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Porträt Max Riemelt: Spielen, bis die Nase blutet

Im vergangenen Jahr hat er so lange gedreht, bis sein Körper Alarm gab. Max Riemelt ist vor vier Jahren mit dem Nazi-Drama "Napola" bekannt geworden, da war der Schauspieler 20. Kürzlich war er in "Die Welle" zu sehen. Nun spielt er in "Up! Up! To the Sky" einen Verrückten, der gar keiner ist. Doch damit nicht genug.

Von Johannes Gernert

Es ist schon wieder so eine extreme Rolle: ein psychisch Kranker, der gar nicht psychisch krank ist. Gerade erst ist "Die Welle" angelaufen, da spielt er einen Schüler - hin und her gerissen zwischen seiner freigeistigen Freundin und einer brachial zusammengeschweissten Klassengemeinschaft. Bald kommt "Lauf um dein Leben" in die Kinos: Darin wird Max Riemelt als Junkie zu sehen sein, der mit dem Triathlon die Sucht bekämpft. Die Oberarme mit den klar definierten Muskeln passen zu dem Extremsportler wie auch zum Wasserballer aus "Die Welle“. Nur für Arnold, den vermeintlich Verrückten in "Up! Up! To the Sky", sind sie zu kräftig.

Darüber hat Riemelt eine ganze Weile nachgedacht. Er weiß, wie schwer das ist, sich diese Muskeln an den Oberarmen anzutrainieren, wie lange das dauert. Es ist nichts, was ein erwachsener Außenseiterjunge in einem norddeutschen Dorf tun würde, der vor allem damit beschäftigt ist, aus Schrott ein Raumschiff zusammenzuzimmern und deswegen irgendwann in der Psychiatrie landet. Da kommen Riemelt diese muskulösen Oberarme immer noch etwas unglaubwürdig vor. Es ist ein Detail, das den allerwenigsten Kinobesuchern auffallen dürfte. Aber es treibt ihn um. Na gut, sagt Riemelt dann schnell, der Laie werde es vielleicht wirklich nicht merken: "Ich denke zu weit um die Ecke." Solange die Zuschauer ihm die Rolle abnehmen, gehe das schon in Ordnung. Er ist da perfektionistisch.

Drei Tage Nasenbluten

Riemelt sitzt an diesem Nachmittag in einem Berliner Café, auf einem ausrangierten, roten Kinosessel, trägt eine schwarze Hose, einen braunen, etwas schlabberigen Pullover, seine blonden Haare sind vorne leicht verwuschelt. Vor ein paar Wochen ist er gerade 24 Jahre alt geworden, dabei ist er bereits seit 2004 ziemlich bekannt. Damals spielte er in Dennis Gansels Film "Napola" ein Arbeiterkind, das sich gegen den Willen des eigenen Vaters eine Ausbildung an einer Nazi-Eliteschule erkämpft.

In diesem Jahr laufen hintereinander weg diese drei Filme an, in denen er tragende Rollen hat. Aber es bleibt ihm nicht viel Zeit, sich deshalb irgendwie wichtig zu fühlen. "Ich bin ziemlich konzentriert gerade auf das nächste Projekt", sagt Riemelt. Die Rolle? "Auch schon wieder so eine große." . Im vergangenen Jahr, als er erst "Lauf um dein Leben", "Up! Up! To the Sky" und zuletzt "Die Welle" drehte, hat seine Nase am Ende drei Tage lang nicht aufgehört zu bluten. Vielleicht eine Erschöpfungserscheinung. Er musste trotzdem vor die Kamera.

Kino als Bewusstseinserweiterung

Eigentlich kennt Riemelt seinen Körper sehr genau, auch dessen Grenzen. Mit 17 Jahren hat er mit dem Kickboxen angefangen, und seit er den Triathleten gespielt hat, läuft er weiterhin regelmäßig. Mindestens zwei Mal Sport in der Woche: "Das ist schon echt gut fürs Lebensgefühl", sagt er. Es hat ihn auch beruflich vorangebracht. Er hat viele Rollen gespielt, die physische Präsenz verlangen. Nicht nur in "Napola", wo einige Kritiker dem Regisseur später vorwarfen, er entlarve den bizarren Nazi-Körperkult nicht nur, seine Kameras würden den Blick auch genießen.

