "Superstars" und "Topmodels". Und üblicherweise bekommt man es dann mit Proll-Sprücheklopfer Dieter Bohlen zu tun oder mit Oberlehrerin Heidi Klum. Zwischendurch rotzen die Kandidaten ihre Taschentücher voll, weil sie Angst haben zu versagen oder weil sie tatsächlich versagt haben. Es gibt Intrigen, es gibt Wutausbrüche, es gibt Freudentränen. All das sucht man bei "Gräfin gesucht" vergebens. Die Protagonisten scheinen auf seltsame Weise keine Gefühle zu kennen - als wären sie Puppen. Sie sagen zwar "Ich freue mich", doch derlei Bekenntnisse klingen wie schlecht auswendig gelernt und somit wenig überzeugend.

Es fehlen die Gefühlsausbrüche

Dabei hätte es durchaus zu einigen Turbulenzen inklusive Gefühlsausbrüchen kommen können. Etwa als Gabriela zögerlich die Leiter zu einem Hochstand hinaufkletterte, wo Gutsherr Benedikt bereits sehnsüchtig wartete. Hätte da nicht wenigstens ein Fingernagel abbrechen können? Da hätte der arme Benedikt, der ohnehin ständig wirkt, als hätte er sich in einem riesengroßen Labyrinth verlaufen, sicher einen kolossalen Nervenzusammenbruch bekommen.

Spekuliert werden darf auch über die Reaktion Benedikts, wenn er seine Gabriela eines Tages ungeschminkt sehen sollte. Wobei allerdings nicht klar ist, ob Gabriela je ihre dick aufgetragene Gesichtsmalerei entfernt. Denn als die 39-Jährige erwachte und aus dem Bett stieg, trug sie bereits Wimperntusche, Lidschatten und Lippenstift. Was ja auch eine Leistung ist.

Moritz und das weiß-blaue-Tischtuch

Schade auch, dass Moritz, der aussieht als sei er der jüngere Bruder des niederländischen Kronprinzen Willem-Alexander, mit Anke keinen Streit vom Zaun gebrochen hat. Diese Chance bot sich ihm, als ihm die Münchnerin überraschenderweise Weißwurst plus Brezen servierte - und dazu den hochherrschaftlichen Tisch mit einem weiß-blauen Tischtuch bedeckte. Ein Horror-Anblick! Beim Tête-à-tête mit der Kamera gestand er, die Tischdecke sei so grässlich, "da konnte ich gar nicht draufgucken". Zu Anke jedoch sagte er: "Wie schön."

Auch bei Michael und Helen lag Knatsch in der Luft. Der 42-Jährige orderte ohne Absprache mit seiner Begleiterin Tartar zum Abendessen. Rohes Fleisch - nichts für Helen. Sie quälte sich mit jedem Bissen und rang sich dann doch durch zu gestehen: "Das schmeckt mir nicht." Michael nahm es erstaunlich gelassen und sagte den Satz, den in dieser Doku-Soap sonst nur die Frauen sagen: "Das war süß."

  • Sylvie-Sophie Schindler