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"Nachtcafé"-Jubiläum: Der letzte Gentleman im Fernsehen

Eine TV-Institution wird 500 Folgen alt. Die Soft-Talkshow "Nachtcafé" des SWR und ihr Moderator Wieland Backes unterhalten, erbauen und langweilen seit 22 Jahren ein treues Publikum. Ein Ständchen von stern-Autor Wolfgang Röhl.

Was sagt man einem Fernsehmoderator, dem schon alles Gute, Schöne und Nette nachgesagt wurde (unter anderem, er und die Sendung gehörten zu den "unveräußerlichen Kronjuwelen" seines Senders)? Was also sagt man zu so einem anlässlich eines runden Jubiläums? Vielleicht dies, damit er mal andere Flötentöne hört: "Könnte es sein, Herr Backes, dass Ihre Sendung "Nachtcafé" weniger gepflegten Niveau-Talk abliefert, wie ihre Anhänger behaupten, als sich vielmehr seit Jahr und Tag von Schnarchthemen ernährt wie 'Konfliktherd Familie', 'Hochzeit in Weiß - Alltag in Grau', 'Für immer jung', 'Jung und alt - miteinander oder gegeneinander', 'Geschwister - zwischen Liebe und Hass', 'Frau gegen Frau', 'Wieviel Freiheit verträgt die Liebe?'"?

Von Themen mithin, die uns aus jeder gehobenen Frauengazette her sattsam bekannt sind. Korrigieren Sie uns, werter Niveau-Talker des Südwestdeutschen Rundfunks, aber ist es nicht ferner so, dass Ihre aufgesetzte Bescheidenheit, mit der Sie gern hausieren gehen - Sie als der sich stets vornehm zurück haltende, sensible Herauskitzler der wahren Gefühle des Gästevolks -, dass also Ihr penetrantes Licht-unter-den-Scheffel-stellen manchmal schon wieder verdammt eitel rüberkommt?

Sein Erfolgsrezept: Quotensichere Themen

Dr. rer. nat. Wieland Backes, 62, gepflegte Erscheinung, Schnauzbart, ansonsten galoppierend haarfrei, Typ Bankangestellter mit der Kernkompetenz Kleinkreditberatung, ein Mensch mit erschütternd konventionellen Vorlieben wie jene für französischen Rotwein. Dieser Herr würde ob solcher Anwürfe natürlich nicht etwa schäumen: "Was reden Sie denn da für einen Mist?" Stattdessen würde sein glotzenbekannt feines Lächeln den Mund umspielen. Nach einem bedächtigen Blick in eines der Karteikärtchen, auf denen Infos über seine Gesprächspartner abgespeichert sind, würde er vielleicht antworten: "Machen Sie sich über meine Themen mal keine Sorgen. Alles, was um Beziehungen, Familie oder Liebe kreist, ist quotensicher. Es gibt ewige Themen und unvergängliche Erfolgsrezepte im Talkgewerbe. Was meine Person angeht: ich moderiere demnächst die 500. Ausgabe des Nachtcafés, und zwar seit 22 Jahren. 800.000 Leute gucken allein hier im Südwesten zu. Die Sendung ist Kult, ihr Moderator hoch populär. Ich kann ja keinen Kochtopf kaufen gehen, ohne dass man mich erkennt!"

Backes' Nachtcafé ist ein Phänomen in der deutschen TV-Landschaft. 1987 wurde das Format zum ersten Mal gesendet. Damals plauderte Backes - noch lockengekränzt - mit dem deutschen Talk-Dino Dietmar Schönherr, dem Rehäuglein Christine Kaufmann und einem verheirateten katholischen Priester über das immergrüne Thema "Schwierige Lieben". Die Premiere war Programm. Keine Politik, kein Krawall, no bullshit - so laute das Grundkonzept. Abschaum einzuladen, damit dieser die zuweilen lähmend harmonische Nachtcafé-Runde mal aufmischt, das fiele Backes nie ein. Ein einziges Mal in 500 Sendungen kam es bei ihm zum Eklat. Das war, als eine aggressive Lesbe dem selbstgefälligen TV-Regisseur und Womanizer Dieter Wedel riet, er möge seine "hormonellen Geschichten" besser kontrollieren und nicht dauernd "Mädchen, die halb so alt sind wie er, in Mallorca am Strand umlegen." Daraufhin schüttelte Wedel erbost seine Mikro-Kabel ab und rauschte schimpfend aus dem Saal. Aber das war, wie gesagt, eine Ausnahme.

