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"Mein Mann, der Trinker": Unser Lehrer Doktor Schluckspecht

Früher hatte er selbst ein Alkoholproblem. Heute ist Robert Atzorn in dem ARD-Drama "Mein Mann, der Trinker" zu sehen. Ein Film nicht nur über die Lebenslügen eines einzelnen Mannes, sondern vor allem ein Porträt unserer Gesellschaft, in der ein Glas Sekt zum Anstoßen zum guten Ton gehört.

Von Katharina Miklis

Gläser klirren, Korken knallen. Im ARD-Fernsehfilm "Mein Mann, der Trinker" fließt der Alkohol in Strömen. Liegt nahe bei einem Film über einen alkoholkranken Ehemann. Den sieht man allerdings nur selten am Glas nippen. Es ist die ganze Gesellschaft, die - nüchtern betrachtet - an der Flasche hängt. Empfänge, Geburtstage, Preisverleihungen, Abendessen, Treffen mit Freunden... Der Alkohol spielt die eigentliche Hauptrolle in dem aufrüttelnden Fernsehfilm.

Die zweite Hauptrolle gehört Robert Atzorn. Er spielte einen "Tatort"-Kommissar, einen Lehrer ("Unser Lehrer Doktor Specht") oder einen Pfarrer ("Oh Gott, Herr Pfarrer"). Doch nie konnte der 63-Jährige so viel eigene Erfahrung in eine Rolle stecken wie jetzt. In "Mein Mann, ein Trinker" spielt er einen alkoholkranken Professor, dessen Griff zur Flasche sich langsam in sein Leben einschleicht. Über die Jahre.

Alkoholismus zwischen Designermöbeln und Vorzeige-Ehe

Es gibt keine häusliche Gewalt, keinen billigen Fusel, kein Lallen oder nächtelanges Durchzechen an Bushaltestellen. In Bernd Böhlichs "Mein Mann, der Trinker" schleicht sich das Problem Alkohol stilvoll in das Leben des wohlständigen Alt-68er-Paares Ludwig (Robert Atzorn) und Annemarie Wohlstedt (Franziska Walser). Das Glas Rotwein zum Abendessen, ein Bier mit Freunden. Das gehört sich so. Wer nicht mit anstößt, fällt auf. Kunstpädagoge Ludwig Wohlstedt hat sich jahrelang diesen gesellschaftlichen Gepflogenheiten angepasst. Und es gefiel ihm.

Der Alltagstrott hatte ihn gleichgültig gemacht. Die schicke Einrichtung im edlen Haus hatte den Idealen von einst den Rang abgelaufen. Eigenheim statt Hausbesetzung. Die Revolution versiegte zwischen Designermöbeln und Vorzeige-Ehe. Wohlstedt hat aber nicht nur mit dem bürgerlichen Wohlstand und dem vorzeitigen Ruhestand zu kämpfen. Auch die perfekte, aber kinderlose, Ehe macht ihm zu schaffen. Er bricht aus, schwängert eine Studentin und tröstete sein schlechtes Gewissen mit einer Flasche Rotwein am Abend. Später reicht auch das nicht mehr und vor der Lehrveranstaltung muss ein Flachmann geleert werden. So werden die Lebenslügen erträglich.

Erzählt wird die Geschichte über die Sicht seiner liebenden Frau, die die Wahrheit nicht sehen will. Mit ihr sieht der Zuschauer die zitternden Hände ihres Mannes, zählt die Weinflaschen und begreift nach und nach, wie sich der Alkohol vom gesellschaftlichen Muss zur Krankheit entwickelt hat. Auch wenn "Mein Mann, der Trinker" nicht ohne typische Szenen auskommt (Sie kippt seinen Weinvorrat weg, er kauft sich heimlich Schnaps und schleicht sich nachts an seine Alkohol-Verstecke) ist Regisseur Bodo Fürneisen ein beeindruckendes Porträt unserer Gesellschaft gelungen, in dem sowohl Robert Atzorn vor allem aber auch Franziska Walser allein durch Blicke und Gesten überzeugen.

Keine übertriebenen Saufgelage oder Kotzszenen, kein Kitsch, kein offensichtliches Happy End und keine leichte Unterhaltung. Ein ernster Film. Düster und ohne Angst vor Pausen und Stille. Das Drehbuch von Bernd Böhlich zeigt das Problem Alkohol, wie es sich so oft in unsere Gesellschaft einschleicht - heimlich, leise und unbemerkt.

"Und plötzlich geht es nicht mehr ohne"

Robert Atzorn kennt diesen schleichenden Prozess nur zu genau. Er gestand vor einigen Wochen öffentlich seine überwundene Sucht. "Es fing bei mir als Jugendlicher an, weil ich damit meine Schüchternheit überwinden konnte, und ging, bis ich ungefähr 30 war. Es fängt meist harmlos an. Man trinkt mal einen. Bis man irgendwann merkt: Du kannst gar nicht mehr ohne. Plötzlich kannst du nicht mehr ins Bett gehen, ohne vorher eine Flasche Wein zu leeren." Vielleicht sind es genau diese Erkenntnisse, die Atzorns schauspielerische Leistung in "Mein Mann, der Trinker" so authentisch und sehenswert machen. Auch ihm hat man jahrelang seine Krankheit nicht angesehen. Oder ansehen wollen. Und genau dieses Problem macht der ARD-Film deutlich: Der Trinker ist nicht nur der Penner auf der Parkbank. Es ist auch der scheinbar glückliche Familienvater. Der liebende Ehemann. Und der erfolgreiche Kollege.

"Mein Mann, der Trinker", am Mittwoch, 3. September, um 20.15 Uhr in der ARD

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