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"Tatort" aus Schweizer Sicht: Liebe ARD, mir tun die Ohren weh

Die erste Folge des Schweizer "Tatorts" könnte als Ode an meine Heimat durchgehen: behäbig, weitsichtig, durchdacht. Doch vor lauter Nachsynchronisation ist dem Stück die Spucke weggeblieben. Ein Kommentar aus Schweizer Sicht.

Von Anna Miller

Es dümpelt in Luzern. Man hält ein Schwätzchen, trinkt Kaffee, übt sich im Beobachten der Bergkulisse. "So viel Zeit muss sein, oder." Da stehen sie am See, der Kommissar und die Amerikanerin, und sprechen mit furchtbarem Dauerakzent. Und sie sind nicht die einzigen: Jeder, der im Film nur ansatzweise einen Schweizer spielt, wurde durch die Dialektmaschine getrieben. In der Originalversion klang das noch ganz anders. Doch der Film musste überarbeitet werden, wegen "plumper Schweizer Klischees".

Die ARD hat nachsynchronisieren lassen. Ihr sei das Bühnendeutsch der Schauspieler nicht schweizerisch genug gewesen. Und so flimmern die Schauspieler mit krassem "ch" und Wörtern wie "Tracht" und "metzge" und "alles paletti" über den Bildschirm, hängen ein "oder" an den Schluss oder ein "ebe". Ich halte mir derweil vor Scham die Ohren zu. Kein Schweizer spricht so, und erst recht kein gestandener Schauspieler wie Stefan Gubser, der sich in deutschen Filmlandschaften einen Namen gemacht hat. Das wissen in der Schweiz alle - doch die ARD will die Deutschen offensichtlich in ihrem Klischeeglauben lassen.

Da ist der Sprachstil schon passender gezeichnet. Lang und breit wird erklärt, zwanzigtausend Namen werden durchgegeben. Nein, Marc mit c und nicht mit k. Danke. Bitte. Alles andere wäre feindselig. Und den Schweizern ist es wichtig, freundlich zu sein. Auch wenn die Aussage dabei auf der Stecke bleibt.

Die Schweizer mögen's gemächlich

Es ist ja Zeit. Es isch so gmüetlich in Luzern, was will man auch unnötig hetzen? Zum Schluss hin fährt der Flückiger nochmals zackig um die Kurve, um pünktlich zur finalen Schießerei zu kommen. Aber das ist auch gerechtfertigt, da korrekt. Raserei wie auf deutschen Autobahnen? Nicht mit uns. "Das gibt sofort eine Buße." Dass der Kommissar eine alte VW-Schrottlaube mit Thurgauer Kennzeichen fährt und keine BMW-Limousine, passt da umso konsequenter ins Bild.

Doch wir brauchen keine Luxusautos. Wir haben große Panoramafenster und makellose Architektur. Weitsicht und Vermögen. Solide gebaute Villa, mit viel Holz, ein wenig urchig soll es sein. Man kriegt gern Besuch, und wir sind sehr vertrauenswürdig. Und so verwundert es nicht, dass die Witwe die Tür zu ihrer Millionen-Villa per Fernsteuerung öffnet, ohne überhaupt hinzusehen, wer da grade rein will.

Die Kulisse ist dabei so sauber, reingewaschen und solide wie das Image der Schweiz als Paradies in Europa. Frische Luft, weiße Bergspitzen und Wasser, soweit das Auge reicht. Gratiswerbung mit saftigen Wiesen und Wahnsinnspanorama in der ARD - für das Tourismusland Schweiz. Wir machen eben mit Bergen Kasse, nicht mit Filmen.

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