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Interview

Max Riemelt: Was Netflix dem deutschen Fernsehen voraus hat

Seit er bei der Serie "Sense 8" mitspielt, wird er auf der ganzen Welt erkannt. Im Interview mit dem stern spricht Max Riemelt über die Vorteile, für Netflix zu arbeiten - und erklärt was im deutschen Fernsehen falsch läuft.

Max Riemelt

Max Riemelt spielt in der Netflix-Serie "Sense 8" den Berliner Safeknacker Wolfgang Bogdanow

Max Riemelt, wie hat sich Ihre Popularität geändert, seit Sie in der Netflix-Serie "Sense 8" weltweit zu sehen sind?
Die Leute quatschen dich in Ländern an, in denen du gar nicht daran gedacht hast, dass du erkannt wirst. Sie mögen dich zumeist für die Rolle und für die Serie, denn sie kennen dich als Person nicht. Da habe ich Glück, dass ich so einen coolen Rollencharakter erwischt habe.

Netflix hat Ihnen eine neue Tür geöffnet?
Auf jeden Fall. Die Bekanntheit hilft, wenn ich international weiter arbeiten will.

Sie haben viele internationale Fans auf Instagram. Dort wird auf Englisch, Spanisch, Russisch und Portugiesisch kommentiert.
In Brasilien gehen die Menschen richtig ab.

Gibt es einen Grund dafür?
Meine Theorie: Obwohl Brasilien ein sehr sexuelles Land ist, wird die freie Auslebung da unterbunden. Es gibt klare Rollentypen. Schwule und LGBT-Leute haben es da schwer. Die freuen sich über eine Serie wie "Sense 8", mit der sie sich identifizieren können, mit der sie der Realität entfliehen können, aber auch gleichzeitig Bestätigung bekommen, dass sie nicht Außenseiter sind, sondern auch Helden sein können.

Sie haben im vergangenen Jahr mit anderen Schauspielern von "Sense 8" an der LGBT-Parade in São Paulo teilgenommen. Wie kam es dazu?
Die Idee kam von den Wachowski-Geschwistern. Die haben diese Szene ins Drehbuch geschrieben. Um die Parade abzufeiern und um den Figuren eine Bühne zu geben, auf der Kunst und Realität miteinander verschmelzen.

In Deutschland sind Sie durch Ihren Film "Freier Fall" in der Schwulenszene sehr populär. Haben Sie überlegt, mal am Christopher Street Day teilzunehmen?
Nein. So sehe ich mich auch nicht. Wenn es durch Arbeit legitimiert wird, habe ich damit gar kein Problem. Aber ich bin nicht besonders politisch engagiert, und wenn ich kein ehrliches Bedürfnis habe, muss ich solche Events nicht nutzen, nur um mich selber darzustellen. Ich bin eher vorsichtig, was sowas angeht.

Als Sie für die erste Staffel von "Sense 8" eine Nacktszene gedreht haben, hat sich die Boulevardpresse darauf gestürzt und ein Szenenfoto abgedruckt. Stört Sie sowas?
Nein, der Kontext ist ja richtig, in dem diese Szene entstand. Die Abbildung in der Presse reißt das Bild dann aus dem Zusammenhang. Und die Leute wollen immer das darin sehen, was sie sehen wollen. Wer sich auf diesen Aspekt beschränkt und den Kontext des Bildes vergisst, ist selbst schuld.

Sie haben eine Tochter. Wie gehen Sie damit um, wenn die solche Schlagzeilen liest?
Wenn Sie darüber reden will, werde ich mich natürlich damit auseinandersetzen. Ich bringe ihr aber bei, dass man die Sachen so sehen darf, wie man will. Jeder kann sich rausziehen, was er möchte. Aber nur weil die Leute über einen urteilen, heißt es nicht, dass man das annehmen muss. Jeder sieht die Welt anders. Ich finde es schade, wie wenig Menschen ihr eigenes Gefühl und ihre Intuition berücksichtigen.

Sie haben für die ARD-Serie "Im Angesichts des Verbrechens" vor ein paar Jahren zwar tolle Kritiken bekommen, das große Publikum blieb aber aus. War das für Sie eine Enttäuschung?

Das ist das Missverständnis von Sendern, Redaktionen und dem Publikum. Es wird ja keiner wirklich gefragt, da werden stattdessen komische Auswertungen gemacht. Es sind nur ein paar Haushalte, die ausgewertet werden - das wird den gesamten Zuschauern nicht gerecht. Aber ich bin nicht enttäuscht: Die Serie hat ihren Weg im DVD-Verkauf gemacht. Anerkennung gab es genug.

War Ihre Erfahrung mit dieser Produktion auch ein Grund, für Netflix zu arbeiten, wo Sie eben keinem Quotendruck unterliegen?
Nein. Ich habe gehört, dass die Wachowskis eine Serie machen und wollte unbedingt dabei sein. Nachdem ich das Ergebnis gesehen habe muss ich sagen: Das ist eine der besten Sachen, die ich je gemacht habe. Weil es weiter geht, als sich jemals irgendjemand das in Deutschland vorstellen würde. Es hat einen eigenen Stil, eine eigene Erzählweise, eine eigene Philosophie. Das ist eine Pionierarbeit, was die Komplexität angeht.

Was ist anders, wenn man für Netflix arbeitet und nicht fürs Fernsehen?
Es gibt keinerlei Einschränkungen. Du darfst vor der Kamera Sachen machen, die du gar nicht gewohnt bist. Man kann sich ständig kreativ einbringen. Ich finde es gut, dass Netflix nun auch stärker auf nationale Produktionen setzt. Dadurch werden Filmemacher ermuntert, ihren eigenen Stil zu finden. Das eröffnet die Chance etwas zu finden, das für Deutschland stehen könnte, eine neue filmische Identität zu kreieren. Hier ist vieles in Konventionen eingefahren. Es dominiert eine klare Vorstellung, was der Zuschauer gerne hätte. Ständig mischen sich Redakteure und Produzenten in Stoffe ein, obwohl die Vision doch nur bei einem liegen sollte, der Regie. Bevor man die beschneidet, sollte die Regie sie erstmal verfolgen können.

Sollten deutsche Sender den Kreativen mehr Freiräume geben?
Ich will nicht gegen Sender wettern. Aber es ist vieles festgefahren. Das fängt beim Lohndumping an. Rollen werden nach der Höhe der Tagesgagen besetzt. Viele sind verzweifelt und nehmen jeden Job an. Doch nur wenn man die Künstler richtig bezahlt, kriegt man Qualität. Dann kann man auch etwas Neues sehen.

Bekommen Schauspieler hierzulande nicht genügend Wertschätzung?
Vieles wird unterschätzt und schon in der Kalkulation falsch bemessen. Wenn du die Drehtage kürzt, setzt das eine Kette in Gang. Leute, die keine Ahnung haben, haben dann die meiste Verantwortung. Natürlich geht das in die Hose - da reicht ein Tag schlechtes Wetter, und schon ist man im Verzug. Es bedarf mehr Mittel. Der kreative Raum sollte geschützt werden, damit man möglichst kompromisslos seine Vision umsetzen kann und nicht alles in ein Schema von vorgegebenen Sendeminuten pro Drehtag presst.

Die 2. Staffel der Serie "Sense 8" startet am 5. Mai auf Netflix.

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