Von Anfang an zelebrierte Backes die Talkshow als Hort der gepflegten Unterhaltung ("journalistische Unterhaltung" heißt die SWR-Abteilung, der er vorsteht), mit ihm selber als betont gut erzogenen, charmanten, dennoch durchaus insistierenden Fragesteller. Seine Satzanfänge ("Könnte es sein, dass...", "Korrigieren Sie mich, aber ...") verbergen gekonnt, dass er durchaus einer zähen Mission nachgeht, nämlich ungesagten Dingen auf die Schliche zu kommen. Dazu mimt er den sanften Gästeöffner mit kuschelweicher Tonalität. Eine "Atmosphäre gemütvoller Streitlust" kreiere er, bescheinigte ihm die "Zeit". Er kann aber er auch hintergründig-biestig werden. Wie er mal den größenwahnsinnigen Schlagerfuzzi Christian Anders anmoderierte! "Lanoo, respektive Christian Anders, ist zurückgekehrt nach Mitteleuropa, in die Welt, in die er als Antonio Schinzel geboren wurde. Fast wie ein Engel ist er gewandet, aber wer in seiner Vita blättert, erkennt rasch, er ist an sich keiner."

Ganz großes Puschenkino

Seine Weich-Themen um Menschliches, allzu Menschliches, da ist er sich sicher, werden noch in fünfzig Jahren auf der Agenda stehen. Ein wenig modifiziert vielleicht, aber im Kern unveränderbar. Die Sehnsucht nach Liebe und Aufgehobenheit, die Furcht vor Beziehungsstress und Familienterror, die hochmögenden Ansprüche und die schnöde Wirklichkeit, all das bleibt und treibt die Menschen um. Mittenmang er, der Backes, der die ganze Chose nicht im klassischen Sinne studiert hat. Sechstes Kind einer Flüchtlingsfamilie, aufgewachsen in Bayern, Pauker als Eltern - eine stinknormale Nachkriegsbiografie. Niemals war er so etwas wie ein Paartherapeut - zum Glück. Was er studiert hat, war harte Währung: Chemie und Geografie. Promotion mit einer Arbeit über Lebensbedingungen in Ballungsräumen - schon näher am künftigen Lebensthema. Den großen Rest besorgt bei ihm der gesunde Menschenverstand. Was die Briten "the common sense approach" nennen, steckt Wieland Backes irgendwie im Blut.

Das Nachtcafé wird mit ungeheurer Akribie vorbereitet, was man der Sendung nicht immer ansieht. Backes' Mitarbeiter wälzen Archivmaterial und googeln sich die Fingerkuppen wund, um an geeignete Gäste zu kommen. Etwa an einen reichen Erben, der sein Geld verballert und nichts, aber auch gar nichts von Sinn tut. Backes war sicher, dass der Bursche heftige Aggressionen hervorrufen würde, "doch am Ende gab es nur ein Lächeln und Achselzucken". Das sind für ihn erschütternde Momente. "Heute gibt es gegenüber anderen Lebensentwürfen und Ideen eine große Liberalität und Toleranz, aber auch eine gewisse Gleichgültigkeit." Alle Tabus zertrümmert, geblieben ist nur noch ein anything goes. Backes, der sich und seine öffentlich-rechtlichen Kollegen ernsthaft als "Miterzieher der Nation" betrachtet, betrauert den Verlust an umkämpfbaren Werten.

Studio, Moderator, Publikum - Alles Maskerade?

Der letzte Gentleman im deutschen Fernsehen hat auch für den stilvollen Rahmen der Sendung gesorgt. Seit Anbeginn wird sie im Lustschlösschen "Favorite" in Ludwigsburg aufgezeichnet, in einem eleganten Saal, der auf dem Bildschirm viel größer wirkt als er in Wahrheit ist. Das Publikum wirkt aufgebrezelt, der Moderator soigniert, wie er da in der Eingangsrunde mit einem Gast, der meistens unter einem Extremschicksal ächzt, ein behutsames Tresengespräch führt. Nach der Sendung werden die Gäste nicht, wie im Privatfernsehen üblich, ruckartig entsorgt, sondern bleiben noch ein ausgedehntes Abendessen lang mit Backes und seinen Mitarbeitern zusammen. Es ist, als sei im Nachtcafé die Zeit stehen geblieben. Wenn man den Moderator beobachtet, wie er angezogen ist, wie er sich bewegt, wie er sparsam gestikulierend mit seinen Gästen spricht, ist man vollends verwirrt. Was für ein Jahr schreiben wir? Ist Kohl Kanzler? Oder Helmut Schmidt?

Das Nachtcafé ist eine der ganz wenigen Sendungen, bei denen GEZ-Opfer auf den Gedanken kommen könnten, dass die TV-Zwangsgebühr eventuell doch ein Stückchen Berechtigung hat. In diesem Sinne, liebe Nachtcafé-Besatzung!

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