HOME

ARD-Mehrteiler "Im Angesicht des Verbrechens": Wie ein Graf die Russenmafia sieht

Deutsche TV-Serien haben es bei Kritikern nicht leicht, die auf amerikanische Formate wie "24" und "Mad Men" schwören. Dominik Graf hat sich an ein acht Stunden langes Russenmafia-Epos gewagt - und damit Erfolg gehabt. Das Erste sendet es nun in Doppelpacks.

Bei der Berlinale hätte er sich noch vor Aufregung am liebsten unter dem Kinostuhl verkrochen. Aber das war nicht nötig. Regisseur Dominik Graf wurde für sein acht Stunden langes Russenmafia-Epos "Im Angesicht des Verbrechens" gefeiert. Die Kritiker waren förmlich hingerissen. Beim Deutschen Fernsehpreis wurde die aufwendige Serie kürzlich als bester Mehrteiler ausgezeichnet. Jetzt startet der Zehnteiler im Ersten, nachdem er im Frühjahr schon auf Arte lief. Immer freitags um 21.45 Uhr gibt es zwei Folgen hintereinander.

Schauplatz der Mischung aus Krimi und Familiengeschichte ist Berlin. Hauptdarsteller ist Max Riemelt ("Die Welle", "13 Semester"), der mit dieser Rolle seine Fans nicht nur mit einem Nacktauftritt in Folge neun erfreuen wird. Der 26-Jährige spielt Marek Gorsky, einen jüdischen Polizisten und Sohn lettischer Einwanderer, dessen Bruder vor zehn Jahren ermordet wurde.

Seine Schwester Stella (Marie Bäumer) ist mit dem Russen Mischa (Misel Maticevic) verheiratet und führt ein Restaurant, das Treffpunkt der Mafiaszene ist. So gerät der junge Polizist, den seine Landsleute als "Müllmann" schmähen, in Konflikte. Wie kann er gegen das organisierte Verbrechen kämpfen und den Mörder seines Bruders finden, ohne seiner Schwester zu schaden?

Zusammen mit seinem Partner Sven Lottner (schön als Kraftmeier mit Berliner Schnauze: Ronald Zehrfeld) steigt Marek zum Beamten beim Landeskriminalamt auf. Doch dort gibt es Maulwürfe, die die Russen mit Tipps versorgen. Ein zweiter Handlungsstrang führt in die Ukraine, wo zwei junge Frauen unter falschen Versprechungen nach Berlin gelockt und in die Prostitution gezwungen werden. Eine Liebesgeschichte bahnt sich an, "Kindchen, unter Wasser siehst du den Mann, den du liebst", verspricht die Großmutter der jungen Ukrainerin Jelena (Alina Levshin).

Geschäfte werden beim Golf besprochen. Schmierige Freier schlummern in Bettwäsche mit Leopardenmuster, ein brutaler Russe bricht einem Partner mal eben die Hand. Und natürlich fließt viel Wodka. "Im Angesicht des Verbrechens" ist nicht frei von Klischees. Regisseur Graf ("Die Katze", "Das Gelübde") kann sich aber auf die ausgeklügelten Figuren und Spannungsbögen verlassen, die ihm Rolf Basedow ins Drehbuch geschrieben hat. Es reizte Graf, zu zeigen, dass Deutschland ein Schmelztiegel der Kulturen geworden ist. "Man muss die Klischees anders erzählen", hatte er sich vorgenommen.

Wohl zum ersten Mal bietet eine deutsche Serie Einblicke in die Welt jüdischer Einwanderer in Berlin: Wie lebt ein junger Mann, der aus dem Baltikum kommt? Wie sieht es bei seiner Familie zu Hause aus? Für deutsche Fernsehverhältnisse neu ist auch, dass Graf Russisch mit Untertiteln laufen lässt, den Figuren keine Kunstsprache in den Mund legt und sie auch mal nuscheln lässt.

Wie realistisch Grafs Einblick in die Berliner Mafiaszene ist und ob diese wirklich so bedrohlich ist, kann der Zuschauer nicht beurteilen. Aber er wird den vietnamesischen Zigarettenhändler, das russische Edelrestaurant und die Prostituierte am Straßenrand mit etwas anderen Augen sehen.

Die Besetzung ist international. Graf musste bei 150 Sprechrollen und Dreharbeiten von Berliner Hinterhöfen bis nach Osteuropa den Überblick behalten. Zweieinhalb Jahre war er mit seinem bisher größten Vorhaben beschäftigt, hinter den Kulissen lief nicht alles glatt. Das Projekt verzögerte sich.

Es war das erste Mal, dass Graf eine Serie von der ersten bis zur letzten Folge inszeniert hat. Er macht meistens nicht den Fehler, in steifen Dialogen die Handlung erklären zu lassen, sondern verlässt sich auf das Gespielte. Und er schafft, was im deutschen Fernsehen nicht oft gelingt: Die Serie entwickelt einen Sog und ist spannend.

Sie passt in eine Zeit, in der Zuschauer amerikanische Produktionen gar nicht erst im Fernsehen gucken, sondern in einem Rutsch auf DVD. Und selbst bei Hollywoodregisseuren scheint das TV in Mode zu sein: Martin Scorsese drehte für HBO die Saga "Boardwalk Empire", die 1920 spielt.

Die ARD war zuletzt mit Mehrteilern wie dem Krimi "Mord mit Aussicht" und der DDR-Serie "Weissensee" erfolgreich. Das Erste wolle auch im Seriellen neue Wege gehen, verspricht Programmdirektor Volker Herres. "Wir trauen uns Ungewöhnliches und wir haben den Mut zum langen Atem." Interessant wird, ob "Im Angesicht des Verbrechens" nicht nur die Kritik überzeugt, sondern auch gute Quoten bekommt. Auf Arte litt die Premiere jedoch ein wenig. Den allerersten Teil der Serie guckten im April 0,28 Millionen Zuschauer (1,1 Prozent). Schuld daran war aber auch ein FC-Bayern-Spiel, das zeitgleich lief.

Caroline Bock, DPA / DPA