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"Türkisch für Anfänger": Der nackte Mann auf dem Gebetsteppich

Spritzig, witzig und sehr modern: Die neue Vorabend-Serie der ARD "Türkisch für Anfänger" ist so etwas wie die multikulturelle Version von "Ich heirate eine Familie". Vorurteile und Klischees werden süffisant-überspitzt durch den Kakao gezogen.

Von Kathrin Buchner

Das gab es noch nie im deutschen Fernsehen: eine Multi-Kulti-Patchwork-Familie außerhalb des Ghettomilieus. Die esoterisch angehauchte, leicht chaotische Therapeutin Doris ist nach zahlreichen Affären endlich in einer richtigen Beziehung angekommen, und zwar mit dem knuffigen türkischen Kommissar Metin. Da ist es nur natürlich, dass die beiden zusammenziehen wollen. Das Problem dabei: Die Turteltäubchen sind keine Twens, die ihre erste gemeinsame Altbauwohnung im Berliner Stadtteil Friedrichshain beziehen, sondern gestandene Mitt-Vierziger mit Anhang: jeweils zwei Kinder in der schlimmsten Pubertätsphase.

Erzählt wird die Geschichte der west-östlichen Fusion aus Sicht der 16-jährigen Lena, eine Teen-Queen mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein, Schlagfertigkeit und Rebellentum - ganz die kleine Ausgabe ihrer Mutter eben und das komplette Gegenteil ihres drei Jahre jüngeren Bruders Nils. Der ist nämlich sehr diplomatisch, fast schon altklug, und immer bereit, für das Wohl seiner Mutter Kompromisse einzugehen.

Macho in "Schnellscheißerhose"

Auf der anderen Seite sieht es noch krasser aus: Der 17-jährige Cem erfüllt jedes Klischee des coolen Machos mit "Schnellscheißerhose" und Käppi auf dem Kopf. Für Cem gehören Frauen hinter den Herd und dementsprechend ist er völlig entsetzt, dass seine Ersatzmama den halb verkohlten Kuchen mit dem elektrischen Tranchiermesser anschneidet. Seine 15-jährige Schwester Yagmur ist auf dem Selbstfindungs-Trip in Allahs Mission. Freiwillig trägt sie Kopftuch, betet gen Mekka und hält sich streng an muslimische Essensvorschriften.

Überzeugte Muslimin als Schwester

Daraus bezieht die Serie ihre offensichtliche Komik: Wenn Yagmur im chinesischen Restaurant darauf besteht, einen frisch verpackten Teller zu bekommen, auf dem noch kein Schweinefleisch serviert wurde. Oder wenn Cem mit drastischen Maßnahmen seiner Stiefschwester klar machen will, nicht im Minirock herum zu laufen, dennoch kein Auge abwenden kann, wie sie sich, lediglich mit Bikini bekleidet, verführerisch im Liegestuhl räkelt. Oder wenn Lena ihre neue Schwester in die Moschee begleitet und beim Ausrollen der Unterlage zum Beten das aufgedruckte Motiv eines nackten Mannes zum Vorschein kommt.

"Darf ich reinkommen oder masturbierst du?"

Doch nicht nur aus dem Zusammentreffen der unterschiedlichen Kulturen rekrutieren sich die Gags. Auch der klassische Mutter-Tochter-Konflikt bietet jede Menge Stoff für komische Spitzen: Denn was gibt es Peinlicheres für eine 16-Jährige als eine Mutter, die ihre sexuellen Nöte freimütig ausbreitet und mit den Worten "darf ich reinkommen oder masturbierst du?" ins Zimmer der Tochter tritt. Ein wenig zu schlagfertig fürs echte Leben, aber witzig, erwidert Lena mit den Worten: "Ich setz mir gerade 'ne Spritze Heroin!"

Politik wird nicht thematisiert

Auch wenn "Türkisch für Anfänger" vor dem Karikaturenstreit gedreht wurde, was mittlerweile ja als Zeitenwende in Sachen kultureller Publikationen gilt, ist Politik in dieser Serie kein Thema. Manch einer mag bemängeln, dass die Auswahl der Schauspieler nicht korrekt ist. Schließlich gibt es nur einen einzigen wirklichen Türken: Serien-Papa Metin, gespielt von Adnan Maral. Hinter Tochter Yagmur steckt die Iranerin Pegah Ferydoni, der Darsteller von Cem, Elyas M'Barek, hat eine österreichische Mutter und einen tunesischen Vater. Aber eigentlich spielt das keine Rolle, denn ebenso wie ihre neuen Familienmitglieder Josefine Preuß als Lena, Emil Reinke als Nils und Anna Stieblich als Mutter Doris hat bei der Auswahl nur eins Priorität: dass die Darsteller überzeugend sind. Und das sind sie in der Tat.

Eine Perle im Vorabend-Programm

Bora Dagtekin, dem erst 27-jährigen Autor von "Türkisch für Anfänger", ist ein großer Wurf gelungen: Es wird nicht drum herum geredet, sondern es geht - zumindest verbal - knallhart zur Sache, wenn Lena den Freund ihrer Mutter beispielsweise als "albanischen Terroristen" bezeichnet. Herrlich überspitzt aber trotzdem nuanciert, schön süffisant und ironisch - so erfrischend hat man selten Integrations- und Pubertätsprobleme im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen bekommen.

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