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Amazon-Serie "American Gods" Titanen gegen Trump

"American Gods"
Szene aus "American Gods": Der alte Gott Mr Wednesday (Ian McShane) engagiert den Ganoven Shadow Moon (Ricky Whittle, r.) als Bodyguard.
© Jan Thijs/Starz via AP
Die Götter sind unter uns: Die neue Amazon-Serie "American Gods" erweckt die Sagengestalten zum Leben, die von den Einwanderern nach Amerika mitgebracht wurden. Ihr Gegner ist die virtuelle Gegenwart - und Trump.
Von Mark Stöhr

Gott, was für ein Gemetzel. Da strandet ein Dutzend Wikinger nach wochenlanger Irrfahrt übers Meer in Amerika und wird von den Einheimischen mit einem Pfeilhagel empfangen. Die Nordmänner verlieren sofort die Lust an ihrer Entdeckung und wollen nur noch weg. Nur: Es weht kein Wind. Also bringen sie ihrem Gott Odin ein Opfer. Weil er einäugig ist, stechen sie sich einer nach dem anderen ein Auge aus. Das sollte ihm gefallen. Doch immer noch gibt es nicht den Hauch einer Brise. Darum versuchen es die Wikinger mit Krieg - gegeneinander -, denn ihr Gott ist auch ein Gott des Krieges. Abgetrennte Gliedmaßen fliegen durch die Luft, Blut spritzt wie aus Feuerwehrschläuchen. Und siehe da, Odin zeigt endlich ein Einsehen und bläst die humpelnde Invalidentruppe zurück nach Norden.

Das ist der Start von "American Gods". Ultrabrutal und superschräg. Und genauso geht es weiter. Die Haupthandlung stoppt immer wieder abrupt und wechselt in Rückblenden und Traumsequenzen. Mal realistisch, mal stilisiert, mal psychedelisch - meistens drastisch. Viel des Erzählten erschließt sich erst später. Wie der Opener. Die Wikinger hinterlassen in der Neuen Welt eine Holzskulptur von Odin. Er ist damit der erste spirituelle Einwanderer Amerikas. Eine Armee von immigrierten Gottheiten und Fabelwesen wird ihm in den nächsten Jahrhunderten folgen, mitgebracht von den Abermillionen Siedlern, Sklaven und Soldaten aus aller Welt, die durch das weite Land ziehen und dort Wurzeln schlagen.

Das multiethnische Herz Amerikas

Seit Montag ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Neil Gaiman bei Amazon Prime zu sehen. Jede Woche eine Episode, acht insgesamt. Das Götter-Epos erschien schon 2001, passt aber perfekt in unsere Zeit. "American Gods" beschwört das multiethnische und buntkulturelle Herz Amerikas, seine von Einwanderer-Geschichten geschriebene nationale Erzählung und setzt einen Kontrapunkt zur weißen Identitätspolitik Trumps. Zugleich ist das Ganze eine Hommage an den Mittleren Westen, an uramerikanischen Mythen, Folk und Fastfood. Das klassische Trump-Territorium also.

Die Abgehängten in "American Gods" sind jedoch nicht von der Globalisierung überrannte Stahlarbeiter oder Kohlekumpel, sondern die Götter von gestern. Ostara, Anansi, Czernobog, Loki - und eben Odin (Ian McShane), der von seinen Anhängern in grauer Vorzeit ausgesetzte Nord-Gott, von dessen Herrlichkeit nichts mehr übrig geblieben ist. Er nennt sich mittlerweile Mr. Wednesday und hält sich als Trickbetrüger über Wasser, clever und charismatisch zwar, aber zugleich auch maximal halbseiden und abgehalftert. Er teilt mit den anderen verkrachten Titanen dasselbe Problem: Die Menschen haben den Glauben an die alten Götter verloren und entziehen ihnen damit die Existenzgrundlage. Ihren Platz besetzen nun neue Götzen - Geld, Internet und Fernsehen.

Moderne und Mythologie liegen eng beieinander

Das ist die nicht übermäßig komplexe These, die Neil Gaiman in seiner Saga auf über 500 Seiten ausgebreitet hat. Aber für ein packendes Roadmovie mit philosophischen und endzeitlichen Einfärbungen reicht es. "Hannibal"-Macher Bryan Fuller bedient sich in seiner Serienverfilmung bei unterschiedlichen Genres - Fantasy, Mystery und Horror - und spart nicht an visueller Virtuosität. Nur die Computeranimationen verrutschen ihm manchmal ins Trashige, sei es nun als bewusstes Stilmittel oder weil nicht genügend Budget da war. Wo die alten Götter auftreten, ist es sinnlich und magisch, die neue Generation dagegen bewegt sich in sterilen elektronischen und virtuellen Settings, monoton und kalt. "American Gods" lässt keinen Zweifel daran, wem in diesem göttlichen Clash der Kulturen die Sympathien gelten.

Und so fährt Odin alias Mr. Wednesday fröhlich monologisierend und manipulierend in seinem Oldtimer durch den Mittleren Westen und trommelt seine Kollegen zusammen für die letzte Entscheidungsschlacht zwischen alten und neuen Göttern. Als Assistenten und Bodyguard hat er Shadow Moon (Ricky Whittle) engagiert, die eigentliche Hauptfigur der Serie. Shadow ist der einzige Normale in diesem Ensemble aus Freaks und Verrückten. Er wurde gerade aus dem Knast entlassen und steht vor dem Nichts: Seine Frau und sein bester Freund starben bei einem Unfall.

Schnell stellt er fest, auf was er sich bei seinem Job für Mr. Wednesday eingelassen hat – und mit welcher Brutalität die digitalen Titanen ihr Revier verteidigen. Shadow gerät am Ende der ersten Episode in die Fänge von Technical Boy, einem pickligen Nerd ohne Moral, dessen Schläger nicht nur zufällig an die Droogs aus Stanley Kubricks "A Clockwork Orange" erinnern. Mit archaischer Lynchjustiz versuchen sie sich des Eindringlings zu entledigen. Moderne und Mythologie liegen eng beieinander, das wissen wir inzwischen allzu gut. Erst im allerletzten Augenblick kann Shadow seinen Kopf noch aus der Schlinge ziehen. To be continued. 

Amazon-Serie "American Gods": Titanen gegen Trump

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