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Internationale Filmfestspiele Berlin Zwischen Porno und Roboterliebe - warum die digitale Berlinale gescheitert ist

Berlinale
Dan Stevens in einer Szene aus dem Film "Ich bin dein Mensch" von Regisseurin Maria Schrader, der im Wettbewerb der Berlinale 2021 lief.
© Christine Fenzl/Berlinale / DPA
Wegen der Corona-Pandemie hat die Berlinale eine kleine Schwester bekommen. Fünf Tage lang durften Journalisten, Filmeinkäufer und Fachbesucher das Programm aus gut 130 Filmen digital begutachten. Am Schluss stand eine selten glanzlose Verkündung der Preise.

Im Juni soll dann bitte alles sein wie immer. Fotografen und Autogrammjäger am roten Teppich. Stars wie Michelle Pfeiffer und Tina Turner, Michael Caine und Jody Foster, die aus dunklen Limousinen steigen. Fans, die Schlange stehen für Filmkunst auf großen Leinwänden.

Doch wegen der Pandemie hat die 71. Ausgabe der Berlinale dieses Jahr eine kleine, frühreife Schwester bekommen. Fünf Märztage lang durften ausgewählte Journalisten, Filmeinkäufer und andere Fachbesucher das Programm aus gut 130 Lang- und Kurzfilmen schon einmal begutachten. Nur digital natürlich. Am Schluss stand eine selten glanzlose Verkündung der Preise. Zeit für eine Bilanz.

Die Deutschen

Waren selten so stark vertreten. Und so stark und abwechslungsreich. Dominik Graf ließ in seiner Erich Kästner-Verfilmung "Fabian" Tom Schilling durch das Berlin von 1931 irrlichtern. Liebe und Leid, Drogen und Partys, und auf den Straßen pfeifen bereits die Nazis.

Der beliebte Schauspieler Daniel Brühl spielte – und inszenierte – den beliebten Schauspieler Daniel Brühl für "Nebenan". Und muss aushalten, wie ein verbitterter Nachbar sein Leben zerlegt.

Maria Schrader, frisch Emmy-verwöhnt für ihre Netflix-Serie "Unorthodox", programmiert eine Liebesgeschichte zwischen einer Frau und einem Roboter-Mann. Was als romantische Komödie genauso herzerfrischend wirkt wie als zeitgemäßer Kommentar zu Künstlicher Intelligenz und Partnersuche.

Maria Speth beobachtet in ihrer dreieinhalbstündigen Dokumentation den Alltag an einer Gesamtschule, den Lehrer "Herr Bachmann und seine Klasse". Ein Film, der sofort Pflichtstoff werden sollte für viele Pädagogen und gestresste Eltern.

Anne Zohra Berrached ("24 Wochen") wagt für "Die Welt wird eine andere sein" sehr viel Nähe zu der Freundin eines der Terror-Piloten vom 11. September. Ein Thema, das selbst 20 Jahre danach noch viele schmerzliche Fragen offenlässt.

Die Verzwergung

Die "Nationale" funktioniert also schon einmal ganz gut. Aber was bleibt vom Anspruch "Internationale Filmfestspiele von Berlin"? Kurz und bitter gesagt: das diesjährige Programm wird nicht nur die Freunde von Hollywood enttäuschen. Es fehlen große Namen, bekannte internationale Regisseure, Filme zum Hinfiebern, Stars mit Strahlkraft. Stattdessen sehr viel, wenngleich sorgfältig kuratierte Kunst, die im normalen Kinobetrieb wenig Chance hätte. Die wenigen populären Glanzlichter – "French Exit" mit Michelle Pfeiffer, "Best Sellers" mit Michael Caine oder "The Mauritanian" mit Jodie Foster – waren zudem online für eine Sichtung gesperrt. Angeblich aus Angst der Filmverleiher vor Raubkopien.

Die Aufreger

Nicht einmal für einen Skandal hat es am Ende gereicht. Eine Doku über Willkür und Grausamkeiten der Israelis bei der Besetzung der palästinensischen Gebiete hatten einfach zu wenige Leute gesehen. Jeder Film war immer nur für 24 Stunden freigeschaltet.

Auch über die Empathie für den Öko-Terroristen und Unabomber Ted Kaczynski in "Ted K" sollte man zumindest diskutieren. Und wenn ein renommierter Regisseur wie Christian Schwochow ("Bad Banks", "Deutschstunde") so richtig danebengreift und für "Je suis Karl" Rechtsradikale wie popkulturelle Heilsbringer inszeniert, verursacht das erstaunlich wenig Wellen.

Internationale Filmfestspiele Berlin: Zwischen Porno und Roboterliebe - warum die digitale Berlinale gescheitert ist

Für einen Skandal braucht es wohl Publikum. Menschen, die angewidert oder entsetzt aus dem Kino stürmen und ihren Unmut twittern.

Die Mogelpackung

Wie überhaupt die ganze digitale Berlinale ihre Funktion als Verstärker und Echokammer einer Branche, die gerade gegen ihre Auslöschung kämpft und um Neuordnung ringt wie keine andere, so gut wie nie gerecht werden konnte. Wer wollte, konnte einen Wettbewerbsfilm im Schlafanzug auf seinem winzigen Handy-Bildschirm streamen – und nebenbei Müsli schroten. Und falls das immer noch zu unbequem war: Einfach die Funktion 2x wählen, jeder noch so gemächlich erzählte Beitrag läuft dann zumindest doppelt so schnell ab. Für mehr Konzentration, mehr Aufmerksamkeit für Filmkunst braucht es dann eben doch einen dunklen Saal, ein weites Blickfeld.

Die Höhepunkte

Waren spärlich gesät. Als Siegerin der Streaming-Herzen darf die Französin Céline Sciamma gelten. Nach dem wunderbar feinfühligen "Porträt einer jungen Frau in Flammen" schickt sie nun für "Petite Maman" ein Mädchen in einen Wunderwald. Dort trifft sie ihre Mutter als genauso kleines Mädchen, ein faszinierendes Wechselspiel zwischen Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart beginnt wie in einer zärtlichen Version von "Dark".

Und es gab die Premiere von "Cryptozoo", einem Zeichentrickfilm für Erwachsene, der sich so anfühlt, als hätten J. K. Rowling und die Erfinder von Jurassic Park gemeinsam sehr viele bunte Pillen eingeworfen. Walt Disney hätte bei so viel Lust an nackter Haut, Blut und anderen Grausamkeiten – unter anderem wird ein Einhorn gesteinigt – wohl einen Schwindelanfall bekommen.

Die Erkenntnis

Es war ein Experiment. Es ist gescheitert. Ein virtueller Filmmarkt als Treffpunkt für Käufer und Verkäufer hat durchaus seinen Sinn und seine Berechtigung im Frühjahr. Beim ganzen Rest – Pressevorstellungen, Jurys, Preise – hätte das größte Publikumsfestival der Welt abwarten sollen bis zum Sommer. Geduld und Muße können, gerade in der schnell drehenden Entertainmentwelt, auch eine Tugend sein.

Am Ende bleiben zwei Preise für die Deutschen. Die famose Roboter-Liebhaberin Maren Eggert als beste Hauptrolle, ein Silberner Bär von der Jury für Lehrer Bachmann.

Den Goldenen Zwergbär gewinnt ein Rumäne, der die Doppelmoral seines Landes so gnadenlos wie gewitzt seziert. Der Film "Bad Luck Banging" beginnt mit einer langen Szene aus einem Amateurporno und endet in einer Dildo-Orgie. Höchste Zeit, dass die Kinos wieder aufmachen.


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