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TV-Tipp 28.12. "Love Steaks": So wild und roh sieht man deutsches Kino selten

Deutsches Kino - das ist entweder Berliner Schule oder Schweiger/Schweighöfer. Jakob Lass weist mit seinem Indie-Film "Love Steaks" einen dritten Weg. Und macht Bock aufs Verlieben.

Love birds in einer freien Minute: Lara (Lana Cooper) und Clemens (Franz Rogowski)

Love birds in einer freien Minute: Lara (Lana Cooper) und Clemens (Franz Rogowski)

"Love Steaks"
1:30 Uhr, NDR
MUMBLECORE Geboren 1981. Jedes Mal, wenn ich diesen Vermerk in einer Biografie sehe, zucke ich zusammen. 1981 ist mein Geburtsdatum. Und ohne es zu wollen schaltet mein Kopf in den Vergleichsmodus. "Da ist jemand so alt wie du und hat so großartige Sachen im Leben geschaffen", flüstert diese nagende Stimme in meinem Kopf und fragt: "Was steht eigentlich bei dir auf der Haben-Seite?" Ich werde dann oft etwas neidisch.

Auf Jakob Lass kann man getrost neidisch werden. Der Münchner hat einen großartigen Film gedreht ohne auf den üblichen Förderungstopf zuzugreifen - "Love Steaks". Zwei junge Menschen lernen sich bei der gemeinsamen Arbeit in einem Luxushotel an der Ostsee kennen. Er schüchtern und ein bisschen eso, sie schlagfertig und dem Flachmann nicht abgeneigt. Klingt auf dem ersten Blick nach dem üblichen Gegensätze-ziehen-sich-an-RomCom-Gewese. Aber dieser Film fühlt sich anders an, irgendwie näher dran, echter.

Warum das so ist, dazu musste ich erst Freund Google befragen. So erfuhr ich (Dank an Oliver Kaever für diese treffende Besprechung!), dass Lass die Dreharbeiten ganz anders aufgezogen hat, als es in der Branche üblich ist. Nur die beiden Hauptdarsteller (Lana Cooper und Franz Rogowski) waren Schauspielprofis, der Rest der Darsteller rekrutierte sich aus echten Mitarbeitern eines Grand Hotels in Ahrenshoop. Gedreht wurde zudem bei laufendem Hotelbetrieb, so dass sich die Drehpläne der Realität anpassen mussten, nicht umgekehrt. Sämtliche Teammitglieder durften sich in den kreativen Prozess einbringen, viele Szenen und Dialoge entstanden spontan.

Soviel Improvisation und Laissez-faire hätte böse schief gehen können. Handkamera, Laiendarsteller, reales Umfeld mit fiktionalisierten Elementen. Das klingt verdächtig nach billig dahin gerotzten Doku-Dramas. Aber dazu verhält sich "Love Steaks" wie billiges Burgerpressfleisch zum Wagyū-Rind. Jakob Lass hat es geschafft, ein Team zusammenzuschweißen, dem die Liebe zu ihrem Werk in jeder Szene anzumerken ist, ein Team, dem es gelungen ist, eine fiktive Liebesgeschichte zu erzählen und sie trotzdem tief in der Realität zu erden. Mehr davon, bitte.

PS: Freuen Sie sich schon auf Minute 40 und den meiner Meinung nach überzeugendsten Anschiss der Filmgeschichte.

Ein TV-Tipp von Jens Wiesner, freier Autor beim stern. Wer mag, kann ihm auf Facebook oder Twitter folgen

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