Es tauchen nicht wenige Soldaten auf und einige Kämpfer in der langen Liste der Produktionen, in denen Riemelt zu sehen war. Sie beginnt 1997 mit ersten Auftritten in Vorabendserien. Er selbst hat den Wehrdienst verweigert und hätte gern Zivildienst im Ausland gemacht, aber irgendwie wurde nichts draus. Obwohl sich sowohl "Die Welle" als auch "Napola" mit der NS-Ideologie befassen, beschäftige er sich nicht wirklich mit Politik und Geschichte, so der Schauspieler: "Nur durch die Filme, die ich drehe, bin ich dann gewissermaßen dazu gezwungen." Kino mit Bildungsauftrag - auch für den Schauspieler. Er nennt es "Bewusstseinserweiterung".

Für die Rolle des Arnold in "Up! Up! To the Sky" hat er sich damit auseinandergesetzt, wo die Grenzen der psychischen Krankheit verlaufen. Er ging dafür nicht zur Recherche in die Psychiatrie. Er hätte es zwischen den Drehs gar nicht geschafft. Für Riemelt ist es ein Film über Normen und Abweichungen davon: "Die Menschheit betrachtet sich als aufgeklärt und tut leichtfertig Menschen wie diesen Arnold ab. Es ist klar, dass man sich damit nicht allzu sehr aufhalten kann in einem Alltag, in dem ein bestimmter Rhythmus herrscht, den man mitgehen muss, wenn man etwas erreichen möchte. Solche Leute muss man dann übergehen und abstempeln, um weiter machen zu können."

Und nun ein Außerirdischer

Arnold wird ins Irrenhaus absgeschoben, obwohl er tatsächlich ein Außerirdischer ist. Dieser Figur, die ein naiv-reines, und gerade deshalb völlig unmenschliches Wertesystem besitzt, verleiht Riemelt manchmal ein jenseitiges Lächeln. Er kann sehr rein strahlen. Auch wenn man ihm nach dieser Sache mit der Familiengründung fragt, von der er kürzlich sprach, und zu der er jetzt gar nichts sagen möchte.

Diese hohe Frequenz des Hintereinander-Weg-Drehens ist ihm möglich, weil seine Familie, seine Freundin, seine Kumpels immer noch um ihn herum sind. In Berlin-Mitte, wo er aufgewachsen ist. Der Ort, der ihm seinen Dialekt mitgegeben hat, gegen den er jetzt manchmal mit einem Aufnahmegerät anübt. Es hat sich vieles verändert in dieser Mitte. "Früher war es kaputt, richtig abgefuckt. Jetzt sind überall Kameras, es wird renoviert. Kumpels von mir müssen ausziehen, weil sie die horrenden Mieten nicht bezahlen können. Wir hatten so unsere Welt, aber die kollidiert immer mehr mit der anderen", beobachtet er.

"Max Riemelt ist Hammer"

Der bescheidene, junge Mann im braunen Schlabberpulli schaut etwas befremdet auf dieses Wichtigtuer-Universum vor seiner Haustür. Er ist einer, der nachdenkt, bevor er etwas sagt. Und lieber nichts sagt, wenn er glaubt, keine Antwort zu wissen. Auf die Frage etwa, ob das für ihn als Schauspieler einen Unterschied mache, dass er aus Ostberlin stammt und 1989 zusammen mit seiner Mutter zum ersten Mal in diese viel zu bunten Westsupermärkte stolperte.

Manchmal habe er das Gefühl, er habe sich jetzt auch einmal eine Pause verdient, sagt er. Geht einem nicht etwas verloren, wenn man so früh mit dem Schauspielern anfängt? Da antwortet er energisch: "Man kann auch etwas verlieren, wenn man nicht arbeitet." Es kommen eben immer wieder Angebote, die ihm gefallen. Dafür sei er dankbar, deshalb mache er erst einmal in diesem Tempo weiter. Er lässt sich dabei nicht groß beirren von Fans und Kommentaren in Internetforen wie "Max Riemelt ist Hammer!" Er lacht laut auf, wenn er das hört. Kriegt er gar nicht mit so was: "Ich und Computer: geht kaum. Ich habe nicht mal eine Email-Adresse." dafür habe er gar keine Zeit.

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