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Polizeiruf 110: Wenn Gewaltfantasien Wirklichkeit werden

Mit drastischen Bildern widmet sich der Polizeiruf 110 "Der scharlachrote Engel" von Star-Regisseur Dominik Graf dem Thema Internet und Sex.

Sex und Crime am Wochenende um 20.15 Uhr zur besten Familiensendezeit, und das ausgerechnet beim sonst eher braven Bayerischen Rundfunk (BR) - das verwundert. BR-Filmchefin Bettina Reitz kündigt den recht drastisch in Szene gesetzten Krimi "Der scharlachrote Engel" so an: "Wir zeigen diesen Film bewusst zur besten Sendezeit, auch wenn er die Zuschauer sicherlich erschüttern und vielleicht sprachlos machen wird. Man muss solch ein Thema mutig anpacken. Und wie weit man in dem Genre gehen kann, zeigt uns der Regisseur."

Der heißt Dominik Graf und garantiert schon mit seinem Namen für hohe Qualität. Was er - gemeinsam mit seinem kongenialen Drehbuchautor Günther Schütter - liefert, ist allerdings keine leichtverdauliche Kost: Der "scharlachrote Engel", der in dieser "Polizeiruf"-Folge den Münchner Kommissaren Jo Obermaier (Michaela May) und Jürgen Tauber (Edgar Selge) massive Probleme bereitet, ist eine schöne Jura-Studentin (Nina Kunzendorf), die sich nächtens als laszive Stripperin Angel vor der Videokamera fürs Internet auszieht. Einer ihrer Kunden (Martin Feifel) sucht sie zu Hause heim, vergewaltigt und verprügelt sie und bringt sie fast um. Er glaubt, es sei sein Recht, die Gewaltfantasien, die das Internet bei ihm erzeugt hat, in der Realität auszuleben.

Drastische Erzählweise

Wie er das tut, wird recht deutlich gezeigt. BR-Redakteurin Cornelia Ackers hat deshalb den Film frühzeitig sowohl dem hausinternen wie auch dem übergeordneten ARD-Jugendschutz vorgelegt und noch einige Szenen herausgeschnitten. Sie findet die drastische Erzählweise durchaus gerechtfertigt: "Es geht um die Vereinsamung und Vereinzelung der Menschen in unserer vom Internet bestimmten Gesellschaft und darum, wie alle Hemmschwellen in der virtuellen Welt fallen. Wenn die Realität plötzlich einbricht, wird ein hohes Aggressionspotenzial freigelegt."

Bei der Rohschnittabnahme, so erzählt Ackers, hätten ihr "die Hände gezittert". Und deshalb hat der Bayerische Rundfunk einen Chat-Room im Internet eingerichtet, in dem die Zuschauer im Anschluss an den Film ab 21.45 Uhr mit Dominik Graf und Cornelia Ackers über ihre Ängste diskutieren können. Ackers ist auch auf Kritik an der Gewaltdarstellung gefasst.

"Was wir hier sehen", sagt dazu Dominik Graf, "sind die Auswirkungen einer noch gar nicht im öffentlichen Bewusstsein erfassten anderen Bildungskatastrophe: Dass wir zunehmend verlernen, das, was wir sehen, auch richtig einzuordnen - als Wirklichkeit oder als Fiktion, als Propaganda, Marketingtrick, Mythologisierung oder Satire, als Show oder als "echtes Leben". Über seinem Film liegt vor allem eine große Traurigkeit: Keine der Figuren ist noch zu echter Liebe fähig. Und die Männer sind hier allesamt Schweine - sogar der gute Kommissar Tauber wird zum Voyeur.

Juliane Nitzke, DPA / DPA